© Herlinde Koelbl

Franz Müntefering "Meine Mutter hat mir immer Mut gemacht"

Franz Müntefering begleitete seine Mutter und seine Frau im Sterben. Er war froh, bei ihnen sein zu können. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 4/2019

ZEITmagazin: Herr Müntefering, Sie haben mal gesagt, dass Ihr Selbstbewusstsein immer schon da war.

Franz Müntefering: Ich schiebe es auf meine Mutter. Ich bin von 1940 bis Ende 1946 allein mit ihr groß geworden, bis mein Vater aus der Gefangenschaft zurückkam. Ich war das einzige Kind, und meine Mutter war sehr geschickt darin, mir Selbstbewusstsein zu vermitteln. Es war eine schwere Zeit, aber sie hat mir immer Mut gemacht. Wenn wir kein Brennholz hatten, mussten wir in den Wald gehen, und sie sagte: Du musst mitkommen und auch was tragen, du kannst das. Ich habe geheult, weil das Holz so schwer war – aber ich war immer dabei, und das hat mich stark gemacht. Auch beim Malen war es so: Wir hatten kein Papier, da hat sie die Stühle umgedreht, und ich durfte unten reinmalen. Es war immer gut mit ihr, und ich war überzeugt, dass mir mit ihr nichts passieren kann.

ZEITmagazin: Während Ihrer Lehre haben Sie später wie ein Wahnsinniger Bücher gelesen, um sich weiterzubilden. Warum wollten Sie mehr?

Müntefering: Das weiß ich nicht, aber als ich etwa 15 war, stieß ich auf Bücher und fing an zu lesen, ohne mich mit jemand darüber zu unterhalten. Einmal habe ich einen Radio-Essay über Dostojewski gehört, und meine Mutter hat sich das ein bisschen mit angehört. Sie war ganz entsetzt und sagte: "Wenn man zu viel weiß, gibt das auch Probleme. Ich kann dir dabei nicht mehr helfen." Die zehn Jahre zwischen 15 und 25 waren die entscheidende Weichenstellung.

ZEITmagazin: Sie waren Messdiener, Pfarrjugendführer, Jungsozialist, Panzergrenadier, Parteisoldat der SPD und später Parteivorsitzender. Woher kommt Ihr Engagement?

Müntefering: Ich habe von meiner Mutter gelernt, dass die Liebe am größten ist, und habe als Kind auch miterlebt, wie sie anderen Menschen geholfen hat. Damals waren viele unterwegs, die bei uns an die Tür klopften und um eine Schnitte Brot bettelten. Meine Mutter bat sie herein, und sie aßen in unserer kleinen Küche. Das war mir nicht so lieb, aber sie sagte etwas, das ich nie vergessen habe: Man zwingt Menschen nicht, im Stehen zu essen. In jener Zeit gab es bei uns viele aus dem Osten vertriebene Familien, und als ich 1949 das erste Mal einen Wahlprospekt der SPD sah, sagte mir mein Vater auf meine Frage hin, die Sozialdemokraten seien evangelische Flüchtlinge. Das hat mich beschäftigt, auch weil ich einige von denen schätzte. Als die SPD 1965 die Bundestagswahl verlor, war für mich klar, dass es so nicht weitergehen konnte mit denen und mir. Und so bin ich da hin. Damals war ich schon verheiratet und hatte eine Tochter. Die Verantwortung, die ich fühlte, hat den Prozess beschleunigt.

ZEITmagazin: 1985 sind Ihre Eltern beide im selben Jahr gestorben. Was hat Sie aus der Trauer gerettet?

Müntefering: Mit meiner Mutter hatte ich noch sehr intensive Monate, in denen ich mich um sie kümmern konnte. Ich war bis zu ihrem letzten Atemzug bei ihr. Sie ist sehenden Auges gegangen. Ich war sehr traurig, aber der Alltag kam wieder und die Politik, und ich hatte ja auch eine Familie. Ich war einfach froh, dass ich hatte bei ihr sein können in ihrem Sterben. Mir half das, mit der Situation klarzukommen. Ich vergesse nicht, wie unglücklich ich bei meinem Vater gewesen war. Während meines letzten Besuchs bei ihm im Krankenhaus habe ich nichts gemerkt, und ein paar Stunden danach ist er gestorben. Das war ein viel größerer Schock als bei meiner Mutter.

ZEITmagazin: 2007 traten Sie als Arbeitsminister und Vizekanzler zurück, um Ihre an Krebs erkrankte Frau Ankepetra zu pflegen. Warum fassten Sie diesen Entschluss?

Müntefering: Es war die Erinnerung an meine Mutter. Daran, dass es für beide wichtig ist, das letzte Stück möglichst miteinander zu erleben. Ich hörte als Minister auf, weil ich auf keinen Fall alles nur von ferne mitgeteilt bekommen wollte. Ankepetra und ich haben noch ein gutes Dreivierteljahr gehabt. Das Ende war noch ein Stückchen härter als bei meinen Eltern. Wenn der Mensch neben einem stirbt, trifft einen das noch massiver, wohl weil man dann sein eigenes Ende noch näher fühlt.

ZEITmagazin: Ihre jetzige Frau Michelle ist vierzig Jahre jünger als Sie und macht Karriere. Wie lebt es sich mit diesem Altersunterschied?

Müntefering: Ich bringe mein Leben ein, so wie es ist. Noch bin ich ja einigermaßen drauf. Im Urlaub auf ihrem Quad mitfahren mache ich gerne, lange Flüge nicht. Für mich ist Michelle eine große Chance, selbst mitten im Leben zu bleiben und aktiv. Und natürlich sind Politik und unsere Demokratie gemeinsame Themen. Wir reden darüber, wie es weitergeht – auch mit unserem Leben.

Das Gespräch führte Herlinde Koelbl. Sie ist Fotografin und gehört neben dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger, Anna Kemper, Ijoma Mangold, Christine Meffert und Khuê Phạm zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

Kommentare

0 Kommentare Kommentieren