Einkommen: Oberschicht? Ich doch nicht!

Eine aktuelle Studie zeigt, dass viele Menschen, die vom Einkommen her zur Oberschicht zählen, sich selbst als weiter unten einstufen. Haben die alle Oberschichtscham? Ein Kommentar von

Dass eine Jacht was Schönes ist, mehrere Jachten aber noch schöner, das geben Menschen hierzulande selten öffentlich zu. Ganz anders Verena Bahlsen, 26, vom Boulevard auch "die Keks-Erbin" genannt. Sie sagte bei einer Konferenz: "Mir gehört ein Viertel von Bahlsen. Da freue ich mich auch drüber." Und weiter: "Das soll auch weiter so bleiben. Ich will Geld verdienen und mir Segeljachten kaufen von meiner Dividende und so was."

War das peinlich? Sicher, aus vielen Gründen. Aber es war außerdem eine Seltenheit und damit irgendwie auch erfrischend, denn Menschen, die viel Geld haben, reden in Deutschland ungern darüber. Stattdessen spielen sie ihr Vermögen herunter, als sei es soooo groß nun auch wieder nicht. Nach dem Motto: Was, nur ein Viertel von Bahlsen? Der Politiker und Lobbyist Friedrich Merz soll zwei Flugzeuge besitzen und sieht sich selbst als "gehobene Mittelschicht". Eigentlich will keine und keiner Oberschicht sein, also vermutlich nicht mal die Milliardäre, die Aldi-Brüder, der Lidl-Gründer und die Quandt-Erbin. Stattdessen wird Downgrading betrieben, der alte graue Anzug noch mal aufgebürstet und in aller Bescheidenheit überhaupt nicht über Geld gesprochen.

Es ist nicht so, dass es nicht genug Menschen hierzulande gäbe, die überdurchschnittlich gut verdienten. Gerade hat sich das wieder gezeigt, anhand einer aktuellen Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft: Ein Single mit mehr als 3.440 Euro netto im Monat und ein kinderloses Paar mit einem Haushaltseinkommen von 5.160 Euro zählen zu den einkommensstärksten zehn Prozent unserer Gesellschaft – zack, Oberschicht! Kommt jetzt das nächste Hashtag, #oberschichtscham?

Konzernlenker ist man mit einem solchen Einkommen trotz Oberschichtalarms noch nicht, aber muss man sich so sträuben gegen die Klassifizierung? Die Mehrheit der Wohlhabenden findet: Wir sind Mittelschicht. Oberschicht? Wir doch nicht! Allein der Begriff klingt nach unrechtmäßigen Privilegien, nach etwas, das man nicht selbst erschaffen und erarbeitet hat, etwas, das einem im Prinzip gar nicht zusteht. Dahinter steckt ein protestantisches Ethos, das immer noch gilt, auch wenn den Kirchen die Mitglieder weglaufen. Man hat bescheiden und sparsam zu sein oder zumindest halbwegs so zu wirken. Der Historiker Paul Nolte sagte im Luther-Jahr 2017: "Deutschland ist protestantischer geworden in den vergangenen zwei, drei Jahren."

Daraus folgt, dass zwar immer mal wieder jemand der Verlockung des Geldes erliegt und angibt wie ein Sack Sülze – aber gut geht das eben nie in Deutschland, selbst wenn damit eine latente Sehnsucht nach ein bisschen Glamour, vielleicht sogar in der Politik, befriedigt wird. Das zeigte sich, als Bettina Wulff und Stephanie zu Guttenberg auf einmal durch die Hochglanzpresse gereicht wurden. Die First Lady der Verteidigung begleitete ihren Mann, den Verteidigungsminister, sogar zum Truppenbesuch in Afghanistan, und sehr, sehr viele Menschen waren ganz aus dem Häuschen, wie bodenständig und gleichzeitig doch glamourös das Paar war. Ebenso bei den Wulffs, die ihre Liebe damals mit großer Homestory bekannt gaben. Aber schon nach kurzer Zeit ging allen Beteiligten die Luft aus. Die Wulffs trennten sich, die Guttenbergs verließen das Land. Und die Öffentlichkeit wandte sich den Geissens zu, einer Familie fröhlicher Proleten, die mit ihrer Kohle protzen.

So ist es für die meisten eben leichter verdaulich: Man bestaunt Rolex und Heli, muss sich aber nicht über die Unbescheidenheit aufregen, denn man kann sich ja so herrlich darüber lustig machen. Italiens stabilste Staatslenkung gelang dem Bunga-Bunga-Präsidenten Silvio Berlusconi, in Frankreich regierte einst, zur Freude des Boulevards, der Bling-Bling-Präsident Nicholas Sarkozy.

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