© Stefan Nimmesgern

Moritz Bleibtreu "Ich verrannte mich total in etwas"

In New York geriet Moritz Bleibtreu als junger Schauspieler in eine Krise. Da meldete sich seine Mutter. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 51/2018

ZEITmagazin: Herr Bleibtreu, haben Sie jemals Rettung gesucht?

Moritz Bleibtreu: Retten musst du dich immer selber – oder du musst jemanden haben, der dich so liebt, dass er es tut. Bei mir war das meine Mutter. Als ich mit 19 Jahren in New York war, um die Schauspielerei zu lernen, merkte meine Mutter wohl instinktiv: Die nehmen dem Jungen jetzt sein Rückgrat weg. Der muss da fort, und zwar gleich. Mir war das damals gar nicht klar, sie hat es mir erst später erzählt: Sie habe gewusst, ich ginge sonst vor die Hunde.

ZEITmagazin: Was war so schlimm in New York?

Bleibtreu: Ich habe dort am Actors Studio gearbeitet und nahm parallel Unterricht. Eine Lehrerin der Schule hat mir sehr zugesetzt. Im sogenannten Method-Acting stehen der direkte Ausdruck von Schmerz und das Greifbarmachen dieser Emotionen oft im Vordergrund. Da geht es häufig um das Aufbrechen emotionaler Schutzmechanismen. Diese fast therapeutische Herangehensweise hat mich mit 19 Jahren sehr verstört.

ZEITmagazin: Wie reagierten Sie?

Bleibtreu: Ich war vor allem verwirrt. Die Schauspielerei war schon damals für mich kein Wunsch unter vielen – ich wusste, das bin ich. Nun wollte man mir die Legitimation absprechen. Es kam das ganze Programm: Du bist vaterlos groß geworden, willst etwas beweisen, deshalb machst du den Beruf ... Ich habe das erst geglaubt und machte meine Mutter verantwortlich für allen möglichen weiteren Käse. Ich glaubte, mich selbst gefunden zu haben. Es war aber genau das Gegenteil passiert: Ich verrannte mich total in etwas, das überhaupt nicht greifbar war.

ZEITmagazin: Fehlte Ihnen damals als 19-Jähriger das Selbstbewusstsein, um sich zu wehren?

Bleibtreu: Ich bin zum Glück mit einem guten Selbstvertrauen ausgestattet. Dennoch ging ich vier Monate lang jeden Tag in diese Schule, und jeden Morgen stand mir die Kotze. Ich dachte, da musst du halt durch. Ich merkte gar nicht, wie scheiße es mir wirklich ging. Es war dann meine Rettung, als meine Mutter fragte, ob ich in Hamburg eine kleine Rolle am Theater spielen möchte, weil angeblich jemand ausgefallen war. Ich sagte sofort Ja.

ZEITmagazin: Wie hat Ihre Mutter bemerkt, dass es Ihnen schlecht ging? Haben Sie sie angerufen und um Hilfe gebeten?

Bleibtreu: Nein, für mich war sie ja die Verantwortliche für diese Abgründe. Als ich dann über Weihnachten zu Hause war, sagte ich ihr, was für eine schlimme Mutter sie sei. Ich schrie herum und schlug dabei so heftig gegen eine Wand, dass ich mir die Hand brach. Ich schäme mich bis heute dafür.

ZEITmagazin: Ihre Mutter holte Sie nach Deutschland zurück, ohne Ihnen ihre wahren Beweggründe unter die Nase zu reiben.

Bleibtreu: Ja, sie war schlau. Sonst wäre ich nie gekommen, denn ich war immer stolz. Mir war nicht bewusst gewesen, in welcher Gefahr ich schwebte.

ZEITmagazin: War Ihre Krise denn durch Ihre Rückkehr nach Deutschland tatsächlich überwunden?

Bleibtreu: Meine Mutter hat das alles nie thematisiert. Sie ließ mich einfach in Ruhe. Irgendwann merkte ich aber, was passiert war. Erst zwei Jahre später, in einer Rolle am Hamburger Schauspielhaus, hatte ich wieder ein Gefühl für das Publikum. Ich spielte eine komische Figur, und zum ersten Mal lachten die Leute wieder über mich. Ich merkte, das Komische in mir ist noch da, und ich wurde mit jeder Aufführung besser.

ZEITmagazin: Konnten Sie das alles später mit Ihrer Mutter klären?

Bleibtreu: Ich habe mich zum Glück oft genug entschuldigt. Natürlich sind da Schmerzen, die ich mit mir herumtrage und die ich auch verdrängt habe – dass mein Vater nie da gewesen ist und ich meinen besten Freund bei einem Autounfall verloren habe. Da ist jedes Mal ein Loch, und irgendwann hat man ein paar von diesen Löchern, die bleiben. Ich komme jedoch auf andere Weise an meine Gefühle ran. Ich glaube, unterbewusst suchen wir eine Rechtfertigung für den Luxus, den erfolgreiche Schauspieler genießen, und das ist der Schmerz, der angeblich die große Kunst in der Schauspielerei ausmacht.

ZEITmagazin: Wie sehen Sie Ihren Beruf heute?

Bleibtreu: Ich finde vieles von dem, was in der Schauspielbranche passiert, ziemlich ungesund. Ich mache meine Arbeit wie ein Kind, mit einer gewissen Unbedarftheit, ich halte aber auch Distanz zu meinen Rollen. Das führt oft dazu, dass mir in elitäreren Kreisen die Glaubwürdigkeit oder die Ernsthaftigkeit abgesprochen wird. Trotzdem ist dieser Beruf mein Leben.

Das Gespräch führte Louis Lewitan. Er ist Psychologe und gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, Evelyn Finger, Anna Kemper, Ijoma Mangold, Christine Meffert und Khuê Phm zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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