Martin Amis "Ohne meine Träume würde ich verrückt werden"

© Jelka von Lange
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 2/2019

Es gibt drei Themenbereiche, in denen die Literatur große Probleme hat und die sie daher besser meiden sollte. Der erste Bereich ist Sex: Der Weg dorthin und wieder zurück, in Ordnung, darüber kann man schreiben. Aber der Sex selbst? Völlig hoffnungslos! Der zweite ist Religion: Religionen sind überkommene Konzepte, also Klischees. Der dritte sind Träume. Bei Henry James heißt es zu Recht: "Erzähle einen Traum, verliere einen Leser."

Träume sind extrem subjektiv, Literatur aber möchte und sollte universell sein. Gut, es gibt Ausnahmen. In Nabokovs Lolita beispielsweise steht ein Traum im Mittelpunkt. Und natürlich gibt es auch in Träumen universelle Muster, beispielsweise Nacktheit in der Öffentlichkeit oder gejagt werden und nicht vom Fleck kommen – das sind Träume, die ich auch schon hatte. Aber welche Bedeutung haben diese Träume für andere, für die Gesellschaft? Keine. Hinzu kommt: Wer verbringt schon gern Zeit mit jemandem, der nur über sein Sexualleben, seine Religion und seine Träume redet? Niemand. Meiner Meinung nach gelten hier für die Literatur die gleichen Regeln wie im sozialen Kontakt.

Auch ich habe natürlich oft strapaziöse Träume, aus denen ich ausgelaugt aufwache. Da ich viel reise, verpasse ich in meinen Träumen häufig das Flugzeug, oder ich habe den Reisepass vergessen und kann nicht dorthin gelangen, wo ich hinmuss. Diese Träume verblassen aber gleich nach dem Aufwachen, und das ist gut so. In meiner Jugend war es mal Mode, ein Traumtagebuch zu führen. Es hieß, mit der Zeit werde man sich durch diese Übung an mehr Details erinnern. Daran habe ich kein Interesse. Am Ende wäre ich den halben Tag damit beschäftigt, meine Träume aufzuschreiben. Sehr angenehm finde ich allerdings die Träume, in denen ich verstorbene Familienmitglieder und Freunde treffe. Auch wenn die Menschen nach dem Aufwachen immer noch tot sind: Solche Träume trösten und beleben mich.

Der schlimmste reale Albtraum meines Lebens war die Scheidung von meiner Frau. Als Kind habe ich sehr unter der Scheidung meiner Eltern gelitten. Damals waren Scheidungen noch selten und führten häufig zu sozialer Ächtung. Ich habe mich sehr geschämt und hatte große Angst, dass meine Freunde nicht mehr mit mir reden würden, wenn ich ihnen davon erzähle. Damals habe ich mir geschworen, dass ich mich niemals scheiden lassen werde. Meine eigene Scheidung war also eine doppelte Niederlage, schließlich habe ich auch Kinder.

Selbstverständlich sind Träume für uns Menschen wichtig. Ohne meine Träume würde ich verrückt werden. Ich respektiere das Unbewusste. Ich bin davon überzeugt, dass die meisten Träume in unseren Ängsten wurzeln, vor allem in den unbewussten. Ähnliches gilt für den kreativen Prozess des Schreibens, auch dabei ist das Unbewusste sehr dominant. Das Schreiben hilft mir, mich mit meinen Ängsten auseinanderzusetzen. Wenn mich ein Thema für ein Buch scheinbar aus dem Nichts überfällt, spüre ich eine Art Schaudern. Ich weiß dann, dass das Thema etwas mit meinen Ängsten zu tun hat.

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