Dieter Rams Das Zeug zum Klassiker

© Peter Langer
Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 52/2018

In seinem Dokumentarfilm Rams, der vor Kurzem in Deutschland angelaufen ist, porträtiert der amerikanische Filmemacher Gary Hustwit den deutschen Industrie-Designer Dieter Rams, der in den Sechzigerjahren die Grundlagen für die moderne technische Formensprache gelegt hat. Der Apple-Chefdesigner Jonathan Ive beruft sich genauso auf Dieter Rams wie Jasper Morrison. Aber bei Hustwit blickt Rams nicht in die Vergangenheit, sondern auf die Gegenwart. In einer Szene spricht er darüber, dass die Leute sich heute nicht mehr in die Augen sehen, "sondern vor sich auf so ein Tablet glotzen, sogar wenn sie über die Straße gehen. Was wir brauchen, ist ein fundamentales Umdenken, nicht nur im Design." Sein Credo: "Weniger. Besser."

Dieter Rams ist kein Konservativer, er ist ein Aufrührer. Als er 1955 beim mittelständischen Elektronikhersteller Braun anfing, war er 23 Jahre alt. Es dauerte nur ein Jahr, bis er dort einen revolutionären Entwurf präsentierte: die Radio-Schallplattenspieler-Kombination SK4, einen Quader aus lackiertem Blech mit einer Acrylglas-Abdeckung. Bis dahin hatte Braun eher Phono-Möbel hergestellt, die an tönende Kommoden erinnerten. Ein einzelner Mann genügte, um nicht nur eine Marke zu revolutionieren, sondern gleich den ganzen Gestaltungsbegriff. Vieles, was Dieter Rams angestoßen hat, ist heute selbstverständlich für uns. Etwa dass wir intuitiv verstehen wollen, wie ein Gerät funktioniert, ohne eine komplizierte Bedienungsanleitung lesen zu müssen. Andere Botschaften sind in Vergessenheit geraten. Wir konsumieren heute ressourcenintensive Elektronikprodukte wie Wegwerfartikel. Man kauft nicht etwa einen neuen Fernseher, weil der alte kaputt wäre, sondern weil inzwischen einer entwickelt wurde, der über eine noch bessere Bildqualität verfügt. Wir fragen nicht mehr danach, in welcher Weise ein neues Produkt unser Leben verbessern würde, wir kaufen es einfach, weil es da ist, und werfen es weg, wenn etwas Neues lockt. Wir wissen, wie umweltschädlich das ist, und tun es trotzdem.

Allein die Produkte von Dieter Rams scheinen von diesem Schicksal verschont geblieben zu sein: Die Klassiker von Braun werden hoch gehandelt. Deswegen freut es, wenn Dieter Rams etwas Neues  macht. Im Alter von 86 Jahren hat er zusammen mit dem Frankfurter Atelier Tsatsas jetzt eine Damenhandtasche aus Leder entwickelt. Sie ist die Verwirklichung eines nicht zur Marktreife gebrachten Entwurfs von ihm aus dem Jahr 1963. Auf den ersten Blick wirkt die Tasche wie ein Aktenkoffer: Sie ist eckig und verfügt über ein Innenleben mit verschiedenen Fächern. Ursprünglich wollte Dieter Rams die Tasche übrigens 0931 nennen. Dann nannte er sie 931. Denn weniger ist besser.

Foto: Peter Langer; Klare Kante: Tasche von Tsatsas, entworfen von Dieter Rams

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