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Offenbach Stadt der Träumer

Während das Leben in den deutschen Metropolen Jahr für Jahr teurer wird, suchen sich Einwanderer, Künstlerinnen und Studenten ihre Freiräume woanders. Zum Beispiel in Offenbach, das neben Frankfurt am Main liegt. Ein Rundgang durch einen ungewöhnlichen Sehnsuchtsort Von
ZEITmagazin Nr. 49/2018

Offenbach sieht vielerorts wenig einladend aus. Dabei gilt die Stadt, deren Zentrum mit Betonbauten zugestellt ist, als Ort der Ankunft. Schon in den Achtzigerjahren war sie für viele Menschen aus dem Balkan eine Art inoffizielle Transitzone, durch die man nach Deutschland gelangte. Mittlerweile leben über 150 verschiedene ethnische Gruppen hier, Offenbach ist die Stadt mit dem höchsten Ausländeranteil Deutschlands. Man spricht deshalb auch von der "deutschen Bronx", in Anlehnung an den New Yorker Arbeiterbezirk.

Wegen ihrer Betondichte mag die Stadt als hässlich verrufen sein, aber die Nachfrage nach Immobilien ist auch hier groß. Die wachsende Attraktivität hängt mit den vielen Künstlern zusammen, die sich neuerdings in der Stadt ansiedeln. Wer früher sein Studium an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung beendet hatte, versuchte häufig so schnell wie möglich nach Berlin oder wenigstens ins benachbarte Frankfurt zu gehen. Das ändert sich gerade: "Wir beobachten, dass sich immer mehr AbsolventInnen beruflich innerhalb Offenbachs orientieren", sagt Professor Kai Vöckler von der Hochschule für Gestaltung.

Der Boom Offenbachs ist eng mit dem Wohlstand der großen Schwester Frankfurt verknüpft. Dort wird das Leben immer teurer, das macht die schmuddelige Nachbarin zum Wohnen attraktiver. Offenbach ist eine ehemalige Industriestadt, es gibt viel Leerstand in ehemaligen Fabriken, Druckereien oder Kaufhäusern. Und noch ist nicht das Gentrifizierungsstadium von Städten erreicht, in denen an solchen Orten Matcha-Cafés oder Smoothie-Bars eröffnen. "Die Gebäude bleiben entweder leer, oder es eröffnet eine Spielothek. Oder sie werden als Atelierräume genutzt", sagt die Kulturreferentin Sabine-Lydia Schmidt.

Viele Offenbacher schwärmen von der Hilfsbereitschaft ihrer Nachbarn und Kollegen. Die Gemeinschaft lässt sich erahnen, wenn man morgens um sieben Uhr in der Frankfurter Straße bei der Pasticceria San Remo vorbeischaut. Dort stehen Mitarbeiter der Müllabfuhr, bei der viele Italiener arbeiten, in voller Montur am Tresen und diskutieren auf Italienisch über Politik. Wenn man im Sommer am Mainufer spazieren geht, grillen die Offenbacher auf einer Wiese. Vergleicht man die Kriminalitätsrate mit der anderer deutscher Großstädte, liegt die Stadt am Main im Mittelfeld. Dafür werden überdurchschnittlich viele Straftaten aufgeklärt; nur Trier hat eine höhere Aufklärungsquote. Das liege daran, dass sich Täter und Opfer meist kennen, vermutet die Schriftstellerin Silke Scheuermann, deren Roman Wovon wir lebten zu großen Teilen in Offenbach spielt.

Scheuermann ist vor zehn Jahren von Frankfurt hierher gezogen. Anfangs fand sie die Stadt sehr verschlossen: "Ich habe mich gefragt: Wo ist der Bach aus Offenbach? Der Blick auf den Main von der Innenstadt aus war völlig zugebaut. Das ist zwar heute immer noch so, dafür gefällt mir die Stadt insgesamt besser. Heimat ist ja manchmal gerade dort, wo es hässlich ist."

An vielen Stellen versuchen Offenbacher, ihre Stadt zu verschönern – etwa, indem sie Häuserwände bemalen oder Blumen auf einen Parkplatz stellen. In mehreren Straßen im Mathildenviertel haben die Anwohner die Beete am Bürgersteig neu bepflanzt. Und die Initiative Hauptbahnhof möchte den heruntergekommenen Bahnhof durch Kulturveranstaltungen aufwerten. In der ehemaligen Bahnhofswirtschaft wurde auch schon mal Kunst ausgestellt. Das alte Hafengebiet wurde mit Ausstellungsräumen und durch eine neue Erholungswiese belebt. In seiner Hässlichkeit lässt Offenbach viel Raum für Fantasie.

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