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Matthias Katsch "Weil wir nicht wirklich begriffen, was uns geschah"

Matthias Katsch wurde als Schüler von einem Jesuitenpater missbraucht. Heute hilft er, ähnliche Fälle aufzuklären. Von
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 2/2019

ZEITmagazin: Herr Katsch, Sie wurden als Schüler am Berliner Canisius-Kolleg von zwei Jesuitenpatres sexuell missbraucht. Seit 2010 herauskam, dass es dort zahlreiche solcher Fälle gab, kämpfen Sie dafür, diese aufzuklären. Wann haben Sie beschlossen, nicht länger zu schweigen?

Matthias Katsch: 2005 begegnete ich zufällig einem der Täter bei einer Veranstaltung. Ich war Anfang 40, und die Erinnerung war schlagartig zurück. Kurz zuvor hatte ich meinen besten Schulfreund wiedergetroffen, der 30 Jahre vorher mit mir an der Schule gewesen war. Das wurde mein persönlicher Wendepunkt: Ich erfuhr, dass auch er missbraucht worden war. Es dauerte weitere vier Jahre, bis ich schließlich auf die Jesuiten zuging. So kam 2010 der sogenannte Missbrauchsskandal in Gang. Allein an unserer Schule waren Dutzende von Kameraden betroffen.

ZEITmagazin: Hatten Sie bis zu jenem Gespräch keinen Kontakt zu Mitschülern?

Katsch: Doch, zu einigen. Aber wir sprachen als Erwachsene nie darüber, was uns passiert war. Und als Schüler schon gar nicht. Nur einmal gab es einen Moment der Offenheit. Ich war 13 und nahm am Canisius-Kolleg an einer Schulung für junge Gruppenleiter teil. Angeleitet wurden diese religiösen Einkehrtage vom Leiter der Jugendarbeit, dem Pater Peter R. Dieser hatte mich immer wieder im Beichtgespräch bedrängt und stellte sich nach 2010 als einer von zwei Serientätern heraus.

ZEITmagazin: Was hatte er getan?

Katsch: Bei der Schulung verteilte er einen hektografierten "Test" an uns Jungen. Der enthielt Pornobilder und Fragen, die man dazu beantworten sollte. Das war seine Masche, um mit uns über Sexualität ins Gespräch zu kommen. Anschließend gab es "Auswertungen" unter vier Augen. Eines Abends holte R. auch den Jungen, der das Zimmer mit mir teilte, zu sich. Ich lag wach und wartete, bis er ihn spätnachts zurückbrachte. In dieser Nacht habe ich das erste und einzige Mal als Schüler offen mit einem anderen über den Missbrauch gesprochen.

ZEITmagazin: Warum wandten Sie sich nicht an den Direktor?

Katsch: Weil wir nicht wirklich begriffen, was uns geschah. Es war peinlich, normalerweise unaussprechlich. Wir wollten beide Gruppenleiter werden. Der Täter hatte erreicht, dass wir uns selbst die Schuld gaben. In den Gesprächen und in der Beichte ging es um unsere Sünden, vor allem die Sünde der Selbstbefriedigung. Ich fing nach dieser Nacht an, den Pater in der Beichte zu belügen. Ansonsten passte ich mich an. Der andere Junge muss sich gewehrt haben. Er begann zu rebellieren und musste die Schule nach kurzer Zeit verlassen. Erst 2010 traf ich ihn wieder, als bei der ersten Gesprächsrunde unserer Betroffenen-Organisation "Eckiger Tisch" 50 ehemalige Schüler zusammenkamen, um die von uns eingeladenen leitenden Jesuiten mit unseren Berichten zu konfrontieren. Da war ich 47. Mein ehemaliger Mitschüler war bereits schwer alkoholkrank. Für ihn kam die Aufdeckung zu spät. Vier Jahre später starb er. Als ich ihn kurz vor seinem Tod im Hospiz besuchte, konnte er schon nicht mehr richtig sprechen, er hatte Mundhöhlenkrebs. Ich habe mich nachher oft gefragt, warum der eine am Missbrauch zugrunde geht und der andere überlebt. In meinem Fall war es nicht mein Verdienst, es waren glückliche Zufälle.

ZEITmagazin: Warum verbündeten Sie sich damals nicht mit dem Jungen, dem Sie sich anvertraut hatten?

Katsch: Weil der ungeschützte Moment der Wahrheit, als wir da im Stockbett im Dunkeln lagen, die Ausnahme war. Das Konzept des sexuellen Missbrauchs gab es damals nicht – wir wussten gar nicht, was sexuelle Gewalt war. Wir waren ja nicht vergewaltigt worden. Unser Gespräch verhinderte nicht, dass der Pater weitermachte und ich später noch von einem seiner Mitbrüder missbraucht wurde.

ZEITmagazin: Warum schweigen Minderjährige über Missbrauchserfahrungen?

Katsch: Weil sie die Manipulation nicht durchschauen. Und weil sie sich schämen, auch vor sich selbst. Die Mutter des verstorbenen Freundes machte sich später Vorwürfe, dass sie nicht gesehen hatte, was ihrem Sohn passierte – aber meine Mutter hat es ja auch nicht gesehen. Das den Eltern vorzuwerfen entlastet nur die Täter. Wütend bin ich auf deren Vorgesetzte, die sehr wohl wussten, was geschah. Trotzdem konnte der Priester Peter R. noch fast drei Jahrzehnte weitermachen, wie eine von uns erkämpfte Studie über seine Zeit als Pfarrer im Bistum Hildesheim belegt. Erst 2014, nun schon über 70, wurde er von einem Kirchengericht in einem einzigen Fall zu einer Geldstrafe verurteilt.

Das Gespräch führte Evelyn Finger. Sie gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, dem Psychologen Louis Lewitan, Anna Kemper, Ijoma Mangold, Christine Meffert und Khuê Phm zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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