© Olivier Dion

Amélie Nothomb "Die große Sache im Leben ist doch, Wörtern einen Sinn zu geben"

In Amélie Nothombs Familie wurde über furchtbare Dinge geschwiegen. Auch deswegen wurde sie Schriftstellerin. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 1/2019

ZEITmagazin: Madame Nothomb, Sie wurden in Japan geboren, sind in China aufgewachsen. Außerdem lebten Sie in Laos, Bangladesch, den USA und Belgien. Wie denken Sie über den um sich greifenden Nationalismus?

Amélie Nothomb: Mir wird richtig übel dabei. Ich bin eine Weltbürgerin und sehe es als eine große Bereicherung, in all diesen verschiedenen Kulturen gelebt zu haben.

ZEITmagazin: Sie haben schon als Kind erfahren, wie schmerzhaft es ist, einen geliebten Menschen zu verlieren.

Nothomb: Ja, als meine Familie Japan verließ und man mich aus den Armen meiner japanischen Nanny riss, die ich so sehr liebte wie meine eigene Mutter. Es war ein unheimlicher Verlust. Viele Jahre später wurde mir klar, dass ich dadurch wie besessen war von Liebe und Freundschaft. Wo immer ich lebte, suchte ich eigentlich meine Nanny. Aber niemand konnte sie mir jemals ersetzen.

ZEITmagazin: Haben Sie sie wiedergesehen?

Nothomb: Ja, 2012 bin ich nach Japan gereist. Es war unglaublich, sie wiederzusehen, ich war damals 45 und sie fast 80. Als ich sie in meine Arme nahm, war das ein unbeschreiblich tiefes, intensives Gefühl. Sie verlassen zu müssen war genauso grausam wie beim ersten Mal, obwohl ich es ja dieses Mal vorher wusste. Ich wurde wieder Kind.

ZEITmagazin: Sie sprechen so liebevoll über Ihre Nanny, was ist mit Ihrer Mutter?

Nothomb: Meine Mutter hatte damals vor allem die Aufgabe, die Ehefrau des belgischen Botschafters zu sein. Ich liebte meine Mutter abgöttisch, und ich wollte genauso aussehen wie sie, wollte ihr gefallen, weil ich mich so nach ihrer Liebe sehnte. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich meine Mutter regelrecht um ihre Liebe anbettelte: Liebe mich, liebe mich, liebe mich!

ZEITmagazin: Wie reagierte Ihre Mutter?

Nothomb: Sie sagte mir, dass das nicht richtig sei. Niemand sei verpflichtet, einen anderen Menschen zu lieben. Wenn du also mehr Liebe brauchst, als ich dir gebe, dann musst du mich dazu verführen!

ZEITmagazin: Das ist sehr hart.

Nothomb: Für mich war es eine Katastrophe. Ich war neun Jahre alt, wie sollte ich das machen? Aber im Nachhinein muss ich sagen: Sie hat mir etwas Wichtiges mitgegeben, nämlich dass Liebe nicht erzwungen werden kann. Sie ist keine Pflicht und fällt nicht vom Himmel. Das war aufrichtig.

ZEITmagazin: Wir sprechen über Schmerz. Als Sie zwölf waren, wurden Sie in Bangladesch vergewaltigt.

Nothomb: Es geschah beim Schwimmen im Meer. Ich hatte die vier Männer nicht kommen sehen. Sie zogen meinen Badeanzug aus und drangen mit ihren Händen in mich ein. Ich fing an zu schreien, schrie und schrie. Die vier Männer flohen.

ZEITmagazin: Konnte Ihre Familie Ihnen dabei helfen, die Vergewaltigung zu verarbeiten?

Nothomb: Allen in der Familie war klar, was passiert war, aber niemand sagte etwas. Das Einzige, was meine Mutter sagte, war "armes Kind". Zum Glück hat sie zumindest das gesagt. Ich habe später in einem meiner Bücher darüber geschrieben.

ZEITmagazin: Wie hat der Vorfall Sie verändert?

Nothomb: Ich bin zu einem völlig anderen Menschen geworden und wurde magersüchtig.

ZEITmagazin: Waren Sie in Therapie?

Nothomb: Erst 30 Jahre später, sechs Jahre lang. Ich wollte mich endlich damit auseinandersetzen, was damals passiert war. Ich hatte es doch gespürt und darunter gelitten. Weil aber keiner in der Familie darüber sprach, dachte ich manchmal, dass ich verrückt bin. Das ist einer der Gründe, warum Sprache für mich so wichtig ist, so mächtig. Die große Sache im Leben ist doch, Wörtern einen Sinn zu geben. Das ist es, was ich in meinen Romanen versuche, ich gebe den Wörtern Inhalt, und wenn mir das gelingt, ist das ein großartiges Gefühl, Wörter werden dann wirklich. Heute bin ich sehr glücklich.

ZEITmagazin: Sie sind eine unermüdliche Schriftstellerin. Wann haben Sie Ihr erstes Buch geschrieben?

Nothomb: Mit 17 habe ich mein erstes Buch angefangen. Es ist aber nie erschienen. Ich schreibe weit mehr, als publiziert wird. Gerade bin ich dabei, mein 94. Buch zu vollenden. Erschienen sind aber nur 27.

ZEITmagazin: Wenn Sie im Schnitt drei Bücher im Jahr schreiben: Wann schlafen Sie?

Nothomb: Ich bin eine Schlaflose, schon seit Kindertagen. Ich wache jeden Morgen um vier auf, schreibe dann bis acht Uhr. Danach beantworte ich die vielen Leserbriefe und E-Mails, bis mittags. Dann erst beginnt mein verrücktes und aufregendes Leben in Paris.

Das Gespräch führte Louis Lewitan. Er ist Psychologe und gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, Evelyn Finger, Anna Kemper, Ijoma Mangold, Christine Meffert und Khuê Phạm zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe.

Kommentare

7 Kommentare Kommentieren

97 Werke. Das ist viel Holz, oder besser: Papier.
Ich meine, es war George Bernard Shaw (oder war es Thornton Wilder?), der einmal gesagt hat, er vertraue bei einem Autor nicht dem Vielschreiber, sondern dem, der lange nachdenkt und seine Worte sorgsam wählt.

Frau Nothomb wirkt im Interview etwas überspannt. Möglicherweise ist das exzessive Schreiben für sie eine Art Therapie. Wenn es ihr hilft, problematische Erfahrungen zu bewältigen - prima. Aber ob das Geschriebene auch lesenswert ist? Die enorme Zahl von 97 veröffentlichten und unveröffentlichten Büchern ist jedenfalls alles andere als eine Ermunterung, in eines ihrer Werke hineinzuschauen.

Vielleicht sollte Frau Nothomb einmal versuchen, die Zeit, in der sie normalerweise fünf, sechs Bücher schreibt, für ein einziges aufzuwenden. Auf das Ergebnis wäre ich gespannt.