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Offenbach "Jetzt ist die Interessanteste Zeit, hier zu leben"

Sagt die Schriftstellerin Silke Scheuermann über ihre Wahlheimat Offenbach. Warum? Darüber unterhält sie sich mit Sabine-Lydia Schmidt, Kulturreferentin der Stadt und Inhaberin eines Plattenlabels. Interview:

ZEITmagazin: Frau Scheuermann, Frau Schmidt, wenn Sie jemanden überzeugen wollten, unbedingt zu Ihnen nach Offenbach zu ziehen, wie würden Sie das anstellen?

Sabine-Lydia Schmidt und Silke Scheuermann © Daniel Stier

Silke Scheuermann: Das bräuchte ich gar nicht, im Moment wollen eh viel zu viele Leute nach Offenbach.

Sabine-Lydia Schmidt: Als ich meinen Freund in Frankfurt kennengelernt habe, habe ich ihn nach Offenbach eingeladen. Wir sind um die Häuser gezogen. Von der Weinstube, die es damals noch gab, zur Pasticceria, zum Mainufer, am Hafen 2 haben wir noch ein Bier getrunken. Das hat funktioniert, er ist vom Frankfurter Nordend zu mir nach Offenbach gezogen.

ZEITmagazin: Wenn Freunde Sie zum ersten Mal in Offenbach besuchen kommen, was zeigen Sie ihnen?

Schmidt: Unseren Wochenmarkt, das Bembelboot, das einmal am Tag unten am Main anlegt, wo man Apfelwein-Bier trinken oder eine Rindsbratwurst essen kann. Außerdem gehe ich gerne in den Waggon, der auch am Mainufer liegt. Dort gibt es Konzerte, Lesungen, Barabende. Ich liebe auch die portugiesischen Fußballkneipen, da würde ich niemanden allein hinschicken, aber ich würde ihn dahin mitnehmen.

ZEITmagazin: Sind die so rau?

Scheuermann: Es gibt hier solche Sportkneipen, da wird nicht nur ausgeschenkt, sondern mit allem Möglichen gehandelt. Ich bin da innerhalb einer Stunde meinen uralten Mercedes losgeworden, den ich eh nie benutzt habe. Im Moment machen viele zu, ein bisschen schade.

Schmidt: Sie machen auch eher zu, als dass sie umziehen. Um das Caffe Cuore tut es mir richtig leid. Das war ein italienischer Krimskramsladen und ein Restaurant, da traten auch immer Livebands auf.

ZEITmagazin: Wie steht es um die Kiezkultur hier?

Schmidt: Ganz Offenbach ist nur ein Kiez.

Scheuermann: Das ist auch das Schöne, dass es so klein ist. Ich wohne hier im Mathildenviertel und gehe ungern außerhalb des Wilhelmsplatzes weg. Ich mag den Belgier Le Belge mit hundert Biersorten. Außerdem gibt es jetzt zwei Japaner im Viertel. Das wäre vor zehn Jahren noch undenkbar gewesen. Meine Hundetour, auf die auch jeder Gast mitgeschleppt wird, geht erst Richtung Main, Richtung Büsingpalais, danach spazieren wir ein bisschen durch den Büsing-Park, und dann laufen wir durch die Innenstadt. Man hat hier alles, was man braucht, und muss nicht wie in Berlin drei Stunden durch ganze Stadtviertel reisen, um zum Zahnarzt zu gehen.

Schmidt: Ich habe einen Radius von 300 Metern, in dem ich alles erledigen kann. Meine Arbeit ist 300 Meter entfernt, dazwischen gibt es Supermärkte. So habe ich Zeit, Dinge nach der Arbeit zu unternehmen.

Scheuermann: Vor zehn Jahren konnte man hier noch nicht ausgehen. Jetzt merke ich, dass ich von Jahr zu Jahr weniger nach Frankfurt fahre. Selbst Yogastudios gibt es hier. Man hat mittlerweile fast alles hier vor Ort, warum also dahin gurken?

ZEITmagazin: Haben Sie viele Freunde hier?

Scheuermann: Meine Freunde sind im Laufe der letzten zehn Jahren meistens nach Berlin gezogen, auch wegen der Arbeit. Die wollten aber gar nicht unbedingt weg von hier. Mittlerweile werde ich sogar von vielen Frankfurtern gefragt, die Kinder kriegen und eine größere Wohnung suchen, ob ich etwas in Offenbach kenne. Als ich vor zehn Jahren Martin Mosebach erzählte, dass ich von Sachsenhausen nach Offenbach ziehe, wurde er kreidebleich und sagte ganz langsam: "Oh. Von Sachsenhausen nach Offenbach. Das ist ja eine große Unternehmung."

ZEITmagazin: Können Sie mir einen guten Witz verraten, den Frankfurter über Offenbacher machen?

Schmidt: Diese Witze gehen mir auf den Senkel.

ZEITmagazin: Oder andersrum? Ein Frankfurter hatte mir erzählt, "OF" auf dem Nummernschild stehe für "Ohne Führerschein".

Schmidt: Neulich habe ich gelesen: Was Offenbach für Frankfurt ist, ist Hanau für Offenbach.

Scheuermann: Hanau ist das neue Offenbach. Hanau ist auch nicht schlecht, da würde ich gleich mal ein Auge drauf haben, noch geht es da mit den Mietpreisen. Dort gibt es viele kleine spezialisierte Geschäfte, die nicht zu Ketten gehören, zum Beispiel Innendesignläden. Ich bin bis jetzt zugegebenermaßen vor allem zum Umsteigen dort.

ZEITmagazin: Eine Gemeinheit, dass der ICE nicht in Offenbach hält?

Scheuermann: Der Offenbacher Bahnhof ist eine Katastrophe. Das ist furchtbar, es gibt nicht mal einen Zeitschriftenkiosk, es ist verfallen, es ist dunkel, die Polizei patrouilliert da. Ich sage meinen Gästen: Steigt bloß nicht am Hauptbahnhof aus! Kommt mit der S-Bahn von Frankfurt. Ihr Eindruck von der Stadt ist sonst hinüber.

Schmidt: Stimmt. Dafür gibt es die "Initiative Hauptbahnhof". Diese Gruppe versucht, den Bahnhof wiederzubeleben, vielleicht auch als Kulturort. Da gibt es eine ehemalige Bahnhofswirtschaft, in der zwischenzeitlich mal Kunst ausgestellt wurde. Den alten Bahnhofsgarten haben sie in Eigenleistung gepflegt. Vielleicht wird der Bahnhof ja eines Tages zum Glänzen gebracht.

ZEITmagazin: Als wie gefährlich empfinden Sie Offenbach?

Schmidt: Ich fühle mich in Offenbach sicherer als in einem Moskauer Außenbezirk mit vielen Plattenbauten, wo es wenig Leben auf der Straße gibt. Mein Nachbar sagt mir sofort, wenn ich mal das Fenster offen gelassen habe.

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