Harald Martenstein Über Reichtum und Neid

Von Harald Martenstein
Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 3/2019

Kürzlich habe ich, etwas klischeehaft, auf die Tatsache hingewiesen, dass in den USA der Neid auf Reiche weniger ausgeprägt ist als bei uns. Ein Leser, Herr S., schrieb mir daraufhin. Er sei Altenpfleger, seit Längerem erkrankt und bewege sich in der Nähe des Existenzminimums. Zitat: "Wenn wir beide an einem Kiosk stehen und eine Zeitung kaufen, sind Sie als gut verdienender Journalist vermutlich optisch nicht von mir als Ärmerem zu unterscheiden. Es ist bei uns unüblich, mit seinem Reichtum hausieren zu gehen, im Gegenteil, es gilt als wenig anständig. Wer angibt, fällt unangenehm auf. Das hat nichts mit Neidkultur zu tun, sondern mit Bescheidenheit und Maßhalten. Die Amerikaner neigen zur Angeberei. Bitte machen Sie uns Deutsche nicht da runter, wo wir wirklich sympathischer sind als andere."