Tatjana Patitz "Ich war an Orten, von denen andere nur träumen können"

© Lydia Gorges
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 3/2019

Von klein auf war es einer meiner größten Träume, Pferde zu haben. Als ich fünf Jahre alt war, wir lebten damals in Stuttgart, nahm mich mein Vater das erste Mal mit auf einen Reitplatz. Ich sah die Pferde und war sofort begeistert. Obwohl sie viel größer waren als ich, hatte ich keine Angst vor ihnen, nur Respekt.

Ein Jahr danach zogen wir nach Schweden. Zu Hause fühlte ich mich dort nie, ich hatte immer das Gefühl, fremd zu sein. Wir kamen aus einem anderen Land und hatten einen komischen Akzent. Meine Mitschüler zogen mich deswegen oft auf. Kinder können ja ziemlich fies sein.

Den einzigen Trost verspürte ich damals, wenn ich auf einem Pferd saß. Meine Eltern hatten mich an einer Reitschule angemeldet, dort hatte ich regelmäßig Unterricht. Mich faszinierte die Beziehung zwischen dem Reiter und dem Tier. Hinzu kam die neue Perspektive, die man auf dem Rücken eines Pferdes automatisch hat, man blickt von da oben anders auf die Welt. Und so entwickelte ich einen neuen großen Traum: Ich wollte weg aus Schweden und die Welt sehen.

Mit 17 zog ich nach Paris. Heimweh verspürte ich nicht, denn dank meiner Eltern war ich das Reisen schon gewohnt. Mein Vater war Schriftsteller und Journalist, eine Zeit lang hat er Reiseführer geschrieben und uns oft auf seine Reisen mitgenommen. Wenn wir mal längere Zeit zu Hause waren, bekam er Fernweh. Das war irgendwie ansteckend.

Als Model habe ich dann die ganze Welt bereist. Ich war an Orten, von denen andere Menschen nur träumen können. Doch ich konnte diese Reisen nicht genießen. Mir blieb fast nie Zeit, mich umzusehen. Es ging immer nur ans Set und nach dem Shooting direkt wieder ins Flugzeug.

Ich erinnere mich an ein Shooting in Kenia, ich war damals 18. Ich sollte mit Elefanten und Leoparden fotografiert werden. Zum ersten Mal in meinem Leben sah ich diese Tiere aus nächster Nähe, und dieses Erlebnis war sicher auch ein Grund dafür, dass ich mich später bei verschiedenen Organisationen gegen Wilderei und Tierhandel engagiert habe. Es war eine unvergessliche Reise, auch wenn ich damals als Teenager natürlich auch von anderen Dingen abgelenkt war. Deshalb träume ich heute davon, noch einmal nach Kenia zu reisen, um die Schönheit der Tiere und der Natur intensiv zu genießen.

Später hatte ich eine Wohnung in Los Angeles. Etwas außerhalb der Stadt gab es einen Reitplatz, den ich aufsuchte, wann immer es meine Zeit zuließ. Das Pferd, auf dem ich ritt, hieß Sunny. Irgendwann hörte ich, dass Sunnys Besitzer ihn verkaufen wollten. Für mich war das die Gelegenheit, mir endlich meinen Kindheitstraum zu erfüllen: Ich kaufte Sunny und mietete für ihn einen Stall. Mein eigenes Pferd zu haben war für mich das Größte. Auf Sunnys Rücken durch die Natur zu reiten brachte mich immer wieder zurück in die Wirklichkeit.

Sunny war später eines von fünf Pferden, die ich auf meiner Ranch in Kalifornien hielt. Dass ich mich da niedergelassen habe, hatte mit dem Meer und der Natur dort zu tun. Für mich war es der perfekte Ort, um sesshaft zu werden. Endlich fühlte ich mich zu Hause, wenn ich von meinen Jobs zurückkam. Sunny wurde 34 Jahre alt, von meinen fünf Pferden leben heute noch zwei. Jede Woche mache ich mehrere Ausritte mit ihnen.

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