Möbeldesign Meisterinnen der Farbe

Die Design-Branche war jahrzehntelang von Männern dominiert. Doch das ändert sich gerade. In London, Paris, Amsterdam, Trient und Mailand haben wir Möbeldesignerinnen in ihren Ateliers besucht. Viele lassen sich von der Mode inspirieren, wir haben sie in aktuellen Kollektionen fotografiert. Und sie gefragt: Gibt es weibliches Design überhaupt? Woher beziehen sie ihre Ideen? Und wie werden wir in Zukunft wohnen?
ZEITmagazin Nr. 4/2019
Nipa Doshi in ihrem Londoner Atelier zwischen Design-Prototypen. Auf dem Sideboard sind Studien zu einem Armlehnstuhl und zu einer von Le Corbusier inspirierten Leuchte zu sehen. Doshi trägt einen Mantel von Blazé Milano, ein Kleid von Bungalow Eight und Schmuck von Alice Cicolini. © Robbie Lawrence

"Ich habe eine pluralistische Idee von Design"

Nipa Doshi verbindet weltliche Gestaltung mit den traditionellen Formen ihrer indischen Heimat

Warum ist die Design-Branche noch immer männlich dominiert? Ich glaube, dass Deutschland daran nicht ganz unschuldig ist. In der Bauhaus-Tradition wurde Design auf das Elementare reduziert und sehr technologisch verstanden. Und Frauen wurden als zu wenig technisch begabt angesehen. Noch heute stellen viele Design-Firmen lieber Männer ein, weil man dort glaubt, Frauen könnten nicht wirklich produzieren. Als ich gleichzeitig mit meinem heutigen Partner Jonathan mit dem Studium in London fertig war, bekam er sofort Jobangebote. Ich nicht. Ich musste mich mit technischen Zeichnungen durchschlagen.

Ich glaube, diese unterschiedliche Einschätzung von Frauen und Männern wirkt bis heute. Ich habe neulich den Film Rams über den berühmten Designer Dieter Rams gesehen. Im Publikum saßen fast nur Männer. Für mich stehen sie für eine alte, verengte Auffassung von Design.

Ein Schränkchen mit vom Studio Doshi Levien entworfenen Gläsern © Robbie Lawrence

Ich bin damals zurück nach Indien gegangen. Dort wurde ich sofort eingestellt. So viel zum Vorurteil, der Westen sei viel offener als die indische Gesellschaft. An Indien mag ich die Kultur der Nachhaltigkeit und des Respekts. Ich kenne niemanden dort, der Schuhe oder einen Toaster wegwirft, weil sie kaputt sind. Stattdessen werden die Dinge repariert. Es gibt dort viele kleine Werkstätten, reparieren ist viel günstiger, als neu zu kaufen. Ich frage mich, warum wir im Westen dagegen allem huldigen, was neu ist. Warum brauchen wir ein neues Smartphone – nur weil es neu ist? Warum müssen wir eine perfekte Haut haben? Warum hassen wir das Alter? Das sind für mich Dinge, die man von Indien lernen kann.

In Indien wächst man mit vielen Farben auf, mit allerlei Handwerkskünsten und vielen Göttern. Es ist eine sehr pluralistische Gesellschaft. Vielleicht habe ich deshalb eine pluralistische Idee von Design. Auch Stoffe sind für mich wichtig, meine Mutter hatte mehr als hundert Saris, in vielen Farben und Materialien und in verschiedensten Techniken gewoben. Ich wollte erst nicht dem Klischee entsprechen, dass Frauen vor allem gut mit Stoffen und Farben umgehen können, dagegen habe ich mich lange gewehrt. Ich wollte eine "echte" Industriedesignerin sein. Aber ich merkte, dass ich einfach ein Talent für Stoffe und Farben habe. Stoffe sind unberechenbar. Man kann sie nicht digital simulieren, man muss sie selbst herstellen und mit ihnen experimentieren. Dass es deswegen schon "weibliches" Design ist, glaube ich nicht.

Für mich gibt es kein gutes oder schlechtes Design. Es heißt, Design müsse funktionieren, oder: Weniger ist mehr. Aber Design muss nicht funktionieren. Und für mich ist oft mehr einfach mehr.
(Tillmann Prüfer)

Kommentare

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Als Architekt mit eigenem Büro, derzeit 11 Mitarbeitern und 30 Jahren Berufserfahrung lehne ich mich jetzt extrem weit aus dem Fenster:

In meiner Arbeitswelt gibt es einen ( nur einen! ) signifikanten Unterschied zwischen Mann und Frau:
Frauen sind ungeduldiger, fordern früher Ergebnisse ein, oder Ziele, sofern diese noch nicht ausreichend exakt definiert sind.
Sie stellen früher als Männer systemrelevante Fragen und geben hierauf auch früher Antworten als die Männer. ( was ihnen manchmal zum Nachteil gereicht - verflixte Ungeduld ).

Männer sind geduldsamer, stellen weniger Fragen, Systemrelevanz - insbesondere, wenn es geschäftsschädigend wird, hier sind Männer zurückhaltender als Frauen.
Führt schlussendlich zu:

Wenn ich wissen will, was in meinem Büro los ist, frage ich meine Frauen.
tendenziell....
Wesentlich ist hierbei:

Ich habe sowohl das "Chef-sein" als auch das "Mann- sein" seit vielen Jahren bewusst zurück gestellt.
In meinem Büro gibt es weder einen Chef ( in dem Sinne, dass ich als Chef auftrete, ich vermeide das ), noch spielt das Geschlecht eine Rolle.
Das geht soweit, dass wir damit jeden Tag koketieren, wer welche Rolle hat....Chef, Frau, Mann....

Warum ich das für mich und für mein Büro so gewählt habe?
Aus dem Bauch heraus.
Das System ist aber auch extrem erfolgreich, so nebenbei...........