Paolo Pellegrin: Zwischen Himmel und Erde

Vögel habe ich immer schon geliebt, ich bin in Rom aufgewachsen, dort gibt es viele Vogelschwärme, Stare, also kleine Vögel, die sich in großen Gruppen gemeinsam bewegen. Als Kind war ich von ihren Choreografien fasziniert, ich erinnere mich, dass ich oft aus der Schule kam und die Schwärme am Himmel beobachtet habe. Vögel  verbinden auf ihre eigene Art Himmel und Erde, und Adler sind natürlich besonders starke Vögel, majestätisch, elegant. In Norwegen leben heute etwa 20 Prozent aller Seeadler weltweit, früher gab es sie überall in Europa, aber sie wurden gejagt und vertrieben, in den norwegischen Fjorden leben sie bis heute in einer geschützten Umgebung.

Ich bin also nach Norwegen gereist, um Adler zu fotografieren – und gleich am ersten Tag ging alles schief. Ich war mit einer Gruppe skandinavischer Birdwatcher in einem Boot unterwegs, sie hatten Kameras mit langen Objektiven dabei, wie Sportfotografen. Am Ende hatten sie viele Bilder gemacht. Ich kein einziges. Adler bewegen sich unglaublich schnell, verändern ständig ihre Flugrichtung, je nachdem, wie der Wind sich dreht. Ich gehöre zur  Schule Robert Capas, der vor allem durch seine Kriegsfotos aus den Dreißiger- und Vierzigerjahren berühmt wurde und der gesagt hat: Wenn deine Bilder nichts geworden sind, warst du nicht nah genug dran.

Ich brauchte einige Tage, um mich an die Geschwindigkeit der Adler zu gewöhnen. Während dieser Tage habe ich mich mit einem Adler-Experten angefreundet, Ole Martin, sie nennen ihn dort auch den "Eagle-Man". Er kennt wirklich alle Adler in seinem Fjord, er hat ihnen sogar Namen gegeben. "Oh, da ist Björn", hat er gesagt, "und dort ist Lars." Nach einer Woche verstanden Ole und ich uns so gut, dass er sagte, er werde einen neuen Adler, der vor Kurzem aufgetaucht sei, Paolo nennen. Zum Abschied hat Ole mir dann gesagt, dass ich Paolo ab sofort mindestens einmal im Jahr besuchen kommen muss.

ZEITmagazin Nr. 47/2019

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