Jagdkleidung Waidfrauenheil

© Peter Langer
Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 4/2019

Der Jäger hat es heutzutage nicht leicht. Einst galt er als Hüter des natürlichen Gleichgewichtes von Wald und Flur. Geschätzt als der, der die Rehe im Blick hat und dafür sorgt, dass sie im Winter nicht die Rinde junger Bäume abnagen. Der kranke und lahme Tiere von ihren Qualen erlöst. Dessen Gewehrlauf eine Art Richterstab ist, mit dessen Hilfe jene Geschöpfe aussortiert werden, die dem Biotop Wald schaden. Aus purer Notwendigkeit schießt der Jäger, so denkt er jedenfalls über sich selbst – und nicht etwa, weil ihm das Töten Genugtuung bereitete. Denn der Jäger liebt Tiere, und von den verweichlichten Städtern unterscheidet ihn, dass er schon in der Dämmerung im Unterholz auf der Pirsch liegt, während der Stadtbewohner noch nicht mal aus dem Bett gekrochen ist. Die Figur des Jägers vereint Attribute, die einmal als sehr männlich galten. Doch sein gesellschaftliches Ansehen hat stark gelitten.

Mittlerweile wird der Jäger häufig als konservativer Ballermann wahrgenommen, der sich gerne in grünen Loden kleidet und als reines Freizeitvergnügen Tiere erlegt. Zuletzt musste FDP-Chef Christian Lindner einigen Spott ertragen, als bekannt wurde, dass er die Jagdprüfung bestanden hatte ("Schießstand statt Jamaika"). Wenn man sich gar bei der Großwildjagd im südlichen Afrika erwischen lässt, kann das die Karriere kosten.

Doch während sich die Männer in ihrer einstigen Domäne immer schwerer tun, wird die Jagd für Frauen attraktiver. Nach Auskunft des Jagdverbandes sind mittlerweile fast ein Viertel der Absolventen von Jagdkursen weiblich. Während im jagenden Mann jemand gesehen wird, der gerne hätte, dass die Dinge bleiben, wie sie sind, gilt die jagende Frau als Erobererin, die in das Revier der Männer eindringt und alte Rollenvorstellungen über den Haufen wirft.

Das lässt sich auch an der Mode ablesen. Einige Kollektionen, die für den kommenden Frühling vorgestellt wurden, wirken so, als seien sie direkt für den Wald geschaffen. Bei Louis Vuitton sind lange Lederwesten über dickem Strick zu sehen, bei Dries Van Noten moosgrüne Capes. Christian Dior hat schlammgrüne Hosenanzüge in der Kollektion, und Woolrich bietet von Jagdkleidung inspirierte Parkas an. All dies sind aber nur symbolische Anleihen – keines der Kleidungsstücke eignet sich tatsächlich, um darin auf die Jagd zu gehen. Im schlammgrünen Hosenanzug einen Morgen im Hochstand zu verbringen wäre kein Vergnügen, man müsste das Unternehmen wohl bald abbrechen. Die Tiere des Waldes würde das unbeeindruckt lassen. Aus deren Sicht ist es egal, ob Frau oder Mann am Abzug ist.

Foto: Peter Langer / Sieht auch im Grünen gut aus: Waldkompatibler Parka von Woolrich

Kommentare

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... die jagende Frau als Eroberin ... Einige Kollektionen, die für den kommenden Frühling vorgestellt wurden, wirken so, als seien sie direkt für den Wald geschaffen.

Eine Erkenntnis die beim Sportbekleidungs-Discounter Decathlon noch nicht angekommen ist. Dort gibt es bei uns ebenfalls Jagdbekleidung - hm, unter Umständen oute ich mich gerade, wie tief ich in der Provinz wohne, egal - aber eben nicht für Frauen. Alles ist ausnahmslos in Männergrößen und -formen. Und nein, reinwachsen ist keine Option.