Harald Martenstein Über Meinungen und Wahrheit

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 4/2019

Vor 20 Jahren hatten fast alle Journalisten dasselbe Lieblingszitat. Es stammt von dem Moderator Hanns Joachim Friedrichs: "Ein Journalist soll sich nicht mit einer Sache gemein machen, auch nicht mit einer guten." Wenn man damals Kollegen fragte, welches die wichtigste Journalistentugend sei, antworteten fast alle: "Neugier."

Heute heißt die am häufigsten beschworene Journalistentugend "Haltung". Im journalistischen Zusammenhang steht das Wort "Haltung" für "Parteilichkeit", es befindet sich in einer bedenklichen Nähe zu dem, was Diktaturen von ihren Journalisten fordern. Man soll zum Beispiel, wie mein Kollege Stefan Niggemeier im Gespräch zu mir gesagt hat, nichts schreiben, "was eine gefährliche Wirkung hat, weil Ressentiments verbreitet werden". Da denke ich sofort an die zeitverzögerte Berichterstattung über die berüchtigte Kölner Silvesternacht. Informationen sind offenbar "gefährlich", wenn sie den Falschen nützen. Damit sind meistens die "Rechten" gemeint, zu denen man in der Regel alle zählt, die nicht jeder Dödel auf den ersten Blick als Linke erkennt.

Der Journalist mit "Haltung" ist das exakte Gegenteil von Hanns Joachim Friedrichs. "Neugier" braucht er nicht mehr, sie schadet eher. Was, wenn die Wirklichkeit mit der "Haltung" in Konflikt gerät? Wenn ein Trump-Anhänger kein Blödian ist, ein Womanizer kein Vergewaltiger oder Flüchtlinge keine Opfer sind?

Ich lese viel, aber den Namen Relotius kannte auch ich bis vor Kurzem nicht. Ich muss die Lektüre seiner Reportagen nach ein paar Zeilen beendet haben. So scheint es nicht wenigen Lesern gegangen zu sein, der Mann war nur in gewissen Jurys und in seiner Peergroup ein Star. Claas Relotius, der flächendeckend erfundene Geschichten verkauft und Preise gesammelt hat, ist für mich die perfekte Verkörperung eines neuen Journalistentypus, vor dem viele Leser flüchten. Seine Ware hieß nicht "Reportage", sondern "Haltung". Glaubt irgendwer, dass er beim Spiegel mit einer kitschigen und von Fehlern strotzenden Geschichte durchgekommen wäre, wenn er die Falschen gefeiert hätte? Auch Texte, die neben der Mehrheitsmeinung des ziemlich homogenen Journalistenmilieus liegen, sind möglich und werden gedruckt. Aber da prüft man genau. Was ja richtig ist.

Relotius war ein Opportunist. Er hat sogar ein paar Mal für konservative Blätter geschrieben. Auch da traf er die gewünschte Haltung. Für die Schweizer Weltwoche porträtierte er erfindungsreich ein Dorf in Ohio, den Frust der Arbeiterklasse beschrieb er da anders als später für den Spiegel. Aus seiner Perspektive hat er alles richtig gemacht, wenn er seine Geschichten mit viel Fantasie im Hotelzimmer schrieb. Um Haltung zu produzieren, reicht das völlig. Die Bösen und die Guten stehen eh fest. Der Rest ist Malen nach Zahlen.

Ein anderes Schlüsselwort des neuen Journalismus ist "Wahrheit". Dieses Wort ist ein Synonym für "Meinung" geworden. Das, was sie als Meinung zwischen den Ohren spazieren führen, nennen heute viele "die Wahrheit". Ob allerdings, nur als Beispiel, in der Migrationsfrage die einen oder die anderen richtigliegen, werden wir letztlich erst in ein paar Jahren wissen. Fakten sind richtig oder falsch, aber sie lassen meist verschiedene Interpretationen zu. Wer seine politische Meinung "die Wahrheit" nennt, ist meiner Meinung nach wirklich gefährlich. Widerspruch wird dann unmöglich. Es gibt nur noch zwei Seiten, uns, die Hüter der Wahrheit, und das Böse auf der Gegenseite. Lügen für die Wahrheit! Genau wie in Orwells Roman 1984.

Kommentare

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Lieben Sie Goethe, lieber Kolumnist?! Ich hoffe doch ... vor allem wegen seiner verräterischen Äußerungen in fortgeschrittenem Alter, nämlich in der Autobiographie "Dichtung und Wahrheit". "Denn wenn wir in früherer Zeit leidenschaftlich unsern eigenen Weg gehen, und, um nicht irre zu werden, die Anforderungen anderer ungeduldig ablehnen, so ist es uns in spätern Tagen höchst erwünscht, wenn irgend eine Teilnahme uns aufregen und zu einer neuen Tätigkeit liebevoll bestimmen mag". Wenn das nicht eine liebevoll sich selbst tätschelnde Definition von "Haltung" ist ... und "Neugier" kommt beim Geheimrat eher wenig vor, er war ja auch kein "Journalist", sondern Erforscher der "Farbenlehre". Die aber vertrug nach Ansicht ihres Systematikers keine "Meinung" oder gar "Widerspruch", ging es doch um "Wahrheit": "Daß ich aber in meinem Jahrhundert in der schwierigen Wissenschaft der Farbenlehre der einzige bin, der das Rechte weiß, darauf tue ich mir etwas zugute" (Eigenzitat Goethe). Könnte es sein, daß in all jenen tugendhaften Seelen Ihrer Kollegen, lieber HM, der unauslöschliche Wunsch steckt, es wahrhaft zu wissen, was sie umtreibt. Ein jeder (ohne es zu wissen) ein kleiner Goethe-Epigone ... Recenseo, ergo summus.

Kennen Sie noch aus früheren Zeiten Robert Lembkes fabelhafte Sendung "Was bin ich?", werter Mitforist?! Zu deren Beginn wurde KandidatIn mit der stereotypen Frage konfrontiert "Welches Schweinderl hätten's denn gern?" - und dann wurde ausgewählt. Niemals jedoch kam es vor, daß nur ein Tierchen auf dem Tisch stand - oder auch mehrere gleichfarbige ... Diese Parabel soll deutlich machen, daß Sie mit Ihrem gleichschaltenden "Ministerium für Neusprech" oder auch dem argen "Medienumfeld" einen fürchterlichen Tunnelblick entwickelt haben. Gehen Sie doch bitte mal in eine gut sortierte Zeitschriftenhandlung - oder schauen Sie ins Internet... was zum Kuckuck veranlaßt Sie dazu, auf dem weiten Felde zwischen "Hartlinks" und "Extremrechts" nur eine Via lata zu entdecken? Ihre Jeremiade ist schlicht und ergreifend von Fehlsichtigkeit geprägt - Sie wollen Diversität nicht sehen, weil Sie sich so schön auf einen Sündenbock linker Hand eingeschossen haben. Also wechseln Sie bitte das Visier - welches Schweinderl hätten's denn gern?

"Ausbildung einer ganzen Alterskohorte" ... werter Sequester, Sie haben einen Ton am Leibe, der mich an Turnvater Jahn und die militaristische Sprache Deutschlands im 19. und 20. Jh. erinnert. Ihnen passen diverse Richtungen nicht, die nicht die Ihren sind - das sei Ihnen belassen. Aber das Recht, den Artikelschreibern ihre "Haltung"zwecks "Besserung" durch nachfolgende Generationen auszutreiben, werde ich Ihnen nicht einräumen ... es ist doch viel mehr angebracht, die "politischen Nuancen" als existenzwürdig zu akzeptieren, und nicht so zu tun, als hätten gerade Sie die "Wahrheit" erfunden. Martenstein bitte noch einmal lesen ... und Sie merken dann hoffentlich, daß der klagende Zeigefinger des Kolumnisten auch auf Sie deutet.