Die großen Fragen der Liebe Sollen sie aus Vernunftgründen heiraten?

Eine Kolumne von
Aus der Serie: Liebeskolumne ZEITmagazin Nr. 4/2019

Die Frage: Lars und Emma sind Ende zwanzig und haben gerade ihr erstes Kind bekommen. Sie wohnen schon länger zusammen, lieben sich und fühlen sich beide gut in ihrer Beziehung. Nur heiraten wollen sie nicht: Es gebe dafür keinen rechten Grund, finden sie, schließlich sei ja das Kind eine Bindung fürs Leben. Bekannte warnen, es könne schwierig werden, falls einer von beiden krank werde oder einem von beiden etwas zustoßen sollte. Blieben sie unverheiratet, habe der andere dann keinerlei Rechte, beerbe auch nicht automatisch den Partner. Nun fragen sich Lars und Emma: Sollen sie wirklich aus so unromantischen Gründen heiraten? Muss man denn immer vom Schlimmsten ausgehen? Kann nicht alles einfach so bleiben, wie es ist?

Wolfgang Schmidbauer: Lars und Emmas Widerwille gegen die Ehe wurzelt in einer kritischen Distanz zu Beziehungen, die nicht durch persönliche Gefühle, sondern durch Recht und Gesetz zusammengehalten werden. Ihre Überzeugung hängt mit dem Protest der jüngeren Generation gegen die Normen der Eltern zusammen. Realistisch gesehen, ist die Ehe keine romantische Veranstaltung, sondern ein Vertrag, der von der Hochzeitsindustrie aufwendig romantisiert wird. Wer die gleichen Sicherheiten im Hinblick auf Erbe und Vollmachten ohne Konvention und sentimentales Ritual haben möchte, kann zum Notar gehen und sie ganz persönlich aushandeln. Freilich sind dort die Gebühren höher als im Standesamt, aber es bleibt der romantische Kontrast erhalten, unter vielen zahmen Paaren eine (halb)wilde Ehe zu führen.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Zuletzt erschien sein Buch "Raubbau an der Seele. Psychogramm einer überforderten Gesellschaft" (oekom verlag).

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