Ada Hegerberg: Über Empörung im Internet

Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 52/2018

Mit dem Besitz ist es so eine Sache. Früher war natürlich alles viel einfacher: mein Haus, mein Auto, mein Kind... meine Empörung. 2018 herrscht die Sharing-Economy, und plötzlich teilt man sich das Auto mit Malte aus Kreuzberg, das Kind mit dem Co-Parent und die Empörung mit dem Internet.

So geschehen bei der Überreichung des Ballon d’Or, einer renommierten Fußballerauszeichnung, die dieses Jahr erstmals auch einer Frau überreicht wurde, was viel Irritation ausgelöst hat, hier der neueste Stand: Der Preis ging an die norwegische Fußballerin Ada Hegerberg, und all das wäre sehr schön gewesen, vor allem natürlich für Hegerberg, wenn die Aufmerksamkeit am Ende tatsächlich ihr gegolten hätte und nicht einer irritierenden Frage des Moderators Martin Solveig, eines französischen DJs. Dieser nämlich fragte die Fußballerin nach der Preisverleihung, ob sie "twerken" könne. Für alle, die von dem Wort ähnlich irritiert sind wie mein Rechtschreibprogramm und "werken" lesen: Twerken ist ein Tanz, bei dem die Frau tief in die Hocke geht und mit dem Hintern wackelt. Der Begriff hat in den letzten Jahren in der Popkultur an Bekanntheit gewonnen. Die Frage wäre also durchaus geeignet, um sie einer professionellen HipHop-Tänzerin zu stellen. Bei einer Fußballerin wirkte sie vor allem: fehl am Platz. Fand wohl auch Hegerberg, die etwas perplex "Nein" sagte und sich kurz abwandte. So weit die Realität – aber die Realität, das wissen die sozialen Netzwerke, ist ja nur ein Aufhänger, um sich aufzuregen. Verlässlich, wie das Internet nun mal ist, brachte die Frage einen regelrechten Shitstorm hervor, das egalste Format des Internets. "Sexismus", wetterten sie auf Twitter und mögen damit vielleicht sogar recht gehabt haben. Der Moderator entschuldigte sich. Hegerberg erklärte später allerdings, sie habe die Frage nicht als sexuelle Belästigung empfunden, und war auch ansonsten und verdienterweise ganz guter Dinge.

Worüber man sich zu echauffieren hat, entscheidet schon lange nicht mehr das eigene Empfinden, das tun jetzt "Leute im Internet". Und dort war man erst wütend auf den Moderator – und dann wahrscheinlich auch auf die Fußballerin, weil sie selbst nicht wütend war und damit offenbar völlig blind dafür, wie schlecht Männer, die Gesellschaft und das Leben an sich sind. Es ist natürlich ärgerlich, wenn die eigenen Gefühle enteignet werden. Aber vielleicht muss man das entspannter sehen und sich einfach von irgendwem im Internet, dem das alles noch viel egaler ist, kurz die Gelassenheit ausleihen. Man bringt sie auch bald zurück. Gleich morgen. Versprochen.

Kommentare

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Gelöschter Nutzer 10496

#1  —  12. Dezember 2018, 20:17 Uhr

Der Witz des Herrn wäre vermutlich verständlicher gewesen, wenn die Adressatin die Queen, oder unsere Kanzlerin gewesen wäre.
Oder wenn Rainer Kalmund nach Poledancing gefragt worden wäre.
Humorlosigkeit ist bei Berufsempörten sehr oft anzutreffen.

Ach, wenn doch bloß die gute Ada an ihre berühmten Landsleute, den Dichter Ibsen und den Komponisten Grieg gedacht hätte - und an eine schlagfertige Antwort in "Solveigs Lied":

Dieu te bénisse, si tu t'agenouilles pour le prier
J'attendrai ici jusqu'à ce que tu reviennes,
Et attends-tu là-haut, nous nous y retrouverons, mon ami!

Auf die Knie, du DJ!