Irmin Schmidt "Meine alten Freunde besuchen mich im Traum. Es ist jedes Mal schön, die wiederzutreffen"

© David Lakenbrink & Mirko Kraeft
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 49/2018

Ich gehe eine Straße entlang, rechts von mir von der Abendsonne angestrahlte Hausfassaden, schön wie Paläste. Allerdings sind alle Fensterhöhlungen offen – und dahinter nur Schutt und Ruinen. Ich weiß, dass ich da unter keinen Umständen reindarf.

Diesen Traum hatte ich immer wieder seit meinem elften Lebensjahr, stets identisch, ohne Variationen. Wenn er mal längere Zeit nicht da war, habe ich mich nach diesem Traum regelrecht gesehnt und versucht, mich in ihn hineinzuträumen. Was mir nie gelungen ist.

Vor fünf Jahren hatte ich dann einen Traum, bei dem ich auf einem Neubaugelände unterwegs war. Da wurden riesige, hässliche Häuser gebaut. Ich lief über Bauschutt, und plötzlich war vor mir ein großes Loch. Ich musste dringend mal und überlegte, in dieses Loch hineinzupinkeln. Da ging mir auf, dass unten in diesem Loch meine alten Ruinen aus dem anderen Traum liegen. Die alten Fassaden waren abgerissen worden, aber unten gab es noch die Keller. Ich habe mir dann einen großen Stein genommen und damit das Loch sorgfältig verschlossen. Dann bin ich aufgewacht, und ich begriff, dass ich meinen alten Traum begraben hatte.

Ich war 1946 neun Jahre alt, als wir aus Österreich, wohin wir evakuiert worden waren, nach Deutschland zurückgekommen sind. Das war eine unglaublich mühsame Reise. Wir sind dann in Nürnberg gelandet und blieben eine Woche lang in einer Ruine, die schon wieder halbwegs aufgebaut war. Der Rest der Straße lag in Schutt und Asche. Dieses schockartige Erlebnis einer zerstörten Stadt, nachdem ich die Kriegsjahre geschützt in den Alpen verbracht hatte, hat vermutlich den Fassadentraum ausgelöst. Diese Trauer um ein verwüstetes Land, die ich eigentlich mein ganzes Leben mit mir herumgeschleppt habe – die habe ich mit dem Baustellentraum endlich begraben.

In anderen Träumen mache ich oft Musik. Mal dirigiere ich eine Orchesterprobe und habe Spaß, manchmal ärgere ich mich dabei aber auch so fürchterlich, dass ich aufwache. In anderen Träumen besuchen mich Michael Karoli, Jaki Liebezeit oder Holger Czukay, meine alten Freunde von Can, die leider alle verstorben sind. Daran, was für Musik wir in diesen Träumen machen, erinnere ich mich leider nie, aber es ist jedes Mal schön, die wiederzutreffen.

Neulich hatte ich einen Traum, der zum Weinen schön war. Da war ich in einem kleinen Boot auf einem See. Am Ufer standen riesige schwarze Bäume, deren Äste über dem Wasser hingen. Alles war ganz still. Am Rande des Sees war eine Hügelkette, auf der ganz oben ein Pferd stand, davor ein Mann, der einen Speer warf. Aber dieser Speer hing vor ihm in der Luft, wie bei einer Fotografie. Alles war in einen zarten, silbrigen Nebel gehüllt. Die Stimmung war unendlich melancholisch. Irgendwann wurde mir klar, dass das ein Traum vom Tod war und dass der Mann mit dem Speer mein Freund Michael Karoli ist.

Wenn ich keine Träume mehr hätte, würde ich mich ziemlich unwohl fühlen.

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