Backvideos "Die backen hier das geilste Zeug"

© Aline Zalko
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Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 52/2018

Greta nutzt ihr Handy gerne, um damit YouTube-Videos zu gucken. Ich hätte gedacht, dass sie sich gerne von Musikvideos oder ihren Lieblings-YouTubern beschallen lässt. Aber als ich sah, was sie sich in Wirklichkeit ansieht, war ich doch überrascht. Greta konsumiert Kochvideos. Genauer gesagt: Backvideos. Ganz besonders gerne schaut sie sich Clips der Sat.1-Sendung Das große Backen an. Das ist ein Wettbewerb von Hobbybäckern, die sich über etliche Folgen hinweg einen Shoot-out mit Baiser-Gebäck und Mürbeteig liefern. Am Schluss bekommt der Sieger einen goldenen Cupcake überreicht.

Die erste Frage, die ich mir gestellt habe, ist, ob ich in der Erziehung vielleicht was falsch gemacht habe. Mädchen sollen doch heute eher das Ziel haben, einen Pharmakonzern zu leiten, als ihr Glück hinter dem Herd zu suchen. "Aber Papa, die backen hier das geilste Zeug", sagt Greta. Wir schauen uns gemeinsam ein Video an – und tatsächlich: Das große Backen ist Leistungsgesellschaft pur. Die Juroren sind unerbittlich. In einem Wettbewerb geht es darum, ein Biskuit mit sieben Schichten zu backen. Wenn die Buttercreme-Schicht nicht gleichmäßig ist, das Mokka-Aroma zu dominant oder die Glaçage au Chocolat nicht glänzend genug, gar das Blattgold nicht gleichmäßig verteilt, führt das sofort zu Punktabzug. Und wer bei dreidimensionalen Skulpturen aus Keksen die Statik verbockt, kann sofort einpacken.

Ich selbst beherrsche nur einen Marmorkuchen und Butterplätzchen, und sogar das fällt mir eher schwer. Bei Lebkuchen muss ich für jeden kleinen Schritt in der Rezeptanleitung nachschauen. Ich habe trotzdem immer gerne gebacken, denn für mich war das etwas, das man sehr gut mit Kindern gemeinsam machen konnte. Man erlebte zusammen das kleine Wunder, wie aus einer amorphen Teigmasse etwas Essbares wurde, das süß und knusprig ist. Jetzt allerdings habe ich keine Illusionen mehr, dass ich jemanden in der Familie damit beeindrucken kann, am allerwenigsten Greta.

Greta kann schon jetzt mehr am Ofen als ich. Sie backt bunten Papageienkuchen, Waffeln, Kuchen mit versunkenen Kirschen und verschiedene Napfkuchen. Das also ist das erste Feld, auf dem der Respekt für den Vater zusammenbricht: das Kochfeld.

Mir ist das aufgefallen, als ich Greta zuletzt einen Donut vom Bäcker mitgebracht hatte. Früher war ein Donut einfach ein süßer bunter Kringel, das war Attraktion genug. Nun fragte ich Greta, wie sie den Donut finde, und sie sagte: "Die Porigkeit des Teiges könnte runder sein, insgesamt ist die Konsistenz etwas zu kompakt." Das hat sie nicht von mir.

Jetzt beginnt die Weihnachtszeit, eigentlich ist Großbackzeit, und es werden Bleche voller Vanillekipferl, Butterplätzchen, Makronen und Lebkuchen produziert. Aber ich fühle mich blockiert. Macht nix, sagt Greta: Dann könne sie ja backen. Was denn? "Egal, ich mag ohnehin keine Plätzchen, die schmecken so trocken, ich backe nur gerne." Ich hingegen mag Plätzchen. Soll Greta backen, ich werde mich aufs Verzehren zurückziehen. Irgendwann muss man Verantwortung an die Jüngeren weitergeben.

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Um die Lebenstüchtigkeit dieser Töchter sollte Ihnen nicht bange sein, lieber Autor - und um Ihren Versorgungsanteil in weiter Zukunft auch nicht. Greta Backwahn hat soeben das ehern stereotype Erbteilungsprinzip des "Sachsenspiegels" ("Der Ältere teilt, der Jüngere wählt") auf den Mono-Kunden der Keksdose umgedeutet: "Die Jüngere teilt aus, der Ältere ißt auf". Dinner for One: Cookies with the Cookies.