Mark Knopfler "Eine Weile war es mit den Dire Straits ganz wunderbar. Dann wurde mir dieser Traum zu groß"

Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 51/2018

Vieles von dem, was für die meisten Menschen einfach und selbstverständlich ist, dauert bei mir länger. Ich gehe zum Beispiel unglaublich langsam, weil es mich stresst, mich schnell zu bewegen. Auf dem Bürgersteig werde ich von alten Damen überholt, ebenso von kleinen Mädchen auf dem Weg zur Schule. Mir fehlt der Instinkt für Schnelligkeit. Ich gehe nicht, ich schlendere. Irgendwann habe ich einfach akzeptiert, dass ich langsam bin.

Darüber hinaus bin ich ungeschickt. Die meisten Menschen, die einen Parka besitzen, stecken einfach ihre Arme in die Ärmel und ziehen den Reißverschluss hoch, fertig. Mich stellt das Hochziehen eines Reißverschlusses vor erhebliche Probleme. Bei mir hakt der Verschluss irgendwie immer, keine Ahnung, wie ich das anstelle. Das geht manchmal so weit, dass ich jemanden um Hilfe bitten muss, um aus diesem Parka wieder herauszukommen. Ich bekomme auch nie den obersten Knopf meiner Hemden zu. Das ist jedes Mal ein Drama, wenn ich mir eine Krawatte binden muss. Ich frage mich immer wieder, ob meine Finger deformiert sind oder ich einfach ein Freak bin. Oder eben nur ungeschickt. Warum kann ich keine Hemden zuknöpfen wie alle anderen Menschen? Das ist auch einer der Gründe, warum ich Anfang des Jahres nicht nach Cleveland gereist bin, als die Dire Straits dort in die Rock ’n’ Roll Hall of Fame aufgenommen wurden. Zu viel Stress!

Auch Träume stressen mich total. Ich träume zwar viel, erinnere mich aber zum Glück fast nie daran. Besser gesagt: Ich verdränge meine Träume erfolgreich, denn es interessiert mich nicht, mich mit ihren Botschaften zu beschäftigen.

Eines weiß ich immerhin: Meine Träume sind fürchterlich. Sie absorbieren merkwürdige, unangenehme Vorgänge in der Außenwelt. Wenn Bauarbeiter im Haus gegenüber neue Fenster einsetzen, fließt das garantiert in irgendeiner seltsamen Form in meine Träume ein. Mehr will ich gar nicht wissen.

Ich habe mal zwei Jahre lang als Journalist gearbeitet. Mit 19 war ich eine Art Gerichtsreporter, für einen Jungen in meinem Alter war das eine große Verantwortung. Da war ich gezwungen, schnell zu sein – das war überhaupt nichts für mich. Andererseits habe ich damals auch vieles gelernt, was mir dann im Leben nützlich gewesen ist. Die Fähigkeit, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, hat mir später beim Songschreiben geholfen. Gleichzeitig bekam ich einen Blick dafür, wie die Welt konstruiert ist. Einige der Texte, die ich als Journalist verfasste, fühlten sich für mich fast wie Songs an. Ich habe dann mit dem Journalismus aufgehört, um mich ganz auf die Musik zu konzentrieren.

Es war schon mein Kindheitstraum, eines Tages mit einer Rockband erfolgreich zu sein. Und eine ganze Weile war es mit den Dire Straits auch wunderbar. Aber dann wurde mir dieser wahr gewordene Traum zu groß; ich hatte das Gefühl, die Kontrolle über das Geschehen verloren zu haben. Also beendete ich ihn. Es geht ohnehin zu viel Zeit mit Unsinn verloren. Und Zeit ist knapp.

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