© Mrzyk & Moriceau

Singles Liebe Männer. Liebe Frauen

Zwei ZEIT-Autoren erzählen von ihren Erlebnissen bei der Partnerwahl.
ZEITmagazin Nr. 49/2018

Die männliche Perspektive lesen Sie auf Seite 2.

Liebe Männer

Wie ist es, mit Ende 30 Single zu sein? Hier erzählt eine Frau.

Er sagt: Bestimmt hast du dir auch schon Gedanken gemacht, was das ist mit uns – also, ich bin sehr gern mit dir zusammen ...

Ich sage: Ja, ich auch ... Ich denke: Klar habe ich mir Gedanken gemacht, ziemlich viele sogar. War ja viel Zeit in zwei Monaten, in denen wir nie über uns geredet haben. Er sagt: Ich bin an einem Punkt im Leben, ich will Nägel mit Köpfen machen, ich habe einen guten Job. Und Familie – warum nicht ... Ich denke: Wow. So eine Ansage hätte ich jetzt aber nicht erwartet. Ich dachte, du willst Party machen? Dich austoben? Neulich hattest du doch erst ein Bewerbungsgespräch in Madrid. Er sagt: Ich könnte ja ein paar Wochen bei dir einziehen zur Probe. Ich sage: Hmm ... Ja, klar. Nach meinem Urlaub dann. Ich habe ja zwei Schlüssel. Ich denke: Das geht aber schnell.

Aber vielleicht sollte ich es einfach probieren. Vielleicht kommt die Liebe mit der Zeit. Und ist dann viel nachhaltiger als so ein Ding mit der großen Euphorie am Anfang. So gibt’s wenigstens keine Blase, die platzen kann. Außerdem: Ich bin Ende 30, ich bin in Berlin, ich will eine feste Beziehung, Vertrauen, Verbindlichkeit. Und auch Familie. Eine große Frage gerade: Wird das noch was mit Kindern oder wenigstens einem? Langsam wird die Zeit knapp – wer weiß, ob ich es mir leisten kann, auf den Traumprinzen zu warten. Also kann ich so ein Angebot eigentlich nicht ausschlagen ...

Steffen, Anfang 30, und ich, Ende 30, sind seit zwei Monaten zusammen, wenn man das so nennen kann. So richtig verliebt bin ich nicht – es hat sich eher irgendwie ergeben. Man hat sich getroffen, dann eben noch mal und noch mal. Es ist Sonntag, und wir sehen wahrscheinlich so aus wie all diese Paare, die man am Ufer entlangspazieren sieht und von denen man denkt: Die haben sich gefunden, bestimmt haben sie am Samstag zusammen den Wocheneinkauf gemacht und malen sich gerade ihre gemeinsame Zukunft aus. Steffen und ich jedenfalls kommen gerade von einer Performance, Is there love in Berlin? Es ging um gescheiterte offene und gescheiterte nicht offene Beziehungen. Um Leute, die nicht wissen, was sie wollen. Wir wollen anders sein, versteht sich. Den Gegenbeweis antreten, dass es das sehr wohl gibt: echte Liebe in Berlin.

Eigentlich träume ich selbst auch immer noch vom romantischen Gesamtpaket, der großen Liebe, aus der dann ein Kind entsteht. Aber das Angebot ist nicht gerade groß, die Nachfrage umso größer. Wenn ich nach dem gehe, was ich so höre, wird Liebe immer mehr ökonomisiert. Früher arrangierten die Eltern Ehen, heute macht das der Markt. Nicht mehr die Familie bestimmt, wer es sein soll, sondern das Rating diverser Freunde, Bekannter, Kollegen – überall soll der Partner vorzeigbar sein. Früher ging es um den Charakter, heute um Leistung. Früher träumte man von dem "Richtigen", heute vom "Optimalen". Klingt unromantisch, und das ist es auch. Dabei war die romantische Idee doch so lange so haltbar, sie war groß bei Eichendorff oder Novalis, sie hat Kirchen und Diktatoren überlebt. Dabei ist es ja so einfach, sie kaputt zu machen! Ein bisschen neoliberales Optimierungsdenken, und der Zauber ist weg.

Single-Frauen, die schon Kinder haben, haben immerhin den Vorteil, dass die biologische Uhr nicht mehr tickt, oder wenigstens nicht so laut. Eine Freundin genießt gerade nach Jahren einer nur mehr oder weniger funktionierenden Partnerschaft das Single-Dasein. Wenn das Kind abwechselnd mal bei Mama, mal bei Papa ist, heißt das auch: jede zweite Woche Freiheit. Bei einer anderen zerstört der Streit um die Zeit mit dem Kind jede Freiheit, und bei der dritten ist gar kein Vater da, der sich kümmert. Kindergeschrei statt romantischer Flirterei.

Ich weiß nicht genau, was Steffen sich gedacht hat. Als ich mich auf die Idee einlasse, dass wir ein Paar sind, ganz verbindlich, und ihm die Schlüssel in die Hand drücke, lässt er sich doch Zeit mit dem Einzug, er wird immer kühler, distanzierter. Er meldet sich zwar zuverlässig, wir sehen uns regelmäßig. Aber da fehlt die Wärme, das Gefühl von Nähe. Bloß keine Umarmung zu viel und bloß nicht länger als zwei Nächte am Stück bei mir. Ich sage erst mal nichts, aber ich frage mich schon: Stelle ich mich an? Ist er chronisch gefühlskalt? Hat er eine andere? Vielleicht spürt er, dass ich nichts Halbes will. Und das ist ihm dann doch zu viel.

Schließlich zieht er ein. Zwei Wochen später sitzen wir auf dem Sofa. Ich sage: Wir müssen reden. Er sagt: Ich fühle mich überfordert. Mir geht das alles zu schnell. Ich denke: Er will eigentlich gar keine Nähe. Keine Familie. Zumindest nicht mit mir.

Steffen passt perfekt in die Geschichten aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis. Sie sind nicht repräsentativ, mehr Privatempirie aus einer Berliner Mittelschichtsblase. Das Drehbuch ist oft ähnlich: Von 100 auf null. Große Euphorie am Anfang, Sterne am Himmel. Dann das schwarze Loch, und er ist weg. Weil er doch eine Frau hat, weil er nur was für einen Abend wollte, oder die Gründe sind unbekannt, weil er einen einfach "ghostet" (also kommentarlos von der Bildfläche verschwindet).

Dieses schnelle Wegtauchen findet die Psychologin Benigna Gerisch, die an der Berliner International Psychoanalytic University unter anderem zu "Liebe in Zeiten der Beschleunigung" forscht, nur logisch. Warum sollte eine Beziehung in einer Zeit, in der alles von der Wohnung bis zum Arbeitsvertrag auf Flexibilität und Mobilität ausgerichtet ist, von Dauer sein?

Aber suchen wir nicht alle nach der großen Liebe, nach Ankommen, Aufgehobensein? Wo ist dieser Moment, in dem es kippt? Warum probiert man es nicht wenigstens mal, also länger als zwei Wochen? Sonst ist man Ende 30 und merkt, die Ressourcen werden knapp da draußen. Man steht da mit seinem Ein-oder-zwei-Kinder-Ziel und fragt sich, wie man das noch schaffen soll in den nächsten fünf Jahren. Die biologische Uhr macht Frauen immerhin oft kompromissbereiter. Pragmatischer. Mit jeder Geschichte dieser Art, die man selbst erlebt oder von Bekannten hört, denkt man: Besser nicht mehr so viel erwarten. Eine Bekannte, erzählt sie, sei nie verliebt gewesen in ihren Freund. Sie ist aber seit vielen Jahren mit ihm zusammen, die beiden haben drei Kinder. Wo es von vornherein keine Illusion der großen Liebe gibt, kann sie nicht verloren gehen.

Auch wenn das bei mir bisher nicht funktioniert hat: Mit dieser Einstellung sind wir nahe bei unseren Großeltern, die sich halt mal entschieden haben, Punkt. Aber wenn die Entscheidung einseitig ist, hilft das nicht. Steffen hat die Macht. Er hat noch Zeit. Ich nicht. "Marktnachteil" nennt die Expertin das.

Kurioserweise sind auch Frauen wählerisch, selbst wenn gar nicht viel übrig ist im "Männerregal": Viele suchten nicht einen Menschen an ihrer Seite, sagt Gerisch, sondern narzisstisch nach einem Bild, das ihr Selbstbild aufwerte. Am Ende steht das "Brangelina-Powerpaar": Beide sehen toll aus, sind schlau, beruflich erfolgreich, haben entzückende Kinder. Bis sie vielleicht merken, hoppla, vielleicht schaff ich das gar nicht, vielleicht bin ich meinen und seinen Erwartungen gar nicht gewachsen. Und, klar, ich habe auch schon Männer kennengelernt, denen ich gar nicht erst ernsthaft eine Chance gegeben habe. Der eine war zu sehr Hippie, der andere zu dominant, oder er wollte, dass es nur noch ein "Wir" gibt, kein "Ich". Da ist es verlockend, vom Problem abzulenken und zu sagen, vielleicht gibt es doch noch einen Besseren.

So ein Hoppingleben hat Suchtpotenzial, zumindest in der großen Stadt. Die Berlin-Bubble, das ganze Leben: diese Leichtigkeit. "Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne." – Hermann Hesse. Und wenn der Geliebte dann gleich wieder weg ist, wird er zur Projektionsfläche, die kaum zu überbieten ist: Man kann weiter glauben, dass es den Perfekten gibt. Dass eine Beziehung nicht auch Arbeit bedeutet. Da ist es einfacher, in seinen eigenen Freiraum zu fliehen – oder in die virtuelle Welt.

Gefühlt die Hälfte der Männer stellt auf Datingseiten gleich ganz oben im Profil klar: "Nur offene Beziehungen".

Ich treffe Steffen nach zwei Wochen wieder. Er sagt: Hasst du mich jetzt? Ich sage: Nö, warum? Ich denke: Schließlich waren wir beide nicht verliebt.

Ich will in denjenigen verliebt sein, mit dem ich mein Bett teile. Und der sieht am Ende womöglich sowieso ganz anders aus, als ich mir das vorgestellt habe. Vielleicht verdient er weniger, ist doch ein Hippie, oder er lebt eine Tagesreise von Berlin entfernt. Vielleicht ist er ja derjenige, der, frei nach Woody Allen, am Ende mit einem im grellen Klinikflur sitzt, während man auf seine Biopsie-Ergebnisse wartet. Ich glaube weiter daran, dass so jemand in meinem Leben auftauchen wird.

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