Sprichwörter: Außer Thesen nichts gewesen

ZEITmagazin Nr. 1/2019
Sie glauben, in jedem Sprichwort steckt ein Körnchen Wahrheit? 33 ZEIT-Autorinnen und Autoren treten den Gegenbeweis an.

Aller Anfang ist schwer

Zum ersten Mal die Steuererklärung selbst ausfüllen, ein Modellbauschiff, das aus zweitausend Einzelteilen besteht, zusammenbauen – klar, das ist alles nicht einfach. Was aber ist mit den Dingen, die doch ein wenig interessanter sind, die also einen Geist, eine Haltung, ein Stilbewusstsein, gar eine Inspiration verlangen? Ist es nicht schwerer und kostet es nicht viel mehr Nerven, den zweiten Roman zu schreiben oder das verteufelte zweite Popalbum aufzunehmen, als diese Kunstanstrengung zum ersten Mal zu tun? Anders gefragt: Ist nicht genau aller Anfang – zumindest für den jungen, furchtlosen, grandios die Welt anherrschenden und sich selbst überschätzenden Geist – ein leichtes Spiel, während das späte, reife Werk wahre Könnerschaft verlangt?

Eine Variation von "Aller Anfang ist schwer" lautet "Der erste Schritt ist immer der schwerste". Schauen wir uns das erste Bild an, das einem zu diesem Sprichwort einfällt: Es ist das einjährige Kind, das die ersten Schritte aus der Hand seiner Eltern zu einem nahe stehenden Möbelstück macht, hinschlägt, es erneut versucht. Kann man nicht im Gegenteil sehen, was für eine schöne Freude das Menschenkind bei seinen ersten Gehversuchen hat und wie fast schon unheimlich leicht ihm der Eintritt in eine neue Welt fällt? Man kann den Wert eines Sprichworts ja auch daran ermessen, wie viel gute Laune es macht. Der Spruch "Aller Anfang ist schwer" macht, Entschuldigung, extrem schlechte Laune. Er ermöglicht nicht, er verhindert, er sagt neue Erfahrungen ab. Nicht gut. Das Sprichwort vom schweren Anfang beim Wort zu nehmen heißt in letzter Konsequenz, das Leben selbst abzusagen und aufzugeben. Wenn Anfänge ein Privileg der Jugend sind – ganz richtig: dann werden sie im Fortlauf des Lebens ein Mittel, seine eigene Endlichkeit zu begreifen und gegen die Selbstzufriedenheit des Alters vorzugehen.

Meine Großmutter, vor 25 Jahren verstorben, hatte für praktisch alle Lebenslagen Sprichwörter, eins irrer und dadaistischer als das andere. Wollte sie achselzuckende Ohnmacht ausdrücken vor einer praktischen Verrichtung, sagte sie: "Da scheißt der Hund ins Feuerzeug." Tja. Große Philosophie.
Moritz von Uslar

Wer nicht für uns ist, ist gegen uns

Dieser Spruch und das dazugehörige Denken sind Konstanten der Geschichte. Die älteste mir bekannte Quelle ist leider das von mir geschätzte Matthäus-Evangelium: "Wer nicht mit mir ist, ist gegen mich." Es handelt sich um den einzigen programmatischen Satz, den alle Ideologien und alle Autoritären gemeinsam haben, er könnte aus dem Mund von Donald Trump stammen, von einem Kommunisten, von einer radikalen Feministin oder von Osama bin Laden. Natürlich stimmt er nicht. Die meisten Menschen, die einer Partei oder einer bestimmten Denkungsart anhängen, sind nach meiner Erfahrung keineswegs Hundertprozentige. Man findet ja doch immer dies oder das, an dem man stark zweifelt. Je intelligenter und gebildeter jemand ist, desto weniger eignet er oder sie sich zum Hundertprozentigen. Das Leben eines Hundertprozentigen ist eine Tragikomödie, denn die meisten Führer und die großen Lehrer ändern öfter mal ihren Kurs, der Glaube von gestern kann also morgen schon eine Sünde sein. Die Führer selbst sind nämlich keineswegs Hundertprozentige.

An genau diesem Satz scheitern die Ideologien dann auch häufig. Er stößt die Schwankenden und die Sympathisanten ab, er verschreckt mögliche Bündnispartner. Die Erkenntnis, dass Zweifel und Widerspruch nicht zulässig sind, weckt beinahe automatisch Zweifel und Widerspruch. Wer es nötig hat, mit diesem Satz zu operieren, sei es ausgesprochen oder unausgesprochen, kann unmöglich recht haben.
Harald Martenstein

Die lange Bank ist des Teufels liebstes Möbelstück

Diese Mahnung ist schon hohe Sinnspruchkunst. Sie ist zugleich preußisch (Pflichtappell), katholisch (Teufel!) und kalauernd (Wortspiel). Wer so denkt, und schon wer nur regelmäßig mit diesem Spruch traktiert wird, der kann schwer zur Ruhe kommen. Irgendwas ist ja immer zu tun. Wie schnell folgt heute auf den grundgesunden Schutzreflex, nicht alles sofort erledigen zu wollen, die verbale Pathologisierung: Prokrastination. Doch wehe dem, der nichts auf die lange Bank schieben darf! Er oder sie wird nie erfahren, wie viel sich von selbst erledigt, wenn man es nur lange genug ignoriert. Wer das nicht glaubt, kann in seinem E-Mail-Programm einen neuen Ordner anlegen. In den kommen alle uninteressant erscheinenden, alle unverlangt empfangenen Mails – ungelesen, fertig. Falls doch etwas Wichtiges dabei gewesen sein sollte, wird der Absender schon nachhaken. Andernfalls darf’s auch gerne der Teufel holen.
Stefan Schmitt

Ein Dummkopf, der arbeitet, ist besser als ein Weiser, der schläft

Dumm ist mein Großvater nicht, und ob das Sprichwort wirklich aus China stammt, können wir nicht belegen. Aber er verwendet es oft. Was er meint, ist sinngemäß "Steter Tropfen höhlt den Stein". Oder in seinen eigenen Worten: "Solange ich lebe, gebe ich mein Ziel nicht auf."

Mein Großvater ist 84 Jahre alt, er lebt in einer kleinen Kohlestadt in der Provinz Jiangxi. Ich habe ihn angerufen und nach seinem persönlichen Jahresfazit gefragt. 2018 sei ein super Jahr gewesen, sagt er. "Die Inspiration sprudelt aus mir wie Quellwasser." Mein Großvater, muss man wissen, träumt von einer Karriere als Schlagerstar. Sein Lebensziel ist es, eines Tages bei der jährlichen Frühlingsgala des chinesischen Staatssenders vor 800 Millionen Zuschauern zu singen. Live. Bei unserem Telefonat hat er bloß noch 33 Tage, in denen er seinen Liederband fertigstellen will, eine Sammlung mit 200 selbst komponierten Songs. Extrem emsig sei er gewesen, sagt er, habe von früh bis spät über Entwürfen gebrütet. Sobald er die letzte Strophe geschrieben habe, wolle er den Band der Casting-Jury in Peking präsentieren. Ich würde doch bei den Medien arbeiten, ob ich ihm nicht mit Kontakten helfen könne? Wie viele der 200 Lieder sind denn fertig, frage ich ihn. "50 bis 60 habe ich schon im Block", sagt er. Wie emsig er wirklich ist, darüber will ich nicht urteilen. Immer wenn ich meinen Großvater besuche, nickt er jedenfalls nach ein paar Minuten in seinem Schaukelstuhl ein. Ich vermute, insgeheim zieht er es vor, der Weise zu sein, der schläft.
Xifan Yang

Stille Wasser sind tief

Mein Leben lang habe ich versucht, still zu sein, und nie ist es mir gelungen. Immer habe ich die Ruhigen beneidet, die Besonnenen, jene, die sich zurückhalten und wenig sagen. Lange kamen sie mir tiefgründiger vor. Ich selbst bin nicht so. Ich bin impulsiv, temperamentvoll, und meine Meinung erfährt man recht schnell.

Als ich ein kleines Kind war, bot mir mein Vater – weil ich immerzu redete – in seiner Verzweiflung 50 Pfennig an, wenn ich nur für fünf Minuten den Mund hielte. Mein Vater musste das ausgelobte Schweigegeld nie bezahlen.

Frieden mit mir selbst habe ich geschlossen, nachdem ich Die Strudelhofstiege gelesen hatte, den 1951 erschienenen Roman des österreichischen Schriftstellers Heimito von Doderer. "Wer viel schweigt, hört und sieht viel, ohne Zweifel. Aber dass solche Zurückhaltung einfach einem erstaunlichen Mangel an Feuer entspringen könne, nimmt zunächst niemand an. Dass stille Wasser tief sind, ist eine Grundüberzeugung, die jeder hat; und mindestens sind diese Wasser unheimlich. Aber man hat sich auch schon aufmerksam über solche gebeugt, die in kaum Handtiefe nur gewöhnliche Kiesel am Grund sehen ließen", schreibt er. Ich glaube heute, dass er recht hat. Stille Menschen sind nicht selten einfach bloß Langweiler.

Heute ist meine eigene Tochter ein Kindergartenkind. Sie plappert den ganzen Tag. Und ich hoffe, sie hört niemals damit auf. Denn sie sagt wirklich tiefsinnige Sachen.
Anne Kunze

Alte Liebe rostet nicht

Als Durchhalteparole für in die Jahre gekommene Paare mag diese Spruchweisheit zwar ab und an noch matt glänzen. Doch meist lässt der Satz sowieso eher an spannendere, dafür etwas morbide Träume denken: Wenn der eigene Partner langsam an Glanz verliert oder gar den Geist ganz aufgibt, dann gibt es ja immer noch Facebook.

Da findet man dann im Handumdrehen die alte Jugendliebe aus dem Abiturjahrgang wieder. Zurück auf Los im Monopoly der Liebe, mit einem Stapel gammeliger Ereigniskarten im Gepäck und der Hoffnung, dass die alten Erinnerungen einen vielleicht erneut in Wallung bringen können. Camilla und Charles haben das ja schließlich auch geschafft, roste es, was es wolle.

Wer allerdings je Bill Murray gesehen hat, wie er als alt gewordener Mann in Jim Jarmuschs Film Broken Flowers innerlich und äußerlich verwundet durchs Land reist und nacheinander unangemeldet vor den Türen seiner Verflossenen steht, spürt schnell: Gegen die Torheit des Lebens helfen weder weise Sprüche noch Expertenzahlen. Damit das jetzt aber alles nicht so destruktiv rüberkommt, hier ein sachdienlicher Hinweis des 1955 gestorbenen Schauspiellehrers und Körpertherapeuten Frederick Matthias Alexander: "Wenn wir aufhören, das Falsche zu tun, geschieht das Richtige von selbst." Wer diesen Rat beherzigt, der braucht in diesem Leben kein Rostschutzmittel mehr.
Moritz Müller-Wirth

Kommentare

71 Kommentare Seite 1 von 8 Kommentieren