Māori An den Grenzen der Realität

© Martin Toft
Der dänische Fotograf Martin Toft lebte 1996 für einige Monate auf Neuseeland bei einem Stamm der Māori. Zwei Jahrzehnte später kehrte er zurück. Seine Bilder zeigen eine naturverbundene, mystische Kultur. Interview:
ZEITmagazin Nr. 3/2019

ZEITmagazin: Herr Toft, Sie verbrachten vor zwanzig Jahren sechs Monate mit einem Stamm der Māori. Davor hatten Sie keinerlei Verbindung zu dem Volk. Wie kamen Sie mit den Māori in Kontakt?

Martin Toft: Ich war 25 Jahre alt und reiste in Neuseeland den Fluss Whanganui entlang. In King Country traf ich auf eine Gruppe Māori, die gerade dabei war, ein Stück Land zu besetzen, das ihnen ehemals gehört hatte und von der Regierung entrissen worden war. Ich schloss mich ihrem Protest an.

ZEITmagazin: Anfangs begegnete man Ihnen noch mit Skepsis, aber mit der Zeit wurden Sie zu einem festen Stammesmitglied und Teil der Familie. Wie entwickelte sich Ihre Beziehung zueinander?

Toft: Einer der Ältesten war mir dabei eine große Hilfe, ich durfte ihn mit einem Diktiergerät aufnehmen und lernte so ihre Sprache. Als ich sie nach zwei Monaten fließend beherrschte, absolvierte ich eine Aufnahmezeremonie. Man stellt sich vor und erweist seinen Respekt gegenüber den Vorfahren des Stammes. Ab diesem Zeitpunkt wurde ich als ein Mitglied gesehen.

ZEITmagazin: Wann machten Sie das erste Foto?

Toft: Anfangs fotografierte ich eigentlich kaum, ich fing erst an, als ich mich als Teil der Gruppe fühlte. Eines der ersten Fotos ist das Porträt einer Frau, die am Fluss steht und zwei Farne in der Hand hält, eine Tradition, die für Reinigung und Schutz steht.

ZEITmagazin: Die Māori leben in einer sehr spirituellen Beziehung zur Natur. War das für Sie ein starker Kontrast zu Ihrem Leben zuvor in der westlichen Kultur?

Toft: Diese Art von Spiritualität war mir komplett neu, in Dänemark hatte ich nichts Vergleichbares erlebt. Wir absolvierten täglich bestimmte Rituale, beispielsweise gingen wir jeden Morgen in den Wald, um den Stimmen der Bäume zuzuhören. Für die Māori leben die Geister ihrer verstorbenen Vorfahren in der Natur weiter. Das war faszinierend, aber es stieß auch teilweise an die Grenze meiner Realität.

ZEITmagazin: Eines Ihrer Fotos, auf dem ein Pferd zu sehen ist, beschreiben Sie als Porträt eines Geists, der nach dem Tod weiterlebt. Kann Fotografie diese Art von Transzendenz einfangen?

Toft: Ob man das auf dem Bild sehen kann, weiß ich nicht, aber vielleicht kann man etwas spüren.

ZEITmagazin: Nach der Ankunft der europäischen Siedler Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der Stamm gewaltsam von seinem Land verjagt. Kennen die Māori traditionell überhaupt das Konzept des Landbesitzes?

Toft: Die Māori verstehen die Erde unter unseren Füßen nicht als etwas, das man besitzen kann. Sie sehen die Welt als ein Kollektiv, als ein "wir", egal ob Mensch, Pflanze oder Tier. Demnach gehört die Erde uns allen, da wir alle gleich sind.

ZEITmagazin: In der Fotografie kommt immer die Frage auf: Muss man ein Teil einer Gruppe sein, um sie dokumentieren zu dürfen? Inwiefern haben Sie über das Privileg Ihrer Herkunft nachgedacht?

Toft: Bei meinem ersten Besuch war ich noch sehr jung und naiv, ich hatte mir kaum Gedanken darüber gemacht. Ein typisches Symptom, wenn man aus einer privilegierten Situation kommt. Erst mit der Zeit wurde ich mir immer mehr dieser Thematik bewusst, deshalb war es mir wichtig, das weiterführende Projekt in Absprache mit den fotografierten Personen zu entwickeln.

ZEITmagazin: 2016 wurde der Whanganui vom neuseeländischen Parlament zur juristischen Person erklärt. Nun können Flusswächter in seinem Namen klagen, zum Beispiel gegen Verschmutzung. Das war für Sie der Anlass, zurückzukehren, um weitere Fotos zu machen und ein Buch zu veröffentlichen. In dem Buch zeigen Sie Ihre Bilder und einige historische Fotos, die andere Fotografen von den Māori gemacht haben und die in einem Archiv aufbewahrt werden. Haben Sie darüber nachgedacht, ob sich die Māori ungerecht behandelt fühlen könnten, vor allem im Hinblick auf Ihren finanziellen Profit?

Toft: Ein monetärer Gewinn war nie ein Thema für mich. Ich kam nicht mit der Absicht, Fotos zu machen, um sie zu verkaufen. Ich möchte mich durch mein Fotografieren bei meinem Stamm bedanken. Das Buch ist eine Sammlung von Bildern von damals und heute und vereint die Geschichten unterschiedlicher Generationen. Es wird dadurch selbst zu einem Teil des kulturellen Archivs des Stammes.

ZEITmagazin: Die Dekolonisierung der Museen ist ein großes Thema: Kunstwerke und kulturelle Objekte, die ohne Erlaubnis nach Europa mitgenommen worden sind, werden an die Herkunftsländer zurückgegeben. Kann man durch eine Fotografie, also ein Abbild von etwas oder jemandem, auch etwas rauben?

Toft: In der Fotografie geht es in dem Sinne vor allem um den Kontext der Verwendung. Wenn Fotos veröffentlicht werden, ohne dass es abgesprochen war, kann man das sehr wohl als eine Art Diebstahl verstehen.

ZEITmagazin: Heute besuchen etliche Touristen Māori-Attraktionen, quasi jeder ist mit einer Kamera ausgestattet. Kann eine digitale Bilderflut eine Kultur wie die der Māori beschädigen?

Toft: Das Tourismusprogramm ist ja nur ein Bruchstück ihrer Kultur. Man muss sich viel länger mit dieser Kultur auseinandersetzen, um sie zu verstehen. Das Interessante ist, dass mittlerweile viele Māori selbst sehr aktiv auf Social Media sind und Fotos sowie Videos von ihren Zeremonien posten, die früher als heilig galten.

ZEITmagazin: Welchen Einfluss hat der digitale Upload auf diese heiligen Rituale?

Toft: Die Ältesten erklärten mir, dass diese Zeremonien letztlich nichts Geheimes sind. Die Māori freuen sich sogar sehr, wenn man sich für ihre Kultur interessiert. Sobald man böse Absichten hat, merken sie das ziemlich schnell. Sie sind sehr gut darin, zu sehen, was sich nicht auf der Oberfläche abspielt. Einmal fragte ich einen Māori, ob er mich denn verstehe, wenn ich Māori mit ihm spräche. Er antwortete, dass er am meisten dem zuhöre, was ich gar nicht sage.

ZEITmagazin: Die Naturnähe der Māori ist sehr vorbildhaft in puncto Umweltschutz. Was können wir noch von ihnen lernen?

Toft: Das Zusammenleben mit der Welt, ohne sie dabei zu zerstören. Der Westen ist so vom Kapitalismus getrieben, dass alles immer sofort verwertet werden muss. Die Māori möchten die Erde genau so erhalten, wie sie ist. Nur so kann sie weiteratmen und sich erneuern. Schließlich sind wir alle ein Teil von ihr, und sie ist ein Teil von uns.

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