Schmerz "Dinge tun weh, auch wenn sie das nicht mehr sollten"

© Aline Zalko
Gute Ratschläge gegen Schmerzen bekommt man schnell und ungefragt. Hilft ja alles nicht! Und besonders schlimm ist es, wenn die eigenen Kinder an Weh und Ach leiden. Von
Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 49/2018

Luna hat manchmal Probleme mit Schmerzen. Schmerzen im Nacken, Schmerzen im Kiefer. Manchmal, sagt sie, könne sie gar nichts essen, manchmal nicht schlafen vor lauter Schmerzen. Ich glaube, ich habe Schmerz anders kennengelernt als meine Tochter. Für mich ist Schmerz etwas, das kommt, wenn was kaputt ist. Man muss es reparieren, dann ist der Schmerz weg. Wenn es weiter wehtut, ist immer noch was kaputt. Wenn der Arzt sagt, es ist nichts kaputt, aber trotzdem Schmerzen da sind, bildet man sich was ein. Oder man ist eine Memme. Ein Bekannter von mir hatte immer wieder über Schmerzen in der Herzgegend geklagt. Er ging zum Arzt, der Arzt untersuchte ihn und meinte, er sei gesund. Irgendwie dachte ich damals, mein Bekannter sei eine Memme. Ich wollte das nicht denken, aber irgendwie dachte ich es doch, auch wenn es unfair war. Dann hatte er einen Zusammenbruch und musste wegen Burn-outs seinen Job aufgeben. Er hätte auf sein Herz hören sollen.

Lunas Schmerzen sind anders. Wenn sie davon spricht, bin ich meistens hilflos. Ich versuche dann gute Tipps zu geben: "Mach dir doch eine heiße Badewanne", "Leg dich ins Bett." Gerne auch: "Nimm eine Tablette." Aber alles hilft nur so mittel. Luna sagt, sie hasse Schmerzen. Es sei ein schlechtes Signalsystem. "Die Dinge tun weh, auch wenn sie nicht mehr wehtun sollten." Sie sagt, es sei, wie wenn man auf eine heiße Herdplatte fasse. Die Hand ziehe man sofort weg. Aber die Schmerzen blieben. Wenn Luna so spricht, weiß ich eigentlich nie, ob sie damit körperliche Schmerzen meint oder seelische. Oder ob es dabei überhaupt eine Abgrenzung gibt. Vielleicht kann man keine körperlichen Schmerzen empfinden, ohne seelisch zu leiden. Und kein seelisches Leid ohne körperliche Schmerzen empfinden.

Ich selbst erinnere mich, dass die Jugend die Zeit war, in der ich am meisten gelitten habe. Wenn ich vergebliche Liebe empfand, hat das wehgetan. So sehr, dass diese Schmerzen kaum auszuhalten waren. Hätte mich jemand gefragt, wo es denn wehtue, hätte ich geantwortet: im Herzen.

Es war die Art von Schmerzen, die nicht einfach so weggehen oder ganz langsam abheilen, sondern immer wieder böse aufflammen. Wenn ich mich erinnere, was die schlimmsten Schmerzen waren, dann ganz gewiss solche. Ich hätte mir die Organe aus dem Leib gerissen, hätte ich gekonnt. Ich weiß nicht, ob ich heute überhaupt noch einmal solche Schmerzen empfinden könnte.

Ich habe mal gehört, dass die Schmerztherapie heute nicht mehr mit Tabletten arbeitet. Es ist wohl so, dass man das Empfinden der Schmerzen nur schwer ausschalten kann, aber man kann Menschen dazu bringen, weniger zu leiden. Weil Schmerzen immer auch eine seelische Komponente haben. Luna sagt, sie mache Yoga, wenn sie Schmerzen habe. Das helfe. Ich versuche Luna einfach zum Essen einzuladen, wenn es ihr nicht gut geht. Wenn wir dann beisammensitzen und gute Gespräche haben, schwindet das Leid für eine Weile. Und wenn wir uns verabschieden, sie wieder in ihre WG geht und ich zurück in die Wohnung, tut mir das immer etwas weh.

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Was wir heute unterschätzen ist, dass Gedanken unseren Körper formen. Will heißen, dass ständige Anspannung und Probleme unseren Körper verspannen, die Muskeln anspannen ohne zu entspannen. Das verkürzt auf Dauer die Muskeln, kann zu Nackenschmerzen, Kopfschmerzen, Bandscheibenvorfällen führen.
Was hilft?
Ausgiebiges Dehnen des Körpers und seiner Muskeln. Der Schmerz ist weg, die Gedanken können wieder frei fließen, haben genug Raum, um sich zu entwickeln. Ich habe das in einem Alter begonnen, in dem sich andere schon nach einem Pflegeheim umsehen.
Es ist eine Gnade ohne Schmerzen rumzulaufen, sich zu bewegen, stehen und laufen zu können ohne Unsicherheit. Nun muss ich aber sagen, dass ich seit zwanzig Jahren mal mehr mal weniger ins Fitnessstudio gegangen bin. Stattdessen gehe ich in diese Dehnungsgruppe. Gestern habe wir unsere Zehen gedehnt, das zog bis in den Rücken. Lach.
Was hilft, muss jeder für sich herausfinden.
Chi Gong war schon mal nahe dran bei mir.
Und Lernen, belastende Gedanken laufen zu lassen, damit sie einen nicht verkrampfen und die Muskeln verkürzen. Wer studiert und Karriere machen will, sollte rechtzeitig Zeit nur für sich einplanen. Es ist das Paket, das uns hilft.

falls luna schonmal beim auf kiefergelenksproblematiken spezialisierten Zahnarzt ausführlich untersucht wurde und der nichts gefunden hat, entschuldige ich mich für meine überflüssige ratschlaggeberei. falls nicht: das wäre bei nacken- und kiefergelenksschmerzen m.m. nach der erste Ansprechpartner nach dem hausarzt! (ich bin keine wirkliche fachfrau, aber immerhin zahnmedizinstudentin, und von den genau gleichen Symptomen seit vielen jahren selbst betroffen). bevor man sich auf die Behandlung von Symptomen beschränkt oder gar (wie in einigen vorkommentaren) alles aufs mentale konzentriert, sollte man doch auf jeden Fall gründlichst nach den Ursachen suchen und diese wenn möglich behandeln. zumal so ein dysfunktionales kiefergelenk ohne Behandlung im lauf der Jahre immer schlimmer wird. nicht nur, was die schmerzen, sondern auch was die Funktion angeht.

Wie schon gesagt wurde, auch ich möchte nicht mit unnötigen Ratschlägen nerven...Fachfrau bin ich sowieso nicht, aber meine Zahnärztin hat bei mir auch ein dysfunktionales Kiefergelenk (CMD, falls jemand danach googeln möchte) festgestellt. Bevor ich bei ihr war, habe ich davon noch nie etwas gehört. Es ist erstaunlich, was anscheinend damit alles zusammenhängt. Von Depressionen, Stimmungsschwankungen, über Knieschmerzen und Schmerzen im Gesicht, Rücken, Nacken, Kopf und Kiefer ist alles dabei.
Nachdem mir eine spezielle Aufbissschiene angefertigt wurde, bin ich schmerzfrei, viel beweglicher und die fehlenden Verspannungen wirken sich auch deutlich auf die Psyche aus. Insgesamt fühle ich mich entspannter, gelassener und ruhiger. Gegen sonstige Sorgen und Probleme in dem Alter hilft das natürlich nichts. Die liegen bei mir auch noch nicht lange zurück... Und es ist ja auch bei weitem nicht alles schlecht und schlimm in dem Lebensabschnitt sondern auch super aufregend, spannend, spaßig, euphorisch, überglücklich usw :)

Das klingt sehr nach Beschwerdeursache im psycosozialen Bereich. Prinzipiell suchen Patienten den Grund ihre Verspannungen/Schmerzen im somatischen Bereich. Kein Wunder, es ist ja auch, der Körper der schmerzt. In aller Regel stecken hinter den Beschwerden aber unbewusste Ängste, falsche Abhängigkeiten oder - positiv ausgedrückt - Chancen zur Entwicklung von mehr Autonomie, Freiheitsgraden, zur Entfaltung eines bunteren, reicheren Lebens „Die Sprache der Seele“ zu entziffern und wirkliche Veränderungen einzuleiten kann den Modus vivendi innein nachhaltiges Savoir vivre verwandeln.
Wohl dem, der um diesen Zusammenhang weiß! Je ablehnender Patienten gegenüber dieser Sichtweise sind, desto länger rennen sie von Arzt zu Arzt, desto mehr Pillen und fragwürdige weitere Therapien werden ihnen verordnet. Auf diese Weise verwandeln sich Chancen in chronische Krankheiten. Gut für die Pharmaindustrie, schlecht für die Betroffenen.