© Jeremy Pettis

Sprachgebrauch Liebe war ein großes Wort

ZEITmagazin Nr. 53/2018
Früher war das Wort Liebe für das Gefühl zwischen zwei Menschen reserviert, heute hat es sich in unserem Sprachgebrauch inflationär breitgemacht. Höchste Zeit, Schluss zu machen. Von

Es mag seltsam sein, kurz vor Weihnachten weniger Liebe zu fordern. Aber es muss sein. Denn es reicht. Egal in welches Schaufenster wir blicken oder in welche Bäckereiauslage, welche Zeitschrift wir aufblättern oder welche Fernsehwerbung wir sehen: Die Liebe macht sich seit Jahren im öffentlichen Raum breit. Inflationär breit. Es wird, so verrät es uns die Werbung, praktisch nur noch aus Liebe gehandelt: aus Liebe zur Kartoffel, zum Teig, zum Menschen, aus Liebe zum Bad, zum Backen, zum Pferd, zum Tee, zum Parkett, zur Wurst und sogar (von wegen German angst) aus Liebe zur Zukunft. Der gesamte Berliner öffentliche Personennahverkehr beruht auf Liebe ("Weil wir dich lieben"). War der Slogan "Wir lieben ..." früher praktisch unbekannt, wird mittlerweile alles mit Liebe überschüttet: "Wir lieben Bio", "Wir lieben Tierärzte", "Wir lieben Autos"; Naheliegendes wird geliebt wie zum Beispiel Hunde, Pizzen, Kinder, Rosen, Urlaub, Musik und Bücher; Städte sind auch dabei (Forchheim, Hamburg, Dresden, Leipzig, Chemnitz); Dinge, die schon lange auf ein bisschen Liebe gewartet haben (Möbel, Namensschilder, Böden, Horrorfilme, Technik, Lebensmittel, IT, Rechnungen, Logistik, der Bocksbeutel, Frottee und Männer), und sogar (was ich bei einem Blick nach unten stark bezweifeln möchte) meine Schuhe. Ihre übrigens auch.

Früher beruhte das deutsche Wirtschaftswunder auf technischer Verlässlichkeit, heute scheint es ein reines Liebeswunder zu sein. Es wird mit Liebe gebacken, gebraut, gekocht, gebrüht und überhaupt: gemacht. Ein absurder Liebesboom, dem man nicht entkommen kann. Auslöser scheinen zwei Werbekampagnen im Jahr 2003 gewesen zu sein. Eine deutsche Agentur erfand damals den McDonald’s-Slogan "Ich liebe es", und ProSieben wirbt seitdem mit "We love to entertain you". In den 70 Jahren davor gab es nur 150 Werbeslogans, in denen "Liebe" oder "lieben" vorkam, in den 15 Jahren danach mehr als 600.

Zuerst fiel es bei der Autowerbung auf, die plötzlich mit Emotionen warb statt mit technischen Details. Die Modelle derselben Fahrzeugklasse unterschieden sich qualitativ nicht mehr so stark, und wenn Produkte im Prinzip gleich gut sind, bleiben nur Gefühle, um sie unterscheidbar zu machen. Und Emotionen wirken tiefer als Argumente. Seit unsere Welt durch das Internet immer technischer geworden ist, hat die Liebesinflation sich rasant verstärkt. Denn die Anbieter von Mobiltelefonen, Internetportalen und Handyverträgen wissen, dass ihre Produkte austauschbar sind, und preisen ihre Produkte über im Gegenlicht fotografierte Gefühle an. Der Wirklichkeit, in der auch wir alle immer gleicher werden, wird die Individualisierung entgegengestellt: Schau, hier ist etwas, das extra für dich gemacht wurde, wir haben an dich gedacht, du wirst in der Masse mit deinen Bedürfnissen gesehen. Ich tu dir etwas Gutes. Wir gehören zusammen. Du und ich. Ein warmes Gefühl, das genau das zurückfordert: Liebe mich! Was ganz schön unverschämt ist: Schließlich ist ein Handyvertrag am Ende doch ziemlich egal. Und so verschwindet das warme Gefühl auch so schnell, wie es gekommen ist. Bis uns ein neuer Liebesantrag umwirbt. Dass die romantische Liebe eine Ehe tragen soll, ist ja eine relativ neue Idee. Dass sie jetzt auch noch den Kapitalismus ölen soll, ist eine erstaunliche Karriere für ein Gefühl.

Nach all den Jahren hat diese Inflation unsere Sprache und uns verändert. Im Englischen wurde schon immer deutlich großzügiger mit den Wörtern Liebe und lieben umgegangen. Im Deutschen aber war Liebe lange sehr exklusiv für das große Gefühl zwischen zwei Menschen reserviert. Nicht für Brokkoli. Seit uns aber unsere Sprache suggeriert, dass nur noch das etwas wert ist, was geliebt wird, prägt das unsere Ansprüche. An die Arbeit zum Beispiel: Es reicht nicht mehr, dass man etwas gut kann und gut dafür bezahlt wird – nein, man muss es lieben. Das schafft Raum für Ausbeutung, schließlich sind wir bereit, für Liebe auf Geld und Sicherheit zu verzichten. Alles geht nur noch mit übersteigertem Gefühl: Wir wollen unsere Hobbys lieben, die Stadt, in der wir leben, das Essen, das vor uns auf dem Teller liegt. Bleibt die Emotion aus, glauben wir, dass etwas fehlt – so als würde man von einem Videospiel aufschauen und das Gefühl haben, der Realität seien die Farben entzogen. Dabei ist es doch meistens vollkommen okay, wenn Dinge einfach ganz gut sind. Oder schön. Oder Spaß machen. Oder gut schmecken.

Und während die Liebe Dinge aufwerten soll, passiert das, was bei jeder Inflation passiert: Das Wort Liebe selbst verliert an Wert, weil es auf den Wohlfühlfaktor reduziert wird. Dabei ist die Liebe schöner und schmerzhafter, aufregender und gefährlicher, erhebender und zerstörerischer, einfach: viel größer als ein in den Milchschaum gezeichnetes Herz. Und welches Wort wollen wir verwenden, wenn wir wirklich einmal von dem Gefühl für unseren Partner oder unsere Kinder sprechen wollen, wenn wir "Liebe" schon für Getriebeöl benutzt haben? Es ist Zeit, den rhetorischen Liebesrausch hinter uns zu lassen und wieder etwas auszunüchtern. Machen wir Schluss. Aus Liebe zur Liebe.

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