Alltag: Notizen aus dem Alltag

Von
ZEITmagazin Nr. 52/2018

1. Die Frau im Zug löschte eine Reihe von Fotos ihres kleinen Sohnes auf dem iPhone, und bei jedem Druck auf die rote Befehlszeile schien es mir, als würde sie sich weiter von dem Kind entfremden.

2. Abends am Tisch erzählte die junge Ärztin von einer Operation, die sie häufig durchführen müsse, und sie veranschaulichte ihre Arbeit mit einer kurzen Geste, die das Überziehen eines Gummihandschuhs darstellen sollte. Es war überraschend, wie vollendet sie diese Geste ausführte, in Sekundenschnelle; sogar das elastische Material des Handschuhs wurde auf einmal deutlich sichtbar.

3. Während der Rede der Bundeskanzlerin im Freien: Die Atmosphäre war so konzentriert, die Blicke der Leibwächter in ihrer Nähe so durchdringend, dass selbst das herabschwebende Blatt eines Ahornbaumes einen Moment der Irritation auslöste.

4. Die Schuhe der Minister in der vordersten Sitzreihe: Sie waren alle aus glattem schwarzem Leder, blank poliert, frei von jeder Verzierung oder der leisesten Spur des Gebrauchs. Genau so sah es aus, das Schuhwerk der Macht, wie es von Politikern, Vorstandsvorsitzenden, Wirtschaftsführern getragen wurde. Ob es in diesen Sphären und Zirkeln ausgesprochene Richtlinien gibt, die die Anforderungen an die Schuhe regeln; ob sogar besondere Lieferanten dafür zuständig sind, die Ämter und Chefetagen mit tadellosen Modellen zu versorgen? Denn jede Unreinheit auf der Oberfläche des Leders, eine Falte, ein abgetretener Absatz, sogar eine auffällige Naht könnte die Fugenlosigkeit der Inszenierung beschädigen.

5. Im Moment der größten Desorientierung strich er über seine alte Narbe am Zeigefinger, um sich seiner selbst zu vergewissern.

6. Die geduckte Gestalt auf der Rückbank des Streifenwagens (Silhouette des "Festgenommenen").

7. Die Fußgängerampel stand auf Rot, und eine Reihe von Menschen wartete darauf, über die Straße gehen zu können. Irgendwann verlor einer der Passanten die Geduld und setzte sich in Bewegung. Alle anderen, von dieser Übertretung ermutigt, folgten ihm – bis auf einen älteren Mann, der ausharrte. Man merkte ihm den inneren Kampf an, seine Grundüberzeugung auch in dieser Situation zu bewahren; kein Auto weit und breit, alle anderen Fußgänger ignorierten das Rotlicht. An seiner Körperhaltung war zu erkennen, wie er der Verheißung gleichzeitig nachzugeben und zu trotzen versuchte. Sekundenlang blieb er in dieser unentschlossenen Position stehen, bevor die Ampel schließlich auf Grün sprang.

8. Kindheitsgerüche: der schale Rest des Fruchtsaftes in der Plastiktrinkflasche am Ende des Schultages.

9. Allenfalls ein Hundertsassa.

10. Das vier- oder fünfjährige Kind, das in einer nach einem französischen Maler benannten Straße wohnt: Anders als die Trambahnfahrer in diesem Stadtteil, die beim Ankündigen der Haltestelle an den nasalen Vokalen, den verschluckten Konsonanten scheitern und den Namen aussprechen, als sei er ein deutscher, geht dem Kind das Wort fließend und fehlerfrei von den Lippen – ein Element von Zweisprachigkeit im Mikrokosmos der Wohnsiedlung. Für das Kind war das Wort von Anfang an unmittelbarer Bestandteil der Welt, und erst später, mit dem Erlernen des Alphabets, wird es vielleicht einen Moment lang erstaunt sein über die unerwartete Verbindung von Buchstabenfolge und Klang.

11. Los Angeles: Die herabgefallenen Palmenblätter auf den Alleen sahen aus wie überfahrene Eichhörnchen.

12. Keine Spur, in die hineinzutreten man größere Scheu hätte als in eine Loipe.

13. Sonntagnachmittag: Von Zeit zu Zeit sah man Menschen auf den Straßen des Viertels, die ein Päckchen mit Kuchenstücken auf der Hand trugen. (Die Bedächtigkeit des Sonntags, die in dieser Geste eingefasst war: Was sonst würde man auf der Hand tragen außer Kuchen?)

14. Wie dramatisch es immer klingt, wenn ein Kleinkind sich verschluckt.

15. Beim Wiederlesen eines alten Romans, nach vielen Jahren, plötzlich eine Stelle (die Beschreibung eines Grandhotels), bei der ich mich deutlich an meine Vorstellungsbilder bei der ersten Lektüre zu erinnern glaubte; inzwischen waren es ganz andere geworden als damals.

16. Wie alle Menschen, die er schätzte, hatte auch sie eine schöne Handschrift.

17. Dass die Flugbegleiterin nach der Landung immer so schnell das Wort ergreift und die Passagiere am Ankunftsort begrüßt, noch bevor die Maschine auf dem Boden das Tempo zu drosseln beginnt: als sei der Name der Stadt ein Losungswort, das endgültig die Gefahr banne, dass noch etwas passieren könnte.

18. Die über und über tätowierte Frau auf dem Fahrrad, mit Helm und neongelber Weste – Ikone einer Zeit, deren Toleranz im Ästhetischen sich mit der gleichen Konsequenz durchgesetzt hat wie ihr Bedürfnis nach Sicherheit.

19. Auf dem Schreibtisch des Sachbearbeiters stand eine Kaffeetasse mit eingraviertem Vornamen. Ich hatte Lust, ihn sofort so anzusprechen.

20. Die Turnschuhe mit den vier Streifen – sie sehen falsch aus, wie ein E mit vier Querstrichen.

21. Das Paar, das sich seit Langem nichts mehr zu sagen hat und nur wegen der gemeinsamen Tochter zusammenbleibt: Es hat sich mit der Zeit eingebürgert, dass sie das Mädchen ständig in die Mitte nehmen, beim Spaziergang im Park, im Hotelbett im Urlaubsort, auf dem breiten Sofa beim Fernsehen. Als das Kind eines Abends, vor der rituellen Gute-Nacht-Sendung, etwas später als die Eltern Richtung Couch läuft und sich neben den Vater setzt, ist die Unruhe sofort zu spüren; etwas scheint nicht zu stimmen, und nach ein paar Sekunden steht die Mutter auf und setzt sich neben ihr Kind, wie eine Kinobesucherin mit Platzkarte, die plötzlich bemerkt, dass sie den falschen Sitz gewählt hat.

22. "Auf dem Kloset darf man nicht an die Tora denken, daher darf man dort weltliche Bücher lesen. Ein sehr frommer Prager, ein gewisser Kornfeld, wußte viel Weltliches, er hat alles auf dem Kloset studiert." (Kafka, Tagebuch, 25. 12. 1915)

23. Am Ufer des Tonle-Sap-Flusses ging eine junge Frau ihrer Arbeit nach. Sie lief mit einem Tonkrug in der Hand von ihrer Stelzenhütte hinab zum Wasser, gekleidet in traditionelles Gewand, füllte ihn auf und war auf dem Weg zurück in ihr archaisches Haus. Das Bild wirkte wie eine bestellte Vorführung für uns Touristen auf dem vorbeiziehenden Schnellboot, doch dann verlor die Frau plötzlich das Gleichgewicht, ließ den Krug aus den Händen gleiten, und dieser Zwischenfall erschien wie ein doppeltes Missgeschick – er brachte nicht nur ihren Körper ins Straucheln, sondern auch die gesamte Szene, die sich als Schauspiel des einheimischen Lebens vor unseren Augen entfaltet hatte (Kambodscha, zwischen Siem Reap und Battambang).

24. Die Geborgenheit an Weihnachten, weil der Christbaum echte Kerzen hatte und keine elektrischen wie der Baum der spröden Verwandten, bei denen wir am Tag nach Heiligabend zum Kaffeetrinken eingeladen waren.

Kommentare

0 Kommentare Kommentieren