Harald Martenstein Über das gefühlte Alter

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 53/2018

Klar, ich wäre gern 20 Jahre jünger. Dann hätte ich mehr Lebenszeit vor mir, könnte alles essen, ohne dick zu werden, und müsste erst mal keine Angst vor Demenz haben, das sind bei mir die Hauptgründe. Aber es gibt für diesen verbreiteten Wunsch die verschiedensten Motive. Emile Ratelband, ein belgischer Motivationstrainer, möchte 20 Jahre jünger sein, damit er auf Dating-Portalen leichter an junge Dinger herankommt. Das ist jetzt allerdings eine Unterstellung. Offiziell sagt er nur, dass er auf Dating-Portalen bessere Chancen haben will. Er sieht gut aus, finde ich. Ich vermute, dass viele ältere Damen auf ihn abfahren, auch meiner Mutter würde er vermutlich gefallen. Ratelband ist 69. Der Flirt im Internet scheint sich meist gut anzulassen, die Zielpersonen sind angefixt, kein Wunder bei einem Motivationstrainer, er kann motivieren. Aber sobald er sein Alter nenne, zögen sich zahlreiche Zielpersonen aus dem Chat zurück.

Ratelband könnte lügen. Er könnte seine Zielgruppe der Nachfragesituation anpassen. Er könnte sich liften lassen, damit er glaubwürdiger lügen kann. Aber Ratelband geht nicht die einfachen Wege. Er hat geklagt. Er will offiziell, im Pass, 20 Jahre jünger werden. Er fühlt sich nämlich so, er sagt: "Ich bin ein junger Gott." Schließlich könne man auch sein Geschlecht ändern. Ratelband fragt: Wenn eine Frau, die sich als Mann fühlt, offiziell ein Mann werden darf, warum darf dann ein 69-Jähriger, der sich wie 49 fühlt, nicht offiziell 49 werden? Das Alter ist ja zweifellos auch eine soziale Konstruktion, wie das Geschlecht. Wenn die Gesellschaft sich darauf verständigt, nur noch die Geburtstage in Schaltjahren zu zählen, dann wäre Ratelband sogar erst 17, für junge Götter als Alter okay. Aber für seine Zielgruppe wäre das nun wieder zu jung.

Psychologisch stellt dieser Rechtsstreit, Ratelband gegen die Biologie und den belgischen Staat, ein großes Rätsel dar. Denn Ratelband, dessen Foto man sich im Internet anschauen kann, sieht nie und nimmer aus wie 49. Warum weiß er das nicht? Wie gesagt, er ist keineswegs hässlich. Aber als 49-Jähriger würde er wie ein total verlebter, irgendwie abgewrackter Typ rüberkommen, der die meisten seiner 49 Lebensjahre offenbar unter Brücken und in Begleitung von Ginflaschen oder Heroinspritzbesteck verbracht hat. Jede junge Dame würde sich beim ersten Rendezvous fragen: Um Himmels willen, wie hat der denn gelebt? Als 69-Jähriger dagegen steht er super da, ein sexy Grandpa, den man nie auf 69 schätzen würde, höchstens auf 62. Es ist halt nicht nur alles eine soziale Konstruktion, es ist auch alles relativ.

Vor allem Frauen sind beleidigt, wenn sie hören, sie sähen "für ihr Alter" gut aus. So etwas sagt man besser hinter ihrem Rücken. Dabei ist es nun mal eine traurige Wahrheit, dass fast alle Menschen mit 30 besser aussehen als mit 60. Ein paar wenige Exemplare sehen mit 60 besser aus als mit 30, zum Beispiel war dies bei Jean-Paul Belmondo und Diane Keaton der Fall.

Noch seltener ist der Typus, der im Alter immer besser aussieht, hier wäre vor allem der Journalist Wolf Schneider zu nennen, er ist 92. Vielleicht hilft es, wenn Emile Ratelband sich im Chat den Namen "Wolf Schneider" zulegt, die Frauen googeln das Foto und sind beeindruckt, zumindest so lange, bis Ratelband im Chat zum ersten Mal sagt: "Ich bin ein junger Gott." Den Prozess hat er in erster Instanz verloren, obwohl er sogar bereit war, auf alle Rentenansprüche zu verzichten.

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Kommentare

16 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Körpergröße, Alter, Augenfarbe sind meßbar.
Wenn jemand 180cm groß ist, 40 Jahre alt ist und blaue Augen hat, dann kann er höhere Schuhe tragen, auf Knien nach Santiago de Compostella rutschen, gelbe Kontaktlinsen tragen und sich wie 17 fühlen. (Seine Knie werden ihm vielleicht sein wahres Alter verraten).
Ein Gericht zu bemühen, um diese temporären Veränderungen zu dokumentieren, finde ich etwas überzogen.