Martin Suter Über Fehleinschätzungen

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Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 51/2018

Dieser Text ist so gut, der kann gar nicht von mir sein. Vielleicht werden Sie ihn deshalb nie lesen. Weil ihn der Chefredakteur kurz vor Redaktionsschluss noch aus dem Heft kippt, da ihm die Kombination aus "guter Text" und "Peter Dausend" bis dato völlig unbekannt ist – und um mich davor zu schützen, dass andere in meinem Namen weiterhin gute Texte verfassen. Wie beruhigend!

So ähnlich ist es Martin Suter ergangen. "Im Vestibül liegt unberührt / Mein Volksabstimmungsbrief. / Vom Balkon filmt schon ungerührt / Mein Sozialdetektiv." Dieses Kurzgedicht veröffentlichte der Schweizer Bestsellerautor unlängst auf Twitter, um gegen eine systematische Überwachung von Sozialversicherten in seinem Heimatland zu protestieren. Bei Diogenes, Suters Verlag, las man das Kurzgedicht und befand: Unser Autor twittert nicht, das ist nicht Suter – und ließ den Account sperren. Ein "Elefant" der Belletristik verstummte.

Mancher Literaturkritiker, der mit dem erzählerischen Schaffen Suters – hochliterarisch eher eine "Small World" – nicht so viel anfangen kann wie die vielen Leser, vertritt eine andere These: Diogenes habe seinem Starautor solch kraftvoll-kritische Kreuzreim-Poesie gar nicht zugetraut – und deshalb hinter dem Vierzeiler einen Fremdschreiber vermutet. Den guten Suter ließ Diogenes demnach also verstummen, damit ihr Suter weiterhin jener Suter bleiben konnte, der "nebenwirkungsfreie Tutti-Frutti-Thriller" schreibt, wie ein besonders bösartiges Kritikerexemplar einst urteilte. Suter-Fans hat die Häme noch nie gestört. "Der Teufel von Mailand" ist ihnen bis heute "Ein perfekter Freund". Und das, obwohl der weder reimt noch twittert.

Die Anmaßung liegt darin, dass Diogenes glaubt, seinen Autor besser zu kennen, als der sich selbst. Suter wird das kaum gefallen. Noch mehr dürfte ihn ärgern, dass sein Verlag ihm keine Überraschung mehr zutraut und ihn in eine Schublade gesteckt hat, aus der er ihn nicht mehr rauslassen will. Einmal "Die dunkle Seite des Mondes", immer "Lila, Lila". Gedichte? Twittern? Doch nicht unser Martin!

Man wäre gern bei einem Treffen von Suter mit dem Diogenes- Philosophen dabei, der sein Gezwitscher abwürgte. Wenn der Diogenes-Mensch schuldbewusst und reuig an den Starautor herantritt und sagt: "Fordere, was du wünschst – Diogenes wird es dir erfüllen."

Und Suter antwortet: "Geht mir nur ein wenig aus dem Tweet."

Kommentare

34 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Insider :) -- Manchmal macht es mehr Sinn nicht zu versuchen den Unsinn verstehen zu wollen - wie fanden Sie eigentlich den Artikel über M.S.?

"Und Suter antwortet: "Geht mir nur ein wenig aus dem Tweet."

Diogenes drückte seine Verachtung klarer aus er beantwortete Alexanders Frage ob er ihm dienlich sein könnte mit: "Geh mir nur ein wenig aus der Sonne"

Worauf Alexander sehr selbstbewusst (zu sich?) sagte: Wahrlich, wäre ich nicht Alexander, ich möchte wohl Diogenes sein"

Schreibweise nicht erkannt - Tweet gelöscht - Autor gekränkt - Wiedergutmachung durch Demut - abgeblitzt ;) - meine Zusammenfassung des Artikels :)