Māori An den Grenzen der Realität

ZEITmagazin: In der Fotografie kommt immer die Frage auf: Muss man ein Teil einer Gruppe sein, um sie dokumentieren zu dürfen? Inwiefern haben Sie über das Privileg Ihrer Herkunft nachgedacht?

Toft: Bei meinem ersten Besuch war ich noch sehr jung und naiv, ich hatte mir kaum Gedanken darüber gemacht. Ein typisches Symptom, wenn man aus einer privilegierten Situation kommt. Erst mit der Zeit wurde ich mir immer mehr dieser Thematik bewusst, deshalb war es mir wichtig, das weiterführende Projekt in Absprache mit den fotografierten Personen zu entwickeln.

ZEITmagazin: 2016 wurde der Whanganui vom neuseeländischen Parlament zur juristischen Person erklärt. Nun können Flusswächter in seinem Namen klagen, zum Beispiel gegen Verschmutzung. Das war für Sie der Anlass, zurückzukehren, um weitere Fotos zu machen und ein Buch zu veröffentlichen. In dem Buch zeigen Sie Ihre Bilder und einige historische Fotos, die andere Fotografen von den Māori gemacht haben und die in einem Archiv aufbewahrt werden. Haben Sie darüber nachgedacht, ob sich die Māori ungerecht behandelt fühlen könnten, vor allem im Hinblick auf Ihren finanziellen Profit?

Toft: Ein monetärer Gewinn war nie ein Thema für mich. Ich kam nicht mit der Absicht, Fotos zu machen, um sie zu verkaufen. Ich möchte mich durch mein Fotografieren bei meinem Stamm bedanken. Das Buch ist eine Sammlung von Bildern von damals und heute und vereint die Geschichten unterschiedlicher Generationen. Es wird dadurch selbst zu einem Teil des kulturellen Archivs des Stammes.

ZEITmagazin: Die Dekolonisierung der Museen ist ein großes Thema: Kunstwerke und kulturelle Objekte, die ohne Erlaubnis nach Europa mitgenommen worden sind, werden an die Herkunftsländer zurückgegeben. Kann man durch eine Fotografie, also ein Abbild von etwas oder jemandem, auch etwas rauben?

Toft: In der Fotografie geht es in dem Sinne vor allem um den Kontext der Verwendung. Wenn Fotos veröffentlicht werden, ohne dass es abgesprochen war, kann man das sehr wohl als eine Art Diebstahl verstehen.

ZEITmagazin: Heute besuchen etliche Touristen Māori-Attraktionen, quasi jeder ist mit einer Kamera ausgestattet. Kann eine digitale Bilderflut eine Kultur wie die der Māori beschädigen?

Toft: Das Tourismusprogramm ist ja nur ein Bruchstück ihrer Kultur. Man muss sich viel länger mit dieser Kultur auseinandersetzen, um sie zu verstehen. Das Interessante ist, dass mittlerweile viele Māori selbst sehr aktiv auf Social Media sind und Fotos sowie Videos von ihren Zeremonien posten, die früher als heilig galten.

ZEITmagazin: Welchen Einfluss hat der digitale Upload auf diese heiligen Rituale?

Toft: Die Ältesten erklärten mir, dass diese Zeremonien letztlich nichts Geheimes sind. Die Māori freuen sich sogar sehr, wenn man sich für ihre Kultur interessiert. Sobald man böse Absichten hat, merken sie das ziemlich schnell. Sie sind sehr gut darin, zu sehen, was sich nicht auf der Oberfläche abspielt. Einmal fragte ich einen Māori, ob er mich denn verstehe, wenn ich Māori mit ihm spräche. Er antwortete, dass er am meisten dem zuhöre, was ich gar nicht sage.

ZEITmagazin: Die Naturnähe der Māori ist sehr vorbildhaft in puncto Umweltschutz. Was können wir noch von ihnen lernen?

Toft: Das Zusammenleben mit der Welt, ohne sie dabei zu zerstören. Der Westen ist so vom Kapitalismus getrieben, dass alles immer sofort verwertet werden muss. Die Māori möchten die Erde genau so erhalten, wie sie ist. Nur so kann sie weiteratmen und sich erneuern. Schließlich sind wir alle ein Teil von ihr, und sie ist ein Teil von uns.

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