Horrorerzählungen Monstermäßig

© Peter Langer
Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 3/2019

Wer einen Horrorfilm schaut, fühlt Angst und Wohligkeit zugleich. Man hat einerseits das Bedürfnis zu fliehen, gleichzeitig weiß man, dass abseits des Bildschirms nichts Schlimmes passieren kann. Man möchte sich erschrecken, um der Wohltemperiertheit des eigenen Alltags zu entkommen. Dafür muss man allerdings auch einen wohltemperierten Alltag haben: Eine Gesellschaft muss es sich erst einmal leisten können, sich vorsätzlich zu gruseln.

Geschichten mit Horrorelementen hat es schon immer gegeben. Wenn Gott in der Bibel dem wohlhabenden Hiob erst seinen Viehbestand raubt, anschließend seine Kinder beim Einsturz eines Hauses erschlagen werden und er selbst eine Krankheit bekommt, bei der sein Körper ein einziges Geschwür wird – der reine Horror. Auch die Reisen des Odysseus mit all ihren Ungeheuern und Grausamkeiten kann man als Horrortrip verstehen. Und sicherlich auch die Märchen der Brüder Grimm, in denen bekanntlich ein Mädchen von einem Wolf aufgefressen wird. Etwas unterscheidet diese Geschichten aber von modernen Horrorgeschichten: Sie haben eine Moral. Hiob erfährt Leid, verliert aber nicht seinen Glauben an Gott. Odysseus überlebt seine Abenteuer durch Mut und Bedachtheit. Und das Märchen von Rotkäppchen wurde erzählt, um Kinder auf die damals sehr reale Gefahr durch wilde Tiere im Wald aufmerksam zu machen. Das ganz normale Leben war gefährlich, und die Geschichten dienten dazu, die Gefahr zu bannen. Denn wenn man nur alles richtig macht, immer auf dem rechten Weg bleibt, dann bezwingt man das Böse.

Die moderne Horrorerzählung hingegen hat keine Moral. Sie stammt aus dem 19. Jahrhundert und war eine Reaktion auf die Aufklärung. Der Durchleuchtung der Welt sollte eine neue Mystik entgegengesetzt werden, ein neues Ausgeliefertsein. Heute ist dieses Bedürfnis wohl stärker denn je. Es gibt einen so großen Kult um Zombies, dass manche glauben, es gebe sie wirklich. Monster werden hingegen manchmal geradezu liebevoll behandelt: In den Monster AG-Filmen von Pixar sind die Ungetüme richtig knuddelig.

Bei der jüngsten Designmesse Salone del Mobile in Mailand war der Publikumsliebling die Ausstellung Monster Cabaret, für die etwa der Designer Maarten Baas für die Glasmanufaktur Lasvit kleine Monster aus Glas geschaffen hatte. Und Hermès hat in der aktuellen Herrenkollektion ein Seidentuch mit Monstermotiven. Monster sind heute bunte Helfer gegen die graue Realität. Vielleicht stehen sie für unsere Hoffnung, dass nicht alles um uns herum nur von Rationalität geprägt ist. Denn auch das wäre echt ein Albtraum.

Foto: Peter Langer / Beißt und kratzt nicht: Monster-Tuch von Hermès

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7 Kommentare Kommentieren

"Kult um Zombies, daß manche glauben, es gäbe sie wirklich" (O-Ton Autor). Unter diese Gläubigen wird man auch das Pentagon zählen müssen. Darf ich mal zitieren aus der Wikipedia?! "CONOP 8888 also known as Counter-Zombie Dominance is a United States Department of Defense Strategic Command CONOP document that describes a plan for defending against zombies.[1][2][3][4] The April 30, 2011 document depicts fictional scenarios of zombie attacks as a means of training students in military planning".