Harald Martenstein Über Spruchweisheiten

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 1/2019

"Ungeschmiertes Rad quietscht", mit diesem Satz beendete Sekretär Deutsch, der Sprichwörter, Zitate und Redensarten liebte, seine wohlformulierte Bitte um eine Gehaltserhöhung. Die Chefin hatte ihm geduldig zugehört. Nun sagte sie: "Das Meer weist keinen Fluss zurück. Aber in Ihrem Fall ist die Dankbarkeit in den Himmel gestiegen und hat die Leiter mitgenommen."

Deutsch arbeitete für zwei, gerade jetzt in der Weihnachtszeit. "Gut gesagt", erwiderte er spitz. "Aber wer allzu klug ist, findet keine Freunde."

"Wer alles bloß des Geldes wegen tut", sagte die Chefin, "wird bald des Geldes wegen alles tun."

Deutsch ärgerte sich. "Wer sich zum Schaf macht, den fressen die Wölfe. Das muss auch mal gesagt werden."

"Und wer den Kern essen will, der muss die Nuss knacken. Wo Honig ist, da gibt es Fliegen."

Der letzte Satz war nun wirklich kränkend. Aber nach einer Pause fügte die Chefin versöhnlich hinzu: "Das Herz einer Frau sieht mehr als die Augen von zehn Männern. Gut Ding will Weile haben."

"Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen."

Sie erwiderte wie aus der Pistole geschossen: "Eile mit Weile."

Deutsch versuchte es zur Abwechslung mit einem Zitat. "Gegner glauben uns zu widerlegen, indem sie ihre Meinung wiederholen und auf die unsrige nicht achten. Goethe."

Die Antwort hätte er sich eigentlich selber geben können. "Besser schweigen und als Narr scheinen als reden und jeden Zweifel beseitigen. Abraham Lincoln."

Letzterer Satz deutete auf den Wunsch hin, das Gespräch zu beenden. Deutsch wollte erwidern: "Dem Ochsen, der drischt, sollst du nicht das Maul verbinden", das stammte aus der Bibel und toppte eindeutig Lincoln, auch das Sprichwort "Wenn der Mann aus dem Haus geht, freut sich die Frau" wäre passend gewesen. Aber er verabschiedete sich mit den Worten "Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg".

Andererseits heißt es natürlich: Der Weg ist das Ziel. Falls der Weg wirklich das Ziel ist, dann kann man sich den Willen sparen, das Ziel tatsächlich zu erreichen. Außerdem führen viele Wege nach Rom. Insofern kommt man dort, wo ein Wille ist und folglich auch ein Weg, am Ende meistens in Rom heraus. Weil aber des Menschen Wille gleichzeitig sein Himmelreich ist, befindet das Himmelreich sich am ehesten in Rom. Insofern hätten die Katholiken recht. Aber recht haben und recht bekommen ist zweierlei.

Als Deutsch wieder sein Büro betrat und auf die Uhr schaute, dachte er, dass Morgenstund Gold im Mund hat, andererseits aber nicht alles Gold war, was glänzt. Insofern befand sich im Mund der Morgenstunde womöglich etwas völlig anderes, ein Kronenkorken vielleicht. Nachzuschauen, was die Morgenstunde wirklich im Mund hat, wäre unklug, denn die Morgenstunde gibt es gratis. Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul.

Dem Glücklichen schlägt keine Stunde. Falls dieser Satz stimmte, wäre es das Klügste, jetzt nach Hause zu gehen. Nun, die Klugheit des Fuchses besteht aus der Dummheit der Hühner. Und der Teufel ist ein Eichhörnchen.

Die Sprachen waren wirklich ungewöhnlich reich an Sprichwörtern und Redewendungen, im Deutschen sind es angeblich etwa 250.000, die sich leider ständig widersprechen. Hochmut zum Beispiel kommt vor dem Fall. Aber da man bekanntlich aus seinen Fehlschlägen mehr lernt als aus seinen Erfolgen, dürfte ein Mensch, der wegen seines Hochmuts ständig fällt, am Ende mehr gelernt haben als sein bescheidener Mitbürger. Womit wieder einmal bewiesen wäre: Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr.

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Das Neue Jahr ist mit Siebenmeilenstiefeln und Promille im Blut … wohin, auf den vielen Wegen nach Rom?! Jetzt bitte: Perspektivenwechsel, kleiner Seitenblick auf die Schreibweise von „Meile“ und Alkoholspiegel, genauer: auf den Unterschied zwischen „l“ und „ll“ in der einschlägigen Wortschreibung, heute. Etymologisch betrachtet gibt es gar keinen. Die römische Meile, von Stein zu Stein gemessen, betrug tausend (mille) Schritte. Und wo fing sie an? Auf dem Forum Romanum, unterhalb des Saturn-Tempels, wo Augustus das „aureum miliarium“ erbauen ließ – in der (fiktionalen) Tradition des Romulus, auf den die Naturalis Historia des Plinius (3,9, 66: Geographia Europas) zurückgreift. Der nämlich ließ die Wege zu den (angeblich) 37 Stadttoren abschreiten; vom selben „miliarium“ aus soll auch Dächerhöhe begrenzt worden sein. Die kaiserliche Meilensäule war Anfang, nicht Ende der „Viae“ (egal Appia oder Flaminia). Im spätantiken Latein setzte sich „milliarium“ durch. Darauf rekurriert auch der (bildungsgeschichtlich einflußreiche) Scholastiker Alanus de Insulis (Alain aus Lille, 12. Jh.) in seinem „Liber parabolarum“ – und zitiert ein gewiß schon älteres hexametrisches Sprichwort: „Mille viae ducunt hominem per saecula Romam“, Tausend Wege führen den Menschen durch die Zeiten nach Rom (nicht viele oder alle). Nix mit katholischer Kirche (Vatikan außerhalb Stadtroms!) - die hat sich auf die altrömische Tradition nur draufgesetzt. Und unsere Sicht ist die der ewigen Provinzler.