Harald Martenstein Über das liberale Amerika

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 52/2018

Man hört oft, die Amerikaner seien prüde. Die Wirklichkeit ist komplizierter. Mein gegenwärtiger Aufenthaltsort Key West gehört zu den liberalsten Städten der USA, es ist eine Art Mini-New-York unter Palmen. Aber sogar hier wäre es nicht ratsam, ein Kleinkind ohne Badehose am Strand herumlaufen zu lassen. Ich bin oft am South Beach, die dortige Strandbar gehört angeblich Uma Thurman. Ob das stimmt, weiß ich nicht. Aber ich möchte es glauben und verweigere mich deshalb der Recherche.

Mittags erscheint an diesem Strand immer ein etwa 80-jähriger Herr, der statt einer Badehose ein gehäkeltes Nichts trägt, ein Futteral, welches nur den Penis halbwegs bedeckt, sonst nichts. Er scheint Geld zu haben und lässt sich deshalb kostenlos in neckischen Posen mit japanischen Touristinnen fotografieren, die sind immer restlos begeistert. In der Adventszeit trägt der alte Herr außerdem eine Weihnachtsmannmütze und Engelsflügel.

Ich war im Theater, wo die lokale Musiklegende Coffee Butler 90. Geburtstag feierte, mit einem Konzert. Coffee geht nur noch mühsam, aber er hat gerade eine neue CD herausgebracht. Neben mir saß ein Paar, die Frau sagte: "Vergleichbar mit Coffee Butler war eigentlich nur Captain Tony. Ich war bei seiner Beerdigung, den Sarg haben sein jüngster und der älteste Sohn getragen, 22 und 70 Jahre alt."

Der 13-fache Vater und vielfache Ehemann Tony Tarracino war Spieler und professioneller Wettbetrüger, oben im Norden. Nach Auseinandersetzungen mit der im gleichen Business tätigen Mafia, die ihn halb totgeschlagen hatte, flüchtete er 1948 nach Key West, dem sicheren Hafen für Außenseiter aller Art. Er wurde erst Krabbenfischer, dann Barbesitzer und schließlich zum Bürgermeister gewählt. Sein Programm lautete: "Die Stadt soll bleiben, wie sie ist." In den frühen Achtzigern proklamierte Key West sogar seine Unabhängigkeit und erklärte den USA den Krieg, um noch am selben Tag zu kapitulieren und Wiederaufbauhilfe zu fordern. Aber das ist eine andere Geschichte. Der uralte Tony saß bis vor ein paar Jahren nachts mit Beatmungsgerät und brennender Zigarette vor seiner Bar und signierte T-Shirts, die mit ethisch fragwürdigen Tony-Sätzen bedruckt waren, etwa "Was du im Leben brauchst, sind ein starker Sexualtrieb und ein großes Ego".

Die Frau im Theater sagte: "Tony war wunderbar. Er hat mir vor der Bar sogar einmal meinen BH signiert." Ihr Mann ergänzte: "Tony konnte man einfach nichts abschlagen. Er war charmant, das mit dem Signieren war nicht so, wie Sie vielleicht denken." Am nächsten Tag gingen wir zum alljährlichen Turkey Testicle Festival, das in einer der zahlreichen Schwulenbars stattfand.

Vier der besten Restaurants hatten sich bereit erklärt, diesen kulinarisch unterschätzten Teil des Truthahnkörpers, die Testikel, zu Gerichten zu verarbeiten. Das Publikum durfte abstimmen. Ich bin dafür, Tiere, wenn man sie schon tötet, dann wenigstens restlos aufzuessen. Dadurch könnte man, nach meiner privaten Schätzung, die Zahl der geschlachteten Tiere um 20 Prozent reduzieren. Es gab unter anderem ein Chili, in dem die bohnengroßen Hoden neben echten Bohnen schwammen, oder mit Speck umwickelte Hoden. Sieger war eine Bulette, für deren Herstellung das Material püriert und somit unsichtbar gemacht wurde, ein niedrigschwelliges Angebot. Ich war fest entschlossen, die Gerichte köstlich zu finden. Es schmeckt wie Kalbshirn, aber die Konsistenz ist knackiger. Die USA sind meiner Erfahrung nach weniger prüde, als man in Deutschland glaubt.

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Kommentare

4 Kommentare Kommentieren

Ich denke es ist irreführend ein Land mit über 300 Mio Einwohnern über einen Kamm zu scheren, insofern sind Anekdoten nicht geeignet einen Trend zu belegen.

Sicherlich gibt es in den USA alle Extreme an Prüderie oder sexueller Aufgeschlossenheit die man sich vorstellen kann.

Beim Konsum amerikanischer TV-Produkte fällt mir allerdings immer auf dass Sexualität deutlich verschämter und verklausulierter dargestellt wird als Gewalt.

Das heißt es gibt in amerikanischen "FSK-12" (die USA haben ähnliche Altersstufen) Produkten durchaus Mord und Totschlag, aber niemals einen nackten Busen.

Da solche Erzeugnisse immer für den Massenmarkt konzipiert sind, würde ich vermuten dass die Produzenten ihr Publikum entsprechenend einschätzen, was in diese Branche üblicherweise auch mit ausufernden Untersuchungen abgefragt wird.

... ja, ist denn hier schon "Cold Turkey"?! Dann sollte doch noch zum Frohen Fest auf die Erkenntnisse des großen Galliers Obelix verwiesen werden, der da zu den freilaufenden ur-amerikanischen schmackhaften Laufvögeln sagte: "Komm, Puter - Guru, guru!" (... und unser hochgeschätzter Kolumnist möge weiterhin an dieser Stelle der Guru des Glossen-Alltags sein ...).