Georges-Arthur Goldschmidt: "Ich hoffe, dass Deutschland nicht vergaulandet!"

Als Junge floh Georges-Arthur Goldschmidt vor den Nazis nach Frankreich. Der Gestapo entkam er dank einer Warnung. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 53/2018

ZEITmagazin: Herr Goldschmidt, Sie wurden als Deutscher geboren und evangelisch getauft. Obwohl Ihre Familie zum Protestantismus konvertiert war, wurden Sie in der Nazizeit als Jude verfolgt. Heute sind Sie katholisch und leben in Paris. Wer sind Sie jetzt?

Georges-Arthur Goldschmidt: Ich heiße eigentlich Jürgen, so schön germanisch, nicht Georges-Arthur. Meine Eltern waren deutsch, deutscher ging’s nicht. Eltern und Geschwister sind tot, ich bin der einzige Zeuge meiner selbst. Das ist ungeheuer, unglaublich, so mirakulös! Meine Frau sagt, ich bin immer noch ein fünfjähriger Junge, aber im Grunde bin ich ein Autist, der durch Schreiben sprechen gelernt hat.

ZEITmagazin: Wie kam das?

Goldschmidt: Das habe ich mein ganzes Leben herauszufinden versucht. Meine Eltern haben mir immer abends aus dem Neuen Testament vorgelesen. Als Pubertierender hatte ich Schuldgefühle. Ich dachte, dass sie mich wegen meiner erotischen Fantasien 1938 ins Internat geschickt hatten. Erst sehr viel später habe ich begriffen, dass sie mich in Sicherheit brachten. Mein Vater war Oberlandesgerichtsrat in Hamburg. Er war ein großer Jurist mit Schmissen im Gesicht, konnte Latein und Griechisch und gehörte der Deutschen Reichspartei an. Meine Mutter war zum Glück schon gestorben, als mein Vater deportiert wurde, so blieb ihr Schlimmeres erspart. Im Konzentrationslager Theresienstadt wurde er Pastor der protestantischen Gemeinde. Er hat überlebt und glaubte nach Kriegsende noch, seine Deportation sei ein Versehen gewesen, weil er doch Deutscher sei. Ich habe ihn nie wiedergesehen.

ZEITmagazin: Sie waren zehn, als Ihre Eltern Sie und Ihren älteren Bruder nach Florenz schickten. Als es dort brenzlig wurde, flüchteten Sie nach Frankreich, in ein katholisches Internat in Savoyen.

Goldschmidt: Dort war ich frei, konnte laufen, klettern und vieles mehr. Als die Deutschen das Dorf übernahmen, erklärte mir die streng katholische Schulleiterin: Mein Kind, wissen Sie denn nicht, dass Sie Jude sind? Das schlug ein wie ein Blitz. Sie erklärte mir auch, dass wir Christus getötet hätten und ähnliche Dummheiten. Das reaktionäre Weib entpuppte sich aber als erstaunliche Frau mit ganz großem Mut. Ich hatte überhaupt das irrsinnige Glück, dass einige Franzosen ihr Leben für diesen gefräßigen, verpissten, verlogenen, klauenden deutschen Jüngling, also mich, riskiert haben. Das ist das Fundament meines Menschenbildes.

ZEITmagazin: Fast wären Sie damals der Gestapo in die Hände gefallen ...

Goldschmidt: Ja, ich konnte rechtzeitig fliehen, weil wir aus dem Dorf gewarnt worden waren, dass die Gestapo zum Internat unterwegs sei. Ein anderer Junge ist aber von der Gestapo mitgenommen worden, ein junger Pole, der nur Jiddisch konnte und für den ich Französisch gedolmetscht hatte. Jiddisch und Deutsch sind doch recht ähnlich. Seitdem frage ich mich: Warum bist du so umstandslos durchgekommen, und er ist gestorben? Das ist ein furchtbares Gefühl, das mich lange begleitet hat. Ich sehe noch seine dunklen Augen, der hatte alle Gründe, zu leben.

ZEITmagazin: Wie haben Sie das verarbeitet?

Goldschmidt: Erst das Schreiben hat mich erlöst. Ich bin jetzt über neunzig und komme doch immer wieder auf diese Jahre zurück, das lässt mich nicht los. Es ist die Zeit in meinem Leben, als ich anfing, die Welt zu begreifen, und mir zugleich alles genommen wurde. Verglichen damit ist mein Leben danach ein ruhiger Fluss.

ZEITmagazin: Ihre Frau haben Sie viel später kennengelernt. Wie kam es dazu?

Goldschmidt: Ich hatte homoerotische Tendenzen, wollte aber eine Familie haben. Als Jüngling habe ich mir meine künftige Frau erträumt, und dann stand sie vor mir. Ich war Referendar an einem Pariser Gymnasium, da sah ich dieses Mädchen im grünen Mantel, wir hatten dieselbe Klasse. Ich war scheu, habe sie aber angesprochen. Wir sind ins Museum gegangen, und es war, als hätten wir uns ewig gekannt.

ZEITmagazin: Trotz Ihrer schlimmen Erfahrungen mit Deutschland wurden Sie Deutschlehrer. Welche Gefühle empfinden Sie für das Land?

Goldschmidt: Ich hoffe, dass Deutschland nicht vergaulandet! Meine Beziehung zu diesem Land ist eine Hassliebe. Ich mochte das Deutsche nicht mehr, weil es die Sprache derjenigen war, die mich tot wollten. Meine autobiografischen Bücher habe ich instinktiv auf Deutsch geschrieben, auch als Provokation, um den Deutschen zu zeigen, dass sie mich nicht totgekriegt hatten. Dieses Land war mir nie gleichgültig, und trotz meiner Weigerung gehöre ich dazu. Ich habe nur ein unbestimmtes Gefühl der Anderswertigkeit. Der eine Teil meiner Persönlichkeit ist zutiefst deutsch, der andere durch und durch französisch. Meine Frau lacht sich tot, wenn sie das liest, sie sagt: Deutscher als du gibt’s nicht.

Das Gespräch führte Herlinde Koelbl. Sie gehört neben dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger, Anna Kemper, Ijoma Mangold, Christine Meffert und Khuê Phạm zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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