Miley Cyrus Über Spitznamen

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Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 3/2019

Auch in den Nachtjackenvierteln unserer Seele regen sich bisweilen abgründige Wünsche. Zum Beispiel würden wir gerne mit verschlagenen Dachsen stundenlang Karten spielen oder überraschend karierte Hosen tragen. Außerdem, und das können wir nur dieser hinfälligen Kolumne erzählen, hätten wir gerne endlich einmal einen Spitznamen.

Wir wissen jedoch, dass die Menschheit sich seit je teilt in jene, die einen Spitznamen bekommen, und solche, die niemals einen kriegen. Es gehört zu den abendländischen Übereinkünften, dass Spitznamen immer von anderen kommen müssen. Kaum etwas ist ja peinlicher, als sich selbst einen auszudenken und darauf zu bestehen, dass Freunde und Familie einen künftig bitte mit "Machete" ansprechen.

Es verblassen die Zeiten, in denen man mal jemanden kannte, den man Lumpi rief, Rubbel, Muff, Plauze, Gamasche, Perücke oder Säule, und sogar auf prominente Influencer, von denen wir täglich mehr erwarten als von uns selbst, ist heute kaum noch Verlass. Miley Cyrus nennt ihren Mann angeblich "Lebensretter". Das kann sich schnell abnutzen, sollte der bloß mal die Wärmflasche ans Bett bringen. Und aus der FDP hören wir, dass Wolfgang Kubicki seine Frau als "Weihnachtsengel" bezeichnet, was sicher gewissen saisonalen Schwankungen unterliegt.

Nicht ganz geheuer ist uns der Ewigkeitsanspruch, der manche dieser Namen erst gefährlich macht: Wenn sich Achtklässler geeinigt haben, dass der Marius aus der Siebten ab sofort Schlonz heißt, wird er vermutlich noch so heißen, wenn er Jahrzehnte später ein Kaschmirschal-Publikum am Klavichord erfreut. Und käme jemand auf die nicht unbedingt abwegige Idee, uns forthin Kolumnen-Titan zu nennen, stünde sicher bald der Titan Oliver Kahn vor unserer Tür, um uns wegen Namensklau kurz und klein zu klagen, wie er es schon bei einer Handschuhfirma namens T1tan versucht hat und danach möglicherweise bei einem Saturnmond (Titan) und einem Berg in San Marino (Titano).

Vielleicht ziehen wir uns doch lieber aufs trittsichere deutsche Querschnittsbrauchtum zurück und lassen uns von Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, Mausi taufen, dann müssen Sie sich vielleicht auch nicht umgewöhnen: "Mausi, reichst du mir mal die Seite mit Mausi?" Und wenn wir Ihre Heimeligkeit daheim verdoppeln können, fliegt bei uns eh vor Freude das Dach weg. Dafür stehen wir mit unserem Spitznamen.

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