Hörbücher "Das mag ich zum Einschlafen"

© Aline Zalko
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Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 3/2019

Ich habe nichts im Speziellen gegen Rufus Beck. Ich denke, er ist ein guter Schauspieler und überhaupt ein netter Typ. Er hat eine schöne, wandelbare, sonore Stimme. Das weiß ich, weil ich dieser Stimme mehrere Stunden am Tag lauschen muss. Und das ist eben mein Problem mit Rufus Beck. Er hat einen zu großen Platz in meinem Leben. Rufus Beck kam in meine Welt mit der Hörbuch-Edition von Harry Potter. Es sind alle sieben Bände im MP3-Format. 137 Stunden. Ich hatte es schon einmal an dieser Stelle erwähnt: Die Kinder bekamen die Geschichten vor einigen Jahren geschenkt. Seitdem laufen sie in Dauerschleife. Ich kann vom Stein der Weisen bis zu den Heiligtümern des Todes alles mitgrölen wie ein Groupie auf einem Rolling-Stones-Konzert. Neulich hörte ich zu meiner Überraschung, dass eine gewisse J. K. Rowling als die Autorin dieser Werke gilt. Ich war überzeugt, es sei Rufus Beck.

Wenn Greta morgens aufsteht, macht sie den CD-Player an, und Rufus Beck legt los. Während sie sich die Zähne putzt, erzählt er vom Schicksal Harry Potters, im Wandschrank unter der Treppe schlafen zu müssen. Und wenn sie abends ins Bett geht, berichtet Beck von den ersten Besen-Flugstunden des Zaubertalents. "Ich mag das zum Einschlafen", sagt Greta. Ich schlafe allerdings auch sehr gerne. Und manchmal liege ich in meinem Bett und höre durch die Zimmerwände das Brummeln von Rufus Beck. Dann stehe ich auf, gehe in Gretas Zimmer, wo sie schon längst schläft, und mache den CD-Player aus. So eine MP3-CD kennt ja kein Ende, Rufus Beck würde weiterreden bis zum nächsten Morgen. Ich habe ein Interview mit Rufus Beck gelesen. Harry Potter war sein Hörbuch-Durchbruch. Er erzählte, dass ihn einmal eine Frau angesprochen habe: "Mit Ihnen schlafe ich jede Nacht ein." Ich könnte ihm sagen: "Sie bringe ich jede Nacht zum Schweigen." Es gibt offenbar viele Menschen, die noch im Erwachsenenalter Hörspiele zum Einschlafen hören. Sind Menschen heute vielleicht schon so sehr daran gewöhnt, dass ständig etwas in ihrer Umgebung piept, brummt oder quasselt, dass sie Stille nervös macht?

Ich habe auf einer Pädagogik-Website gelesen, man solle Kinder davon abhalten, Hörspiele im Bett zu hören. Im Kinderhirn würde sich sonst die Erfahrung verankern, dass man immer abschalten könne, wenn jemand spricht. Die Folge sei Unaufmerksamkeit im Unterricht. Ich weiß nicht, ob das so stimmt. Ich habe als Kind nie Hörspiele zum Einschlafen gehört, trotzdem schaltete ich oft genug im Unterricht sofort ab, wenn der Lehrer anfing, etwas zu erklären. Und außerdem dürfte man Kindern dann ja auch keine Bücher zum Einschlafen vorlesen, oder?

Meine Befürchtung ist eine andere: Dieser Beck hat etwas, das ich nicht habe. Die Stimme ist wohlklingend und klar. Viel tiefer als meine Stimme. Vielleicht braucht Greta täglich ein paar Stunden Ohrenkur mit Schauspieler-Bass, damit sie das hochtönende Gekrächze ihres Vaters besser verkraften kann.

Greta dagegen sagt: "Ich mache einfach gerne mehrere Sachen gleichzeitig. Ich höre CD und bastle, ich höre CD und telefoniere, ich höre CD und schlafe." Außerdem könne ich ihr ja einfach auch mal eine neue Hörbuch-CD kaufen.

Den ganzen Harry-Potter-Kram kenne sie ja schon in- und auswendig.

Kommentare

17 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Es gibt wohl schlimmeres.

Aber womöglich wäre es gut, das nächste Mal Bücher zu schenken.

Erzieherisch könnte er darauf bestehen, dass Hörbücher nach Acht Uhr zu Schweigen haben. Auch wenn die Tochter sie gerne hört, muss sie Rücksicht auf das Familienleben nehmen, schliesslich ist sie keine 4 mehr. Kopfhörer oder Zeitschaltuhr wären adäquate Hilfs- bzw. Kompromissmittel.

Zum Text: etwas wirr und frei assoziieren in seiner Argumentation, wirkt nur wenig durchdacht, was seine Botschaft sein soll, jedoch sehr angenehm zu lesen.

Glück gehabt, Frau aus Marzipan, Tschuldigung - Traumfrau natürlich. Glück, dass Ihnen die Bücher auch gefallen. Ich finde Sie sterbenslangweilig und bin deshalb einerseits dankbar für diese Hörbücher, die bei uns in Dauerschleife abwechselnd mit sämtlichen Känguruh-Episoden von Marc-Uwe Kling laufen. Unsere Kinder sind mit 10 und 13 aus dem Alter des Vorlesens gerade raus, Sie lesen selbst. Sie lesen immer dann, wenn ich die Hörbücher abgestellt habe. Ich weiss auch nicht, was an der Stimme von Rufus Beck so toll sein soll, ich kenne eine Vielzahl von Hörbüchern mit angenehmerer Lesestimme. Rufus Beck liest den Harry übrigens nicht nur sonor, sondern auch keifend, gniedelnd und kreischend, da ist das mit dem Überleben so eine Sache.