Diskussionen mit Kindern "Ich will aber Glitzer"

© Aline Zalko
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Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 51/2018

Wir haben morgens ein schönes Ritual, Juli und ich. Ich öffne ihren Kleiderschrank und versuche eine Kombination von verschiedenen Kleidungsstücken: Strümpfe, Schlüpfer, Unterhemd, Oberteil und Hose. Juli besieht sich meine Auswahl, setzt sich dann auf den Boden und weint bittere Tränen. "Die Hose kratzt." Oder: "Das ist eine ganz blöde Hose." Ich wähle eine neue Hose. "Ich hasse diese Hose!" Ich wähle eine andere Hose. "Ich will keine Hose, ich will ein Kleid." Ich sage, dass es zu kalt ist für ein Kleid. "Es ist gar nicht zu kalt für ein Kleid." Das hat Juli schon gut verstanden: Wenn man kein richtiges Gegenargument hat, dann negiert man einfach mit aller Kraft das Argument des Gegenübers, um es zu zermürben. Ich bin aber auch nicht blöd. Ich weiß, wenn sich eine Argumentation an einem Punkt festgefahren hat, wechselt man einfach auf ein anderes Feld. "Guck mal", sage ich, "ich habe den schönen Pferdepullover rausgesucht." Die Diskussionen am Morgen stehen stets ein wenig unter Zeitdruck. Schließlich muss man zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Kita sein, dann geht der Stuhlkreis los. Leere Stühle im Stuhlkreis sind nicht gerne gesehen. Es ist also ein bisschen wie bei den Brexit-Verhandlungen: Beide Seiten wissen, dass man bis zu einem bestimmten Zeitpunkt eine Einigung erzielt haben muss, ansonsten kommt es zur Katastrophe. Das Problem ist: Juli steht der Möglichkeit der Katastrophe viel offener gegenüber, sie ist gewissermaßen der Boris Johnson von uns beiden.

Jetzt weint Juli nicht mehr, sie kann das Weinen abstellen, wie man einen Wasserhahn abstellt, sie rollt sich auf dem Boden zusammen. Es ist jetzt völlig unmöglich, ihr etwas anzuziehen, das sie nicht mag, Julis Miene hat sich verdüstert. Mit einem unheilvollen Unterton sagt sie: "Ich will keinen Pferdepulli. Ich will Glitzer."

Mit "Glitzer" meint Juli eine Reihe von Kinderoberteilen, die alle gemeinsam haben, dass sie auf der Vorderseite dicht mit Pailletten bestickt sind. Ich glaube, ihre Oma hat ihr die geschenkt. Das Glitzerkleid, das Marilyn Monroe trug, als sie "Happy Birthday, Mr. President" sang, ist dezent dagegen.

Die Glitzersachen, die Juli trägt, verwandeln mit ihren Reflexionen jeden Raum in eine Dorfdisco. Es sind Herz- und Blumenmotive. Nicht im engeren Sinne hässlich, aber eben ziemlich heftig. "Heute gibt es keinen Glitzer", sage ich. "ICH WILL ABER GLITZER!!", sagt Juli.

Ich weiß nicht, warum Kinder so sehr auf Glitzer stehen. Bei Juli ist es schon sehr auffällig. Wenn wir Schuhe einkaufen, will Juli garantiert das schlimme Modell mit den Funkelsteinchen haben. Ich kann es ihr nicht ausreden.

Denn alles ist gut, wenn es Glitzer hat. Ich könnte ihr sogar Rosenkohl schmackhaft machen, wenn ich ihn mit Glitzer bestreuen würde. Das Glitzerpulver dazu hätte ich schon im Haus. Juli hat das Zeug in der Bastelkiste der Geschwister entdeckt. Sie bastelt nun gerne Streubilder mit Glitzer und Klebstift. Leider flirrt der Glitzer überall in der Wohnung herum. Im Büro merke ich stets, dass etwas Glitzer in meinem Gesicht klebt. Ich kenne es nicht anders.

"Na gut, dann eben Glitzer", sage ich und ziehe ihr mit großer Geste den Paillettenpullover an. Und die Hose. Wir sind beide zufrieden und fühlen uns als Gewinner. Vielleicht lief es beim Brexit ja ähnlich.

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