Nadelstreifenanzüge Heiße Streifen

© Peter Langer
Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 1/2019

Der Nadelstreifenanzug ist auf den Laufstegen zurück. Zum einen in der Herrenmode, wo man dunkle Anzüge mit dünnen weißen Streifen in legerer Version etwa bei Alexander McQueen sieht, oder in der superschmalen Ausführung als Doppelreiher bei Dior Homme. Aber auch Frauen tragen heute Nadelstreifen. Giorgio Armani, der Pionier des Damenanzugs, hat eine weite Hose mit breiten Nadelstreifen in der Kollektion, bei Gareth Pugh gibt es sogar einen langen Mantel mit Nadelstreifen.

Das spricht dafür, dass der Ruf des Nadelstreifens sich mittlerweile gebessert hat. Schuld an diesem schlechten Ruf war zum Teil der deutsche Wirtschaftspublizist Günter Ogger, der 1999 ein Buch mit dem Titel Nieten in Nadelstreifen veröffentlichte. Die Alliteration wurde schnell zum Synonym für alle möglichen Formen des Managerversagens. Denn wer einen Nadelstreifenanzug trug, der musste ein Wirtschaftsführer sein. Allerdings ist es kein Zufall, dass Nadelstreifen so stark mit Männern aus dem Finanzsektor identifiziert werden: Im 19. Jahrhundert waren es tatsächlich Banken, die ihre Angestellten mit gestreiftem Tuch ausstatteten. Zu einem Morgenkleid mit Frack trugen die Banker Hosen mit dünnen Streifen. Dabei hatte jede Bank ihr eigenes Streifenmuster als Erkennungszeichen. Das gestreifte Design der Hose ist später, und auch heute noch, in den Streifenanzügen mit zwei- oder dreiteiligem Ensemble wiederzufinden. Doch die Identifikation mit dem Geldwesen brachte dem Nadelstreifen schnell zweifelhafte Freunde. So war der Mafiaboss Alphonse Gabriel "Al" Capone ein großer Fan des Nadelstreifen-Looks. Je windiger der Geschäftsmann, desto größer das Bedürfnis, absolute Seriosität auszustrahlen. Der Nadelstreifen-Look sagte also mehr darüber aus, wie man jemanden wahrnehmen sollte, als wer man wirklich war. Der gewissenlose Börsenspekulant Gordon Gekko in dem Film Wall Street, verkörpert von Michael Douglas, kann natürlich nichts anderes tragen als einen Nadelstreifenanzug, der in der öffentlichen Wahrnehmung mehr und mehr zum Tarnanzug für gewissenlose Geldmacher wurde – und untragbar für Menschen, die wirklich seriöse Geschäfte machen wollten. Heute, da kein Geschäftsmann mehr Nadelstreifenanzug trägt, ist der Look wieder frei für das modische Experiment. Nur im Sprachgebrauch wird er noch immer für kriminelle Elemente genutzt. So sendete das ZDF neulich eine Reportage mit dem Titel Piraten in Nadelstreifen. Dabei tragen die realen unfähigen Manager längst keinen Anzug mehr. Sie sind heute betont unkonventionell gekleidet. Es wäre Zeit für neue Alliterationen. Vielleicht "Trottel im T-Shirt" oder "Honks im Hoodie"?

Foto: Peter Langer / Für neues Schwarz-Weiß-Denken: Nadelstreifenhose von Boggi, 159 Ero

Kommentare

9 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren