Konstruktivismus Total konstruiert

© Peter Langer
Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 2/2019

Wenn man sich die aktuellen Winter-Kollektionen anschaut, könnte man denken, der Konstruktivismus sei zurück. Designer wie Adam Selman und Tom Ford setzen auf geometrische Formen und monochrome Flächen. Taschen von Bottega Veneta sehen aus wie von Kasimir Malewitsch gemalt. Warum passt der Konstruktivismus so gut in unsere Zeit? Der Begriff leitet sich vom lateinischen construere ab, was "konstruieren" und "aufbauen" bedeutet. Im Kontext von Kunst, Design und Architektur bezeichnet der Konstruktivismus Formen künstlerischer Gestaltung, die sich aus extrem kontrollierten Elementen zusammensetzen: Werke, Skulpturen und Gebäude werden nach exakten Maßvorgaben geschaffen, die in der Regel auf mathematischen Berechnungen beruhen.

Auch in der Mode waren Konstruktivisten aktiv, vor allem in Russland. In den postrevolutionären Zwanzigerjahren versuchten Künstler und Designer auf ihre Weise an der Umgestaltung der Gesellschaft mitzuwirken: Konstruktivistische Mode war durch geometrische Stoffmuster und maximal vereinfachte Schnitte gekennzeichnet. Zentrale Akteurinnen dieser Bewegung waren Frauen, deren Namen man heute kaum noch kennt, etwa Ljubow Sergejewna Popowa und Warwara Fjodorowna Stepanowa. Für eine Textilfabrik schufen sie zum Beispiel ein neues Stoffdesign, indem sie das preisgünstige Textilgewebe Kaliko mit einem abstrakten geometrischen Ornament in Kontrastfarben versahen. Warwara Stepanowa entwarf zudem Produktionskleidung für alle möglichen Gewerke. Ihre Prinzipien: Unisex, geometrische Formen und Verzicht auf Verzierungen jeglicher Art.

In der konstruktivistischen Mode wurde versucht, Wissenschaft, Kunst, Gesellschaft und Technik zusammenzubringen. Man strebte eine Art ganzheitliche Mode an, die nicht nur einer ästhetischen Idee folgt, sondern die bestmögliche Gebrauchsmode für den Menschen ist. Mode, die ihn nicht nur in seiner Konsumentenfunktion, sondern in seiner gesamten gesellschaftlichen Rolle ernst nimmt. Man kann sagen, dass die Mode nie wieder so größenwahnsinnig war wie im Konstruktivismus.

Heute sind wir wieder in einer Zeit angekommen, in der die gesellschaftliche Rolle der Mode ernst genommen wird. Sollen wir etwas kaufen, nur weil es neu ist? Darf uns egal sein, unter welchen Bedingungen etwas hergestellt wurde? Wie stark die Umwelt damit belastet wurde? Wohin der Müll geht, wenn wir es wegwerfen? Es wäre schön, wenn heute wieder Konstruktivisten in der Mode am Werk wären – und es nicht nur eine ästhetische Spielerei wäre.

Foto: Peter Langer / Strenge Formgebung: Schal von Versace

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