© Franz Gru\u0308newald

Wahrnehmung "Schönheit ist lebensnotwendig"

Der Neurobiologe Semir Zeki hat herausgefunden, was im Gehirn vor sich geht, wenn wir Schönes wahrnehmen. Ein Gespräch über Ästhetik, die Liebe und den Versuch, beides zu verstehen Interview:
Aus der Serie: Stefan Kleins Wissenschaftsgespräche ZEITmagazin Nr. 2/2019

Er hat uns gezeigt, wie wir sehen. Dieser Satz genügt, um die Lebensleistung von Semir Zeki zusammenzufassen. In jahrzehntelanger Arbeit – anfangs mit Affen, später mit Menschen – entschlüsselte er die Vorgänge im Kopf, durch die sich Nervenerregungen des Auges in Bilder verwandeln. Später setzte er sich ein noch ehrgeizigeres Ziel: Er wollte verstehen, wie Bilder Gefühle auslösen, wie das Empfinden von Schönheit und Liebe in uns entsteht.

Semir Zeki, 1940 in eine Familie libanesischer Einwanderer in England geboren, ist ein energiegeladener Mann. Sein Alter hält ihn nicht davon ab, auf Demonstrationen Buttons gegen den Brexit zu verteilen. Seine Enkel, sagt er, sollen wissen, dass ihr Großvater alles versucht habe. Seit seinem Medizinstudium arbeitet er am University College of London. Dort ist er Professor für Neuroästhetik – den Begriff, der Neurologie und Ästhetik vereint, hat er selbst erfunden.

Zeki besuchte mich, um an einer Diskussion an der Berliner Universität der Künste teilzunehmen, zu der ich ihn eingeladen hatte. Wie alle Gäste der Veranstaltungsreihe durfte er sich ein Kunstwerk, ein Buch oder ein Musikstück aussuchen und es dem Publikum vorstellen.

ZEITmagazin: Herr Zeki, Sie haben sich Musik von Richard Wagner gewünscht, die Ouvertüre zu der Oper Tristan und Isolde. Warum?

Semir Zeki: Als ich diese Musik zum ersten Mal hörte, konnte ich nicht glauben, dass ein Mensch sie geschrieben hat, so schön fand ich sie.

ZEITmagazin: Was macht ihre Schönheit für Sie aus?

Zeki: Ihre Spannung. Der Zuhörer hört ganz am Anfang, in der Ouvertüre, einen Akkord, der erst nach viereinhalb Stunden aufgelöst wird. Vor allem aber beschreibt die Oper das Grundproblem der Liebe: die Sehnsucht nach einer perfekten Vereinigung. Am Ende müssen die Liebenden sterben, weil es solch eine vollkommene Liebe nicht gibt. Sie finden dieses Motiv in allen Kulturen.

ZEITmagazin: Im Publikum sah ich Unruhe. Nicht jeder schätzt Wagners Musik.

Zeki: Darauf kommt es nicht an. Diese Menschen finden andere Dinge schön. Was allein zählt, ist, dass wir überhaupt Schönheit empfinden. Diese Fähigkeit und dieses Bedürfnis hat jeder Mensch.

ZEITmagazin: Die unterschiedlichen Vorlieben machen es schwer, über Schönheit zu sprechen. Ich zum Beispiel höre gern neue Musik. Die dissonanten Klänge von Ligeti oder Stockhausen, die die meisten Menschen als schauerlich empfinden, gefallen mir. Dafür kann ich keine Popsongs ertragen.

Zeki: Ich kann weder mit Ligeti noch mit den Beatles viel anfangen. Weil Menschen verschiedene ästhetische Vorlieben haben, dachte man bisher, es sei unmöglich, zu sagen, was Schönheit eigentlich ist. Hinzu kommt, dass wir mit dem Begriff unterschiedliche Sinneserfahrungen belegen. Wir finden Gesichter, menschliche Körper und Dinge schön, aber genauso Musik. Mathematiker können sogar von der abstrakten Schönheit einer Formel schwärmen.

ZEITmagazin: Leser, Kinogänger, auch Opernbesucher schwärmen von der Schönheit einer Geschichte ...

Zeki: ... und meinen damit meistens moralische Schönheit. Auch menschliches Verhalten empfinden wir als ästhetisch, etwa wenn sich einer für den anderen einsetzt. Aber was haben all diese Phänomene gemeinsam? Eigentlich kein Wunder, dass sich die Philosophen seit 2500 Jahren nicht auf eine Definition für Schönheit einigen können.

ZEITmagazin: Haben Sie denn eine?

Zeki: Ja. Wir haben festgestellt, was alle Bilder, Körper, Landschaften, Klänge, Formeln und sogar Handlungen miteinander verbindet, die Menschen als schön empfinden: Sie gehen mit derselben Hirnreaktion einher. Wann immer Menschen eine ästhetische Erfahrung machen, wird die Region A1 im Stirnlappen des Großhirns aktiv, hinter der Augenhöhle.

ZEITmagazin: Sie stellen das fest, indem Sie Ihre Versuchspersonen in Scanner legen, die in Echtzeit Gehirnaktivität aufzeichnen.

Zeki: Ja. Anfangs testeten wir die Reaktionen unserer Probanden auf Bilder. Das war 2004. Später spielten wir ihnen im Scanner Musikstücke vor: Wieder regte sich A1, wenn sie eine Melodie mochten. Zuletzt zeigten wir Mathematikern Formeln. Auch bei ihnen empfingen wir umso stärkere Signale von A1, je besser ihnen eine Gleichung gefiel.

ZEITmagazin: Und was tut dieses Zentrum?

Zeki: Es gehört zum sogenannten emotionalen Gehirn. A1 ist Teil eines größeren Komplexes, der sich mit Entscheidungen beschäftigt. Vor allem bewertet er Reize, die wir als angenehm oder als Belohnung empfinden.

ZEITmagazin: Nun, wir fühlen uns besser, wenn wir etwas sehen oder hören, was uns gefällt. Und das von Ihnen entdeckte Hirnzentrum löst offenbar genau diese Reaktion aus. Was ist daran so überraschend?

Zeki: Dass Schönheit, ganz gleich, welcher Art, immer dieselbe Gehirnerregung auslöst. Hätten Sie mich vor zwanzig Jahren gefragt, hätte ich Ihnen gesagt, dass visuelle Schönheit etwas ganz anderes ist und auch im Gehirn anders verarbeitet wird als schöne Musik oder eine Gleichung, die ein Mathematiker als ästhetisch empfindet. Aber so ist es nicht. Schönheit ist ein einheitliches Konzept, das mit der Aktivität eines ganz bestimmten Teils des Gehirns zusammenhängt. Das fand ich sehr überraschend.

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