Selbstüberschätzung "Wie geht denn noch mal minus?"

© Aline Zalko
Von
Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 2/2019

Juli kommt nächstes Jahr in die Schule. Aber eigentlich ist gar nicht so klar, was die Schule ihr noch beibringen soll. Juli findet, dass sie schon fast alles kann. Sie rechnet sogar schon. Plus und ein bisschen minus. Plus rechnen geht so: Man sagt ihr etwa "fünf plus drei", dann dreht sie sich weg, weil sie sich auf ihre Finger konzentrieren muss. Fünf plus drei ist relativ bequem, es ist eine ganze Hand, dann kommen Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger der anderen Hand hinzu. Und dann braucht sie noch ihre Nase, um die einzelnen Finger mit der Nasenspitze anzustupsen und dabei zu zählen: acht. Vier plus eins ist eine fiese Aufgabe, denn dazu muss man vier Finger der rechten Hand strecken, den kleinen Finger aber beugen – und erst dann strecken, wenn man ihn dazunimmt. Den kleinen Finger einzeln zu bewegen ist ziemlich schwer. Juli muss die andere Hand zu Hilfe nehmen. Eine Aufgabe wie "vier plus zwei" ist schon eine regelrechte Zumutung. Denn nun muss Juli den Daumen der linken Hand hinzunehmen, die linke Hand braucht sie aber, um den kleinen Finger der rechten Hand festzuhalten. Solche Rechenaufgaben sind fast unlösbar.

Juli kann auch minus, zumindest wenn ich es richtig erkläre. Minus geht nämlich so: Man nimmt eine Anzahl von Fingern und dann einen Finger wieder weg. Ich frage: "Was ist fünf minus eins?" Juli dreht sich weg, rechnet. Dann fragt sie: "Wie geht denn noch mal minus?" – "Na, du hast fünf Finger und nimmst einen weg, und dann musst du zählen, wie viele übrig bleiben." – "Das weiß ich, aber welcher Finger muss weg? Daumen, Ringfinger, Zeigefinger, Mittelfinger oder kleiner Finger?" – "Das ist ganz egal, irgendeiner halt." – "NICHT IRGENDEINER! WELCHER? WELCHER FINGER? JETZT SAG DOCH ENDLICH!" Juli hat kein Problem mit Mathe, höchstens eins mit mir.

Juli kann auch schon lesen. Sie bekommt nämlich jeden Abend von uns Bilderbücher vorgelesen. Und Juli mag immer dieselben Bücher vorgelesen bekommen. Von den meisten kennt sie die Texte tatsächlich auswendig. Es kommt immer wieder vor, dass sie sagt: Jetzt will ich mal vorlesen. Also nimmt sie das Buch und fängt an, passend zu den Bildern den Text zu rezitieren. Sie liegt selten mit dem Vortrag daneben. Wie also sollte ich Juli erklären, dass sie eigentlich noch nicht lesen kann, wo sie doch genau das Gleiche macht wie ich: nämlich ein Buch in der Hand halten, reingucken und eine Geschichte erzählen? Ich meine aber, das ist gar nicht meine Aufgabe. Es gibt Fachkräfte, die eigens dafür bezahlt werden, Kinder über ihre Leistungen in Kenntnis zu setzen. Ich werde schon genug damit zu tun haben, Juli zu erklären, dass sie in die erste Klasse eingeschult wird. Von ihren Schwestern geht nämlich keine in die erste Klasse. Als Juli das erste Mal gehört hat, dass sie in die allerkleinste Klasse gehen soll, hat sie einen Wutanfall bekommen. Dass eins nämlich weniger ist als fast alles – so viel Mathe versteht sie ja.

Neulich sagte Juli, sie könne nun auch mit großen Zahlen rechnen. Sie wisse, was acht plus neun sei. Acht plus neun sei zehn. Ich widersprach. Juli sagte, das sei falsch und ich könne das wohl kaum wissen, weil ich noch nicht einmal richtig minus rechnen könne. Ehrlich gesagt weiß ich auch nicht, was man Juli in der Schule noch beibringen soll.

Kommentare

15 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren