Harald Martenstein Über Polizeimeldungen

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 51/2018

Seit Jahren verbringe ich im Winter ein paar Wochen in Key West, dem südlichsten Ort der USA. Manches ist dort anders. Zum Beispiel musst du beim Kauf von Kontaktlinsen ein ärztliches Rezept vorlegen. Der Apotheker sagte: "Waffen kriegen Sie in unserem Land ohne Rezept. Kaufen Sie sich eine fette Wumme, kommen Sie zurück, schießen Sie ein paarmal in die Decke, dann rücke ich die Kontaktlinsen heraus." Das war natürlich ein Scherz. Ärzte, meinte der Apotheker, hätten halt eine gute Lobby. Im Parlament säßen hauptsächlich ältere Leute, die ihren Arzt bei Laune halten müssen. Das zumindest ist genauso wie bei uns: Wenn du eine gute Lobby hast, kriegst du Forderungen durch, bei denen andere Bevölkerungsgruppen den Kopf schütteln.

In den meisten amerikanischen Kleinstädten gibt es immer noch eine Lokalzeitung, in Key West heißt sie The Citizen, gegründet 1876. Die Attraktivität dieses Blattes beruht nicht zuletzt auf den detailverliebten Polizeimeldungen, in denen stets der volle Name der Verdächtigen genannt wird. Es ist jeden Tag ein Blick in menschliche Abgründe. Hier ein Beispiel.

Aurelio Rodriguez, 54, und sein späteres Opfer haben zwei Tage lang am Strand von Bahia Honda friedlich nebeneinander gecampt. Das Opfer und seine Frau statteten Herrn Rodriguez einen Besuch ab, um gemeinsam mit ihm eine Flasche Tequila zu leeren, das Gastgeschenk. Rodriguez war allerdings bereits bei ihrer Ankunft zu betrunken, um diese freundliche Geste schätzen zu können. Er beschimpfte seine Gäste, dabei fiel er zu Boden. Das Opfer versuchte, den tobenden Rodriguez wieder auf die Beine zu stellen, was sich trotz der Hilfe eines weiteren Campers als schwierig herausstellte. Am Boden liegend, fasste Rodriguez die linke Hand des Opfers und biss ihm eine Fingerkuppe ab. Als eine Polizistin am Tatort eintraf, war Rodriguez’ Gesicht blutüberströmt. Das Verhalten des Täters war so lebhaft und lautstark, dass ihm nicht einmal seine Rechte vorgelesen werden konnten. Der Polizistin gelang allerdings das, woran die Camper gescheitert waren, sie brachte Rodriguez in die Vertikale und verfrachtete ihn in ihr Auto. Anschließend fand sie sogar den abgebissenen Fingerteil und legte ihn auf Eis – in Key West steht immer irgendwo eine Eismaschine. Ein Versuch, den Fingerteil im Krankenhaus wieder anzunähen, scheiterte. Am folgenden Tag wurde Rodriguez aus der Haft entlassen, da er erstaunlicherweise die geforderten 50.000 Dollar Kaution zu zahlen imstande war.

Ich muss gestehen, dass ich diese Polizeimeldungen mag, es sind Gesellschaftsporträts in der Tradition von Émile Zola, La Bête Humaine. Als guter Deutscher sehe ich es kritisch, wenn volle Namen von Verdächtigen genannt werden. Aber auf die Idee, dass alle Menschen, die Rodriguez oder so ähnlich heißen, ihren Mitbürgern Finger abbeißen, würde ich nicht kommen, dazu müsste man schön blöd sein. Außerdem ist Rodriguez vielleicht total okay, als Typ, er hatte vielleicht nur einen schlechten Tag. In manchen deutschen Medien wird ja sogar die Herkunft der Täter ungern enthüllt, oft heißt es nur "ein Mann" oder "Männer". Immer wenn ich in einer Polizeimeldung "Männer" lese, denke ich deshalb verbotenerweise: "Das waren vermutlich Muslime. Männer ist das offizielle neue Wort dafür." Weil man weiß, dass etwas nicht benannt werden soll, denkt man es erst recht, ob man will oder nicht. Dies ist die Kraft, die Gutes will und Böses schafft. Ich bin, wie Émile Zola, dafür, die Realität zu beschreiben, wie sie ist.

Harald Martenstein ist Redakteur des "Tagesspiegels".

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Kommentare

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„Der Finger im Revolverlauf“ (Carlo Manzoni). Hurra, hurra, es ist wieder da, das gute alte Revolverblatt! Voilà, lies: „MaZ“ (Martenstein alias Zola) – da kommt die menschliche Bestie mit vollem Namen zur Geltung … und der geschätzte Kolumnist hat freundlicherweise uns auch gleich zwei Rubriken bereitgestellt. In der einen (A) stehen unter „Erstaunlicherweise“ Merkwürdigkeiten wie „Ein Schlag auf den Schädel – und du bist eine Schönheit“ (nochmals Manzoni). In der anderen (B) versammeln sich hinter „Verbotenerweise“ solche Scheußlichkeiten wie jene, die Zola dem eifersüchtigen Eisenbahner Jacques zuschreibt („er brauchte nur etwas Warmes in seinem Arm zu fühlen, um dem verbrecherischen Triebe zu folgen, um als bestialischer Mann das Weib auszuweiden“). Das ist doch wahrhaft dampfende „réalité“! Denn schließlich sitzen wir alle im selben Zuge, wir dummen, trunkenen Leser, und folgen der Bestie Maschine: „Was kümmerte die Locomotive die Opfer, die sie auf ihrem Wege zermalmte? Nicht achtend des vergossenen Blutes sauste sie der Zukunft entgegen. Ohne Führer im Dunkel der Nacht, wie eine blinde, taube, vom Tod selbst losgelassene Bestie rollte und rollte sie dahin …“ (Zola).
Doch halt, wer sich den Schienen anvertraut, lese lieber zusätzlich „BatZ“ (Bahn außer terminlichem Zwang). Oder ist jemand wild darauf, unbedingt die Herkunft seiner auffällig gewordenen Mitmenschen zu kennen, dann greife er unbedingt zu „NatZ“ (Nationales als trashige Zugabe).

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