© Julia Sellmann

Geflüchtete Familien Merkels Kinder

Ihre Eltern kamen als Geflüchtete nach Deutschland. Aus Dankbarkeit benannten sie ihre Kinder nach der Kanzlerin. Wie geht es den Familien heute? Von
ZEITmagazin Nr. 51/2018

Da liegt sie nun, verquollen, schwarze Haare, zu leicht, gerade mal 2555 Gramm, aber in Sicherheit. Seine Tochter.

Angela oder Merkel? Ali Mohammed überlegt. Der Übersetzer im Krankenhaus sagt: Wenn, dann Angela. Bloß nicht Merkel.

Die Wehen von Ali Mohammeds Frau Hind hatten im Sonderzug nach Niedersachsen begonnen, kurz hinter Passau, als hätte das Mädchen so lange gewartet, bis sie endlich in Deutschland waren. Am Bahnhof in Lehrte wartete ein Krankenwagen, nach 20 Minuten waren sie in Hannover. In der Medizinischen Hochschule entschieden die Ärzte: Kaiserschnitt. Die Gebärende war zu entkräftet von der Flucht, die 17 Tage zuvor in Bagdad begonnen hatte.

Und als Ali Mohammed am Abend seine neugeborene Tochter ansieht, entscheidet er, überglücklich und das Herz voller Dankbarkeit: Sie soll so heißen wie die deutsche Bundeskanzlerin – Angela.

Es ist der 4. Oktober 2015.

Deutschland hat bewegte Wochen hinter sich.

Juni 2015: 53.721 Flüchtlinge reisen nach Deutschland ein.

Juli 2015: 82.798 Flüchtlinge.

August 2015: 104.460 Flüchtlinge.

Die Bundesregierung korrigiert die Zahl der erwarteten Flüchtlinge für 2015 auf 800.000, viermal so viele wie im Jahr zuvor.

31. August: Angela Merkel sagt: "Wir schaffen das."

2. September: Das Foto des ertrunkenen Flüchtlingsjungen Alan Kurdi geht um die Welt.

4. September: Hunderte in Budapest gestrandete Flüchtlinge marschieren auf der Autobahn in Richtung Grenze, manche halten Plakate hoch, darauf das Gesicht von Angela Merkel. In der Nacht entscheidet die deutsche Bundeskanzlerin, die Flüchtlinge aus Ungarn in Zügen nach Deutschland kommen zu lassen, allein an diesem Wochenende sind es 20.000. Für die einen ein humanitärer Rettungsakt Merkels, für die anderen der Moment des Kontrollverlusts, der die Flüchtlinge ungehindert ins Land lässt, der von Kritikern bis heute viel beschworene Dammbruch.

4. Oktober: Am selben Tag, an dem in Hannover das Leben eines Mädchens beginnt, das nach der Bundeskanzlerin benannt ist, schreiben 34 CDU-Politiker einen offenen Brief an Merkel, in dem es heißt: Ein großer Teil der Mitglieder und Wähler unserer Partei fühlt sich von der gegenwärtigen Linie der CDU-geführten Bundesregierung in der Flüchtlingspolitik nicht mehr vertreten.

Für Angela Merkel hat damals längst der Kampf um ihre Macht in der Partei und auch um ihre Kanzlerschaft begonnen, der mit ihrem Verzicht auf den Vorsitz der CDU und der Wahl ihrer Nachfolgerin Annegret Kramp-Karrenbauer auf dem CDU-Parteitag am vergangenen Wochenende in seine letzte Phase geht.

Von alldem ahnen Ali Mohammed und seine Frau Hind nach ihrer Ankunft im Oktober 2015 nichts. Für sie ist Angela Merkel eine mutige Frau, eine Regierungschefin, die Menschen in größter Not geholfen hat. Ein Engel, das ist ja auch die Bedeutung des Namens Angela.

In Bagdad war Ali Mohammed, heute 34, Mechaniker bei der Armee. Hind, 28, die er bei einer Hochzeit kennengelernt hat, studierte Jura. Sie heirateten, bekamen einen Sohn: Mustafa. Ali Mohammed leitete inzwischen ein kleines Restaurant, in dem Gegrilltes und Dolmas – gefülltes Gemüse – serviert wurden. Schiiten begannen, ihn, den Sunniten, zu erpressen. Im Frühling 2015 gab es einen Anschlag auf das Haus neben dem Restaurant, das dabei schwer beschädigt wurde. Gleichzeitig wollten die Schiiten noch mehr Geld, sie drohten: Sonst könnte es gefährlich werden für deinen Sohn. Da entschied Ali Mohammed, die Familie in Sicherheit zu bringen, das Mädchen, das Hind erwartete, sollte nicht im Irak auf die Welt kommen. Die Fahrt übers Meer im Schiffsbauch, Enge, Gestank. Hind, die in Flipflops durch den europäischen Herbst lief, Griechenland, Mazedonien, Serbien, am Ende ihrer Kraft, unter ihrer grauen Sweatshirtjacke ein Neunmonatsbauch.

Ali Mohammed und seine Frau Hind reisten mit ihrem Sohn Mustafa, heute sieben, am 4. Oktober 2015 nach Deutschland ein. Am selben Tag wurde ihre Tochter geboren: Angela © Julia Sellmann

Angela?, fragt ein Helfer in der Notunterkunft in Sarstedt. Wie die Bundeskanzlerin? Ja, erklärt Ali Mohammed. Als Dank dafür, dass sie in Deutschland sein dürften. Die Lokalzeitung berichtet, sogar ein Journalist des amerikanischen Time Magazine ruft in Sarstedt an. Ein Baby, benannt nach der Bundeskanzlerin: was für ein Symbol.

In Deutschland sind seit 2015 weitere Flüchtlingskinder mit dem Namen Angela geboren worden, auch Angela Merkels und mindestens ein Junge mit dem Namen Merkel. Wie viele Kinder genau nach der Bundeskanzlerin benannt wurden, lässt sich nicht herausfinden. Die Gesellschaft für deutsche Sprache, die jährlich die Statistik der beliebtesten Vornamen veröffentlicht und 90 Prozent der in deutschen Standesämtern vergebenen Vornamen erfasst, teilt mit, dass der Name Merkel als Erst- oder Folgename seit 2015 siebenmal vergeben wurde, sechsmal für ein Mädchen und einmal für einen Jungen. Der Name Angela stieg in der Vornamens-Statistik 2015 mit 188 Vergaben um 60 Plätze auf Platz 320 und im Jahr darauf mit 261 Vergaben noch einmal um 36 Plätze. Mindestens sechs Mädchen in Deutschland dürften also Angela Merkel heißen und noch mehr Kinder Geflüchteter, wie die Tochter von Ali Mohammed und seiner Frau Hind, Angela.

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