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Gloria Allred: "Man zahlt einen höheren Preis, wenn man den Mund hält"

Gloria Allred spricht darüber, wie die Härten ihres Lebens sie zur Frauenrechtlerin gemacht haben. Interview:
ZEITmagazin Nr. 52/2018

Die Anwaltskanzlei Allred, Maroko & Goldberg, hoch oben in einem Büroturm mit Blick über Los Angeles. An den Wänden hängen Fotos von Gloria Allred, 77, mit den früheren US-Präsidenten Reagan, Clinton und Obama. Allred ist ganz in Rot gekleidet, ihr Markenzeichen. Ihr Büro sieht aus wie ein Museum der Geschichte der Frauenrechte, überall Erinnerungen an die Suffragetten, die Anfang des 20. Jahrhunderts für das Frauenwahlrecht kämpften, und an Allreds eigene Siege, die sie vor Gericht errungen hat. Auf einer Glasplakette auf ihrem Schreibtisch steht: Be reasonable, do it my way – "Sei vernünftig, mach es wie ich".

ZEITmagazin: Frau Allred, es verging in diesem Herbst kaum ein Tag, an dem Ihr Name nicht in den US-Medien auftauchte. Sie vertreten 33 Frauen gegen den Entertainer Bill Cosby, der in einem ersten Prozess wegen schwerer sexueller Nötigung verurteilt worden ist. Und Sie waren eine der Wortführerinnen gegen Brett Kavanaugh, Richter am Obersten Gerichtshof der USA, dem versuchte Vergewaltigung vorgeworfen worden war.

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Gloria Allred: Für mich sind solche Fälle nichts Neues, denn seit 42 Jahren, also schon lange vor dem Hashtag #MeToo, vertrete ich Frauen, die von reichen, mächtigen, berühmten Männern schlecht behandelt wurden. Ich ermutige sie dazu, sich zu wehren. Sei es in Prozessen vor Gericht oder vor Schlichtern in vertraulichen, außergerichtlichen Verhandlungen.

ZEITmagazin: Einerseits gibt es die #MeToo-Bewegung, andererseits sitzt ein Mann wie Donald Trump im Weißen Haus. Können Sie erklären, wie das zusammenpasst?

Allred: Was derzeit in der Gesellschaft geschieht, ist eher eine Evolution als eine Revolution. Bei Frauenrechten war es immer so, dass man sich erst mal zwei Schritte vorwärts bewegt hat, dann aber wieder einen Schritt zurück. Die Unterwerfung der Frauen gehört nun mal zum Status quo. Wenn Frauen, ermutigt durch die #MeToo-Bewegung, aufstehen und kundtun, dass es ihnen reicht, wird es Leute geben, die den Status quo bewahren wollen, weil ihre Macht davon abhängt. Die Kavanaugh-Anhörung ist ein gutes Beispiel: Da ist eine Frau, die sich vorwagt, und ein US-Präsident, der sich danach über sie lustig macht.

ZEITmagazin: Macht Sie das wütend?

Allred: Es herrscht generell eine große Wut unter Frauen. Das ist auch gut so: Diese Wut kann eine Energiequelle sein und uns helfen, neue Vertreterinnen in politische Ämter zu wählen und Gesetze zu verändern. Macht reagiert nur auf Macht.

ZEITmagazin: Ohne Sie wäre Bill Cosby vermutlich nicht verurteilt worden.

Allred: Ja, doch der Weg zur Verurteilung war lang für meine Klientinnen. 2015 habe ich mit den ersten der 33 Frauen, die sich öffentlich gegen Cosby gestellt haben, in diesem Zimmer eine Pressekonferenz abgehalten. Die Frauen erzählten, wie Cosby sie unter Drogen gesetzt und missbraucht hat. Er muss jetzt für drei bis zehn Jahre ins Gefängnis. Es laufen noch weitere Verfahren, ich vertrete etwa Judy Huth, die aussagt, dass sie von Herrn Cosby mit 15 missbraucht wurde. Kein Mann steht über dem Gesetz – diese Botschaft geht von diesen Verfahren aus.

ZEITmagazin: Von den 33 Frauen, von denen Sie sprachen, werden wegen Verjährungsfristen nur wenige vor Gericht aussagen können. Warum fanden Sie es dennoch richtig, möglichst viele Geschichten öffentlich zu machen? In Deutschland ist so ein Vorgehen höchst umstritten, der Gerichtssaal, so die Auffassung vieler, ist der Ort, wo über Recht und Unrecht entschieden wird, nicht die Öffentlichkeit.

Allred und einige ihrer Mandantinnen im April 2018 nach der Urteilsverkündung gegen Bill Cosby. © Brendan McDermid/Reuters

Allred: Ich glaube an das, was wir in den USA the court of public opinion nennen, "das Gericht der öffentlichen Meinung". Frauen fühlen sich durch andere Frauen, die Ähnliches erlebt haben, und durch eine positive öffentliche Resonanz ermutigt, ebenfalls ihre Stimme zu erheben.

ZEITmagazin: Es gibt eine Aufnahme aus dem Jahr 1977, die zeigt, dass Sie Konflikte schon immer öffentlich austrugen. Sie saßen im Publikum einer Talkshow, und als dort von Hausfrauen, die im Negligé und mit warmem Essen auf ihre Ehemänner warten, die Rede war, erhoben Sie sich und riefen: "Wir Frauen haben nicht nur einen Uterus, sondern auch ein Hirn, und beides funktioniert!"

Allred: Ich hatte schon früh diese Leidenschaft in mir und die Überzeugung, dass alle gleich behandelt werden sollten, unabhängig von Geschlecht, Alter, Hautfarbe. Damals, in den Siebzigerjahren, war das noch ungewöhnlich für eine junge Frau. Eine englische Frauenrechtsaktivistin sagte Anfang des 20. Jahrhunderts einmal, dass man weiblichen Mut fälschlicherweise oft für Wahnsinn hält. Doch Frauen, die nicht riskieren wollen, bei Männern in Ungnade zu fallen, werden auch keine bedeutsamen Fortschritte beim Kampf um Gleichberechtigung machen.

ZEITmagazin: Theoretisch leuchtet es natürlich ein, dass es richtig ist, gegen Unrecht zu kämpfen. Es auch zu tun ist im Alltag aber nicht so leicht.

Allred: Ich glaube, man zahlt oft einen höheren Preis dafür, den Mund zu halten, als wenn man aufsteht und etwas sagt.

ZEITmagazin: Wenn Sie bei Pressekonferenzen mit Ihren Mandantinnen den Raum betreten, halten Sie oft Ihren Arm um sie gelegt. Sehen Sie sich als Beschützerin?

Allred: Ja. Viele meiner Mandantinnen nennen mich Mama Gloria oder Tante Gloria. Ich weiß, wie sehr sie leiden, deshalb möchte ich sie beschützen. Furcht lähmt viele Frauen, sie trauen sich aus Angst vor Konsequenzen oft nicht, gegen Unrecht vorzugehen. Ich erkenne diese Furcht an, und mir ist klar, wie risikoreich es für Frauen sein kann, öffentlich gegen jemanden vorzugehen. Aber manchmal überwiegen nun mal die Vorteile. In solchen Fällen versuche ich, eine Stütze zu sein. Bestenfalls werden meine Mandantinnen später Vorbilder in ihren Familien, für ihre Kolleginnen. Mut ist ansteckend.

ZEITmagazin: Sie vertraten öfter junge Frauen, die Affären mit berühmten Männern hatten, wie Rachel Uchitel gegen Golfstar Tiger Woods oder Ginger Lee gegen den Politiker Anthony Weiner. In den Medien werden diese Frauen häufig als schwach und irgendwie bemitleidenswert dargestellt. Wollen Sie sie retten?

Allred: Ich bin kein Priester oder Rabbi, der die Frauen retten will. Es geht mir allein um die Frage, ob Unrecht geschehen ist oder nicht und ob ich meiner Mandantin helfen kann. Die meisten Fälle, die ich übernehme, finden außerhalb der Öffentlichkeit und ohne Prominente statt.

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