Hans-Ulrich Rülke Über das Bleiben

© Sebastian Gollnow/dpa
Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 4/2019

Als die Welt erschüttert worden war durch Robert Habecks Rückzug von Twitter und Facebook und gerade noch ein wenig wackelte, aber nicht mehr so doll, fragten sich quasi alle: Wenn unsere Existenz also doch weitergeht, Robert Habeck aber weg ist aus den sozialen Medien, bleibt uns dann wenigstens noch Hans-Ulrich Rülke? Wer sonst sollte uns stützen in dieser Habeck-losen Zeit? Instagram ohne Rülke – für Teenager klingt das wie Kinderzimmer ohne WLAN oder Mathe-Test ohne Taschenrechner.

Für alle, die Rülke erst mal googeln müssen: Hans-Ulrich Rülke, 57, ist Vorsitzender der FDP-Fraktion im Stuttgarter Landtag. Kurz nach Habecks Rückzug ließ er durch Stuttgarter Zeitung und dpa verbreiten, er selbst sehe "keinen Anlass", sein "Verhalten in den sozialen Medien zu überdenken". Rülke hat mehr als 1700 Follower bei Twitter und an die 2300 Abonnenten bei Instagram. Er hat außerdem ein an George H. W. Bush erinnerndes Faible für bunte Socken und ist ansonsten ein Mann, der an einem Sonntag schon mal zwei Tüten vom Vollkornbäcker Wiskandt in Pforzheim postet ("Brötchen fürs Familienfrühstück") – und an Weihnachten sich selbst, in Ringelsocken, Buch in den Händen, neben seinem Weihnachtsbaum ("Am Heiligabend mal wieder Zeit für ein Buch"). Habeck hat sich ja nicht nur wegen des Datenklaus von Twitter verabschiedet, sondern auch, weil Twitter das Aggressive aus ihm herausgekitzelt habe. Wenn Twitter Rülke kitzelt, kommt ein Foto seiner Katze Jimmy raus.

Es waren bange Stunden zwischen Habecks Rückzug und der Kunde, dass Rülke bleiben werde. Die Deutschen konnten ihr Glück kaum fassen. Rülkes Erklärung, warum er bleibe – er ist übrigens gottlob kein Datendiebstahl-Opfer –, bekam im Freudentaumel schon niemand mehr mit, sie ging unter wie einst Hans-Dietrich Genschers Worte auf dem Botschaftsbalkon in Prag.

Wäre nach Habeck auch Rülke aus den sozialen Medien ausgestiegen, hätte dies allerfatalschte Kettenreaktionen ausgelöst. Der soziale Druck auf alle Twitterer wäre einfach nicht mehr zum Aushalten gewesen. Selbst Mark Zuckerberg hat sicher irgendwann mal rausgewollt, aber als Chef darf er das nicht. Irgendwo klar, aber auch tragisch.

Vor alldem hat Rülke die Welt bewahrt. Unfair ist nur, dass die Welt auf den Deserteur Habeck noch ein bisschen aufmerksamer blickt als auf den kleinen, leisen Sockenhelden Rülke.

Kommentare

37 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

"Ich empfehle niemanden zu wählen, der meint, über social media Sympathien gewinnen zu können."

Zum Glück folgen Ihrer Empfehlung immer mehr Menschen.

Auch unser derzeitiger Bundesaußenminister sorgt kräftig dafür mit, dass seine Partei, die SPD, für immer weniger Menschen wählbar ist (aktuelle Umfragen noch ca. 15 %).

"Beim Kurznachrichtendienst Twitter ist ein älterer Tweet des Bundesjustizministers Heiko Maas (SPD) verschwunden.
Darin hatte Maas im Jahr 2010 den wegen rechtspopulistischer Äußerungen umstrittenen SPD-Politiker und Ex-Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin als "Idiot" bezeichnet.
Warum der Tweet verschwand, ist unklar.
Twitter betonte auf Anfrage, keine Tweets auf eigene Initiative hin zu löschen."

https://www.n-tv.de/polit...