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Patchworkfamilie: Wir versuchen erst gar nicht, heile Welt zu spielen

Schreien, schmollen, streiten? Patchworkfamilien lassen sich Weihnachten davon nicht vermasseln. Denn sie trainieren täglich den unperfekten Umgang mit anderen Menschen. Von

Für die Weihnachtsfeiertage hole ich den großen Samsonite-Koffer aus dem Keller, denn es geht mit allen Geschenken und der Deutschen Bahn zur Familie meines Freundes, dem Vater meines dritten Kindes. Meine zwei ersten Kinder kommen natürlich mit nach Frankfurt am Main, meine Mutter wird in Frankreich sein, bei ihrer Familie, meinen Vater besuche ich auf dem Weg in Bonn, den Vater meiner ersten zwei Kinder sehe ich am 27. Dezember zur Übergabe. Da bleiben Kind eins und Kind zwei, bis ich sie in Berlin auf meinen Wunsch zur Silvesterfeier im Umland Berlins wieder abhole – und unsere Au-pair sie dann an Neujahr bis zum Ende der Schulferien wieder zurückbringt, weil ich arbeiten muss.

Das alles haben wir akribisch mit Listen organisiert und wochenlang drüber gestritten. Am Telefon. Zwischen Tür und Angel. Per WhatsApp. Jede Familie streitet vor und an Weihnachten laut, leise oder schweigend. Doch Patchworkfamilien sind die einzigen, die dabei nicht versuchen müssen, Konflikte unter den Teppich zu kehren. Wir haben nichts mehr zu verlieren. Wir sind nicht perfekt. Der Mangel steckt bereits in der Begrifflichkeit, Patchwork. Wir sind ein Flickenwerk, chaotisch miteinander verbundene Menschen. Irgendwann am idealen Familienbild gescheitert.

Aber genau das macht Familien wie uns stark. Schreien, den Hörer auflegen, Tränen vergießen, diskutieren, die Kinder miteinbeziehen und ihnen den Konflikt in Erwachsenensprache erklären – das alles gehört für uns dazu. Unser Heiligabend ist nicht vermasselt, nur weil sich zwei angebrüllt haben oder jemand von uns über das Essen schimpft. Unsere Familienfeste handeln von Blockflötenkonzerten, Christmetten und Tannengeruch, aber eben auch von abwesenden Vätern oder Müttern und Halbgeschwistern. Das Unperfekte nimmt dem Weihnachtsfest den Stress. Wir versuchen erst gar nicht, heile Welt zu spielen.

Laut Statistik sind wir damit eine ziemlich normale deutsche Familie. Nach jüngsten Schätzungen des deutschen Jugendinstituts, die auch vom Bundesfamilienministerium aufgegriffen wird, wächst jedes siebte Kind heute mit Halb- oder Stiefgeschwistern auf. Weniger als die Hälfte der Kinder erlebt das 18. Lebensjahr in derselben Familie. Eltern trennen sich, gründen neue Lebensgemeinschaften oder heiraten ein zweites oder ein drittes Mal. Laut einer Erhebung des Allensbacher Instituts für Demoskopie hat fast ein Viertel der Eltern in Deutschland Kinder aus einer früheren Beziehung. Und immer mehr Kinder werden unehelich geboren, im Jahr 2017 waren es nach ersten Berechnungen des Statistischen Bundesamtes 35 Prozent. Statistiker beklagen sogar, dass die heutigen komplexen Lebens- und Familienformen mit den üblichen Messinstrumenten nicht mehr zu erfassen seien. Die Zahl der klassischen Familien schrumpft jährlich in Deutschland und mit ihnen das viel beschworene Ideal der klassischen Rollenverteilung, der Ehe, des Eigenheims fürs Leben. 

Serien wie Modern Family und Shameless werden deshalb von Millionen Menschen dankbar konsumiert, laufen auf Streamingportalen bereits in der elften beziehungsweise zehnten Staffel. Filme wie Marriage Story, in dem ein Paar mit Kind seine gemeinsame Scheidung erlebt, werden weltweit gefeiert, weil sie die Lebensrealität vieler jenseits von Zuckerguss und Happy End abbilden.

Vom Vater meiner zwei Kinder bin ich seit diesem Herbst offiziell geschieden, mit meinem Freund bekomme ich bald mein drittes Kind. Dann sind da noch drei Großmütter, zwei Großväter, unser Au-pair, drei Tanten, zwei Onkels, über zwölf Cousins und Cousinen, ein Hund, der im Sterben liegt, zwei Babykatzen und ein Trennungshamster.

Dieser Personenkreis von geliebten Menschen, in dem alle immer durcheinanderreden, wird in seiner Undurchsichtigkeit noch von der wöchentlichen Organisation über Familien-Trello-Boards, WhatsApp-Nachrichten, Google-Kalender, interaktive Einkaufslisten, zwei Schul-Stundenpläne, vier Dienstpläne und Fahrten zwischen vier Wohnungen (meine, die des Vaters der bereits geborenen Kinder, die meiner Mutter, die meines Freundes) ergänzt. Jedes der vier Zuhause hat seine eigene Betriebskostenabrechnung, eigene Stromzähler, einen eigenen Briefkasten und einen eigenen Kühlschrank, der mit den Sonderwünschen aller Beteiligten gefüllt sein muss. Krach ist vorprogrammiert – und zwar, sobald eines der feinen Zahnrädchen aus Absprachen, Zugeständnissen und Kompromissen nicht greift. Also ständig. 

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