Möbeldesign: Meisterinnen der Farbe

Die Design-Branche war jahrzehntelang von Männern dominiert. Doch das ändert sich gerade. In London, Paris, Amsterdam, Trient und Mailand haben wir Möbeldesignerinnen in ihren Ateliers besucht. Viele lassen sich von der Mode inspirieren, wir haben sie in aktuellen Kollektionen fotografiert. Und sie gefragt: Gibt es weibliches Design überhaupt? Woher beziehen sie ihre Ideen? Und wie werden wir in Zukunft wohnen?
ZEITmagazin Nr. 4/2019

"Ich habe eine pluralistische Idee von Design"

Nipa Doshi verbindet weltliche Gestaltung mit den traditionellen Formen ihrer indischen Heimat

Warum ist die Design-Branche noch immer männlich dominiert? Ich glaube, dass Deutschland daran nicht ganz unschuldig ist. In der Bauhaus-Tradition wurde Design auf das Elementare reduziert und sehr technologisch verstanden. Und Frauen wurden als zu wenig technisch begabt angesehen. Noch heute stellen viele Design-Firmen lieber Männer ein, weil man dort glaubt, Frauen könnten nicht wirklich produzieren. Als ich gleichzeitig mit meinem heutigen Partner Jonathan mit dem Studium in London fertig war, bekam er sofort Jobangebote. Ich nicht. Ich musste mich mit technischen Zeichnungen durchschlagen.

Ich glaube, diese unterschiedliche Einschätzung von Frauen und Männern wirkt bis heute. Ich habe neulich den Film Rams über den berühmten Designer Dieter Rams gesehen. Im Publikum saßen fast nur Männer. Für mich stehen sie für eine alte, verengte Auffassung von Design.

Ich bin damals zurück nach Indien gegangen. Dort wurde ich sofort eingestellt. So viel zum Vorurteil, der Westen sei viel offener als die indische Gesellschaft. An Indien mag ich die Kultur der Nachhaltigkeit und des Respekts. Ich kenne niemanden dort, der Schuhe oder einen Toaster wegwirft, weil sie kaputt sind. Stattdessen werden die Dinge repariert. Es gibt dort viele kleine Werkstätten, reparieren ist viel günstiger, als neu zu kaufen. Ich frage mich, warum wir im Westen dagegen allem huldigen, was neu ist. Warum brauchen wir ein neues Smartphone – nur weil es neu ist? Warum müssen wir eine perfekte Haut haben? Warum hassen wir das Alter? Das sind für mich Dinge, die man von Indien lernen kann.

In Indien wächst man mit vielen Farben auf, mit allerlei Handwerkskünsten und vielen Göttern. Es ist eine sehr pluralistische Gesellschaft. Vielleicht habe ich deshalb eine pluralistische Idee von Design. Auch Stoffe sind für mich wichtig, meine Mutter hatte mehr als hundert Saris, in vielen Farben und Materialien und in verschiedensten Techniken gewoben. Ich wollte erst nicht dem Klischee entsprechen, dass Frauen vor allem gut mit Stoffen und Farben umgehen können, dagegen habe ich mich lange gewehrt. Ich wollte eine "echte" Industriedesignerin sein. Aber ich merkte, dass ich einfach ein Talent für Stoffe und Farben habe. Stoffe sind unberechenbar. Man kann sie nicht digital simulieren, man muss sie selbst herstellen und mit ihnen experimentieren. Dass es deswegen schon "weibliches" Design ist, glaube ich nicht.

Für mich gibt es kein gutes oder schlechtes Design. Es heißt, Design müsse funktionieren, oder: Weniger ist mehr. Aber Design muss nicht funktionieren. Und für mich ist oft mehr einfach mehr.
(Tillmann Prüfer)

"Wir werden Wasser wie Gold behandeln"

Als derzeit wohl erfolgreichste Möbeldesignerin beschäftigt sich Patricia Urquiola mit den Trends, die die Branche in Zukunft bestimmen werden

Patricia Urquiola ist ständig in Bewegung. Sie ist sogar in Bewegung, wenn sie sitzt. An ihrem Schreibtisch hat sie statt eines Bürostuhls einen Gymnastikball platziert. Und wenn sie auf dem sitzt, hüpft sie auf und ab wie ein Flummi, vermutlich unbewusst. Sie kann sich irgendwie nicht stoppen.

Wir treffen uns in ihrem Atelier in Mailand. Es soll in dem Interview um die Rolle der Frauen in der Design-Branche gehen. Schließlich ist Patricia Urquiola die erfolgreichste Möbeldesignerin der Welt.

Ich frage sie: Gibt es eine weibliche Art zu entwerfen? Sie hält kurz inne. "Man sagt, das männliche Prinzip sei rational und das weibliche emotional. Mein Vater war immer für eine Überraschung gut, meine Mutter war stets der logische Mensch, ich habe keine Ahnung, warum das Logische männlich und das Weibliche emotional sein soll. Wir müssen jeden Tag daran arbeiten, unsere Vorurteile zu überwinden, oder?"

Urquiolas Blick schweift ab und fällt auf ein Buch auf ihrem Schreibtisch. Sie hat vor dem Interview gerade einen Kunstband über das Thema Netzwerke angesehen. Und keine Frage kann jetzt für sie wichtiger sein als das Thema Netzwerke. Wenn sie spricht, hat es eigentlich nicht viel Sinn, Zwischenfragen zu stellen oder gar Fragen einzuwerfen, die nichts mit dem zu tun haben, worüber sie jetzt gerade reden möchte. Dabei ist es nicht so, dass sie sich weigern würde, solche Fragen zu beantworten. Sie nimmt sie einfach nicht wahr.

Sie hält den Bildband in der Hand und blättert darin. "Das Leben ist komplexer geworden, man muss seinen eigenen Weg finden. Man muss sein eigenes Multitasking konstruieren. Die Gesellschaft verändert sich – weg vom Besitzen und Kaufen, hin zum Teilen", sagt sie. "Die Beziehungen zwischen den Menschen verändern sich. Wir müssen mit der Komplexität zurechtkommen. Wir müssen den eigenen Weg durch das Netzwerk finden. Wir müssen ständig wachsen, aber es gibt heute viele Möglichkeiten zu wachsen. Die Welt ist nicht mehr fixiert." Netzwerke sind eines ihrer wichtigsten Themen. Sie deutet auf eine alte Seekarte, die in dem Buch abgebildet ist: "Im Netzwerk sind die Verbindungen wichtig. Auf den frühen Landkarten achtete man vor allem darauf, die Küsten detailliert zu zeichnen, denn man segelte an den Küsten entlang, um von A nach B zu kommen. Heute gibt es nicht mehr den einen Weg. Heute muss man mehrere Dinge gleichzeitig machen."

Und Patricia Urquiola macht immer einige Dinge gleichzeitig. Neben ihrem Hauptberuf als Artdirektorin der italienischen Möbelmarke Cassina hat sie vergangenes Jahr für die Mailänder Triennale eine große Ausstellung über den Ausnahme-Designer Achille Castiglioni kuratiert, ihren wichtigsten Lehrer. Sie ist Mutter zweier Töchter und die Chefin ihres eigenen Studios. Sie entwirft die Zukunft.

Zum Beispiel interessiert sie die Frage, was Komfort heute bedeutet. "Der mentale Komfort ist wichtiger als der physische", sagt sie – und springt im Kopf schon zum nächsten Thema: "Jeder Kreative muss heute die eigene Komfortzone verlassen, wir Designer müssen weiter denken. Wir müssen umfassendere Designer werden, die sich nicht nur um wirtschaftliche Werte kümmern. Die neuen Designs werden sich auf unser Verhältnis zum Wasser konzentrieren, auf unser Verhältnis zu den Werkzeugen des Lebens. Eines Tages werden wir Wasser wie Gold behandeln."

Bis es so weit ist, bleibt Patricia Urquiola eine wirtschaftlich sehr erfolgreiche Designerin. Einige ihrer Entwürfe sind bereits Klassiker. Im Regal hinter ihrem Schreibtisch stehen zwischen den Büchern einige Modelle berühmter Entwürfe: die Leuchte "Candi" etwa ("Der Hersteller wollten sie aus Kristallglas machen, aber ich sagte, wir machen sie aus einem Kunststoff, der aussieht wie Kristall"); ein Modell ihres Sessels "Clip" ("Das war der erste Entwurf, der mir gefallen hat"). Und ein mit Nadeln gespickter Styropor-Totenkopf ("Das ist ein Modell für eine Theaterkulisse"). Daneben steht ein mit Muscheln verziertes Kistchen ("Das hat meine Tochter gemacht").

Auf die Frage, wie sie ihr Zuhause eingerichtet hat, antwortet sie, dass sie eine eigene Vorstellung von Gemütlichkeit habe. Ihre Wohnung sei eng verbunden mit ihrem Studio. Ständig bringe sie Sachen von dem einen Ort zum anderen: "Für mich ist ein guter Platz einer, der sich ständig verändert. Wie wir Menschen."

Sie wolle ja auch die Welt verändern, sagt sie, unter anderem mit ihren Möbeln. Ein Sofa sei mit vielen Dingen verbunden, und wie man ein Sofa herstelle, habe Einfluss auf die Verwendung von Rohstoffen, auf Arbeitsbedingungen, auf Konsumgewohnheiten. Sie erzählt: "Ich hatte einen Lehrer, Tomás Maldonado, der uns schon in den Achtzigerjahren Nachhaltigkeit beibrachte. Er sagte: Alles, was du tust, ist mit anderen Dingen verknüpft. Mein Weg ist also verbunden mit einem System."

Vor einigen Jahren hat sie für Restaurants in Bilbao einen Krug entworfen, mit dem sie dort seither Trinkwasser aus dem lokalen Aquädukt servieren. Mit den Einnahmen aus dem Verkauf der Krüge wird der Bau von Brunnen in Äthiopien unterstützt. "Es ist kein Design-Projekt, sondern ein soziales", sagt Patricia Urquiola. "Es geht nie nur um ein Produkt, es geht um den Weg." Daher würde sie gern auch ihre Berufsbezeichnung neu erfinden: "Meinen Job nennt man Art-Director. Director, das ist so ein altes Wort. Ich würde es lieber Interactor nennen." Zum Schluss erinnert sie sich auf einmal an die erste Frage: "Vielleicht habe ich wirklich eine weibliche Art, die Dinge zu verändern. Aber man muss nicht stark sein, um die Regeln zu brechen." 
(Tillmann Prüfer)

"Es war lange komplizierter für Frauen"

Federica Capitani schätzt Chefinnen, die Designerinnen fördern, und findet, dass Produktdesigner von der Mode viel lernen können

Modedesign fasziniert mich. Man beginnt mit einem flachen Material, dem Stoff – und allein durch die Art, wie er geschnitten, genäht und drapiert wird, entstehen neue Formen. Ich habe nie ein Kleid entworfen, aber ich finde es unglaublich, was Modedesigner wie zum Beispiel Alexander McQueen zustande gebracht haben. Von der Mode können wir Produktdesigner viel lernen, zum Beispiel die Liebe zum Detail: Im Modedesign wird auch bei großen Projekten nie vergessen, wie die Feinheiten aussehen müssen.

Ich finde, dass sich gerade in den vergangenen Jahren Mode und Design stark aufeinander zubewegt haben. Bei der Mailänder Designwoche etwa gibt es mittlerweile viele gemeinsame Projekte von Mode- und Designmarken. Ich habe selbst schon Möbel in einer Boutique zwischen den Kleidern von Vivienne Westwood ausgestellt. Man muss nur die richtigen Gelegenheiten finden, damit beide Seiten ausdrücken können, was ihnen wichtig ist.

Ich werde häufig gefragt, ob mein Design weiblich ist. Ich glaube aber, dass es höchstens männliche und weibliche Stereotype im Design gibt. Männer sollen angeblich die klaren Strukturen pflegen, Frauen dagegen das Ornamentale bevorzugen. Ich selbst entspreche diesem Klischee nicht – ich mag eher einfache, monolithische Formen. Und ich bin dagegen, zu viel zu designen. Man kann immer mehr und mehr machen, ich finde es aber interessanter, weniger zu gestalten. Ich gehe immer vom Material und den technischen Möglichkeiten aus. Das ist mein Startpunkt – und das Entscheidende ist, zu erkennen, wann man genug hinzugefügt hat.

In unserer Branche haben immer noch viel mehr Männer als Frauen die führenden Positionen inne. Ich denke, das hat mit der Geschichte des Designs zu tun. Es war einfach lange viel komplizierter für Frauen als für Männer, sich in der Branche durchzusetzen. Es ist zwar schon besser geworden als früher, aber es gibt noch viel zu tun – die gleichen Chancen haben Frauen und Männer immer noch nicht. Das hat auch viel mit langjährigen persönlichen Verbindungen zu tun. Gerade in Italien ist es üblich, dass Unternehmen lange und intensive Beziehungen zu ihren Designern pflegen. Deswegen sind gerade für Frauen Netzwerke wichtig. Ich selbst arbeite zum Beispiel viel mit den Marken Moroso und Zanotta zusammen. Patrizia Moroso, die Chefin von Moroso, hat viele Designerinnen gefördert. Bei Zanotta entscheiden die Schwestern Eleonora und Francesca Zanotta über die Designprojekte. Ich glaube, Frauen verstehen sich untereinander einfach besser. Man spricht dieselbe Sprache. 
(Tillmann Prüfer)

"Ich wollte auch Architektin werden"

Mit ihrem Vater bewunderte Monica Armani in den USA Wolkenkratzer. Statt ihm nachzueifern, wurde sie dann doch Designerin

Das Schönste, was ich je gesehen habe, war die Wüste. Ich liebe das Puristische, verbunden mit einigen wenigen Details – nicht mit verschiedenen Elementen, die zusammengeworfen werden, ohne wirklich zusammenzupassen. Möbel sind wie Menschen. Eine Person kann elegant wirken, bis der Blick auf ihre Schuhe fällt, die überhaupt nicht zum Rest passen. Eleganz braucht Stimmigkeit. Egal, welchen Stil oder Geschmack man hat: Darauf läuft es immer wieder hinaus, und das gilt für die Einrichtung wie für die Kleidung. Ich habe noch nie ein Kleidungsstück entworfen, lasse mich aber gerne von der Mode inspirieren. Am meisten interessiert mich, wie Handtaschen gemacht sind. Ich liebe zum Beispiel die Taschen, die Phoebe Philo für Celine entworfen hat.

Wahrscheinlich habe ich meine Design-Philosophie meiner Herkunft zu verdanken. Ich bin in einem wunderschönen Haus im norditalienischen Trient aufgewachsen, sehr modern, mit viel Glas. Mein Vater war ein einflussreicher Architekt des Rationalismus, ein Stil, der aus den Zwanziger- und Dreißigerjahren in Italien stammt. Für mich war immer klar, dass auch ich Architektin werden würde. Seit ich klein war, atmete ich das. Ich habe zehn Jahre lang mit meinem Vater zusammengearbeitet. In vielen Bereichen des Lebens stimme ich nicht mit ihm überein, aber in unserer Arbeit waren wir uns immer einig. Als ich klein war, ging ich oft in sein Atelier, zeichnete und half ihm bei kleineren Tätigkeiten. Nach der Schule studierte ich zwei Jahre lang Architektur in Venedig und wechselte dann an das Polytechnikum Mailand. Aber dass ich jetzt bin, wo ich bin, habe ich meinem Vater zu verdanken. Die Ausbildung an der Uni war konzeptionell orientiert, nicht so sehr praktisch. Als ich meinen Abschluss gemacht hatte, konnte ich eigentlich nichts.

Mein Vater hat mir beigebracht, niemals zufrieden zu sein: Wenn etwas nicht perfekt ist, fang noch mal von vorne an. Als ich klein war, reiste er mit mir, um große Architektur zu sehen: nach Deutschland, England, in die USA. Als ich die Wolkenkratzer in Amerika sah, war ich zum ersten Mal wirklich beeindruckt von Architektur. Ich liebe das Seagram Building, das Mies van der Rohe in New York gebaut hat. Nachdem mein Vater aufgehört hatte zu arbeiten, gründeten mein Mann und ich unser eigenes Unternehmen unter meinem Namen. Anders als die meisten Designer machen wir alles selbst, vom Entwurf über Preislisten und Kataloge bis zur Beauftragung der Produktion. Mein Mann gründete mit 20 seine eigene Baufirma. In seiner Garage hat er mehr Werkzeug als ein Handwerker. Ich glaube, dass Männer technischer veranlagt sind als Frauen. Deshalb ergänzen wir uns gut. In diesem Beruf muss man auf viele verschiedene Dinge spezialisiert sein, deshalb kann man ihn nur im Team ausüben. 
(Claire Beermann)

"Ich denke in Farben"

Dass Sofas heute knallrosa sein dürfen, ist auch India Mahdavi zu verdanken. Beeinflusst hat sie ein Besuch in Mannheim

ZEITmagazin: Frau Mahdavi, warum sind Sie immer dunkel gekleidet, während Ihre Entwürfe doch so bunt sind?

India Mahdavi: Mein Atelier hier in Paris ist voller Farben, den ganzen Tag wähle ich welche aus, da möchte ich keine Farben an mir selbst haben, die mich beeinflussen könnten. Ich trage am liebsten Dunkelblau – die weichere Version von Schwarz.

ZEITmagazin: Sie richten Hotels und Boutiquen ein, gestalten Kaffeekapseln für Nespresso und Teesalons für die französische Konditorkette Ladurée. Vielen Design-Fans sind Sie vor allem durch das Restaurant Sketch in London bekannt, das Sie 2014 ganz in Rosa eingerichtet haben.

Mahdavi: Das Sketch ist wahrscheinlich das Radikalste, was ich je entworfen habe. Diese Radikalität hat aber auch ihre weiche Seite: Rosa ist eine zarte Farbe, und alle Sitzmöbel im Restaurant sind mit Samt bezogen. In meiner Arbeit geht es immer wieder um Komfort. Damit meine ich etwas, das nicht übertrieben radikal ist.

ZEITmagazin: Kann es zu viel Farbe geben?

Mahdavi: Für mich nicht. Je mehr Farben man zusammenbringt, desto freundlicher werden sie. Wenn man nur eine Farbe im Zimmer hat, muss man diese Farbe anstarren, und sie starrt zurück. Aber wenn man mehrere kombiniert, fangen sie an, ein Gespräch zu führen, wie ich es immer nenne.

ZEITmagazin: Als Sie vor 15 Jahren Ihren eigenen Showroom eröffneten, waren kräftige Farben im Wohnbereich nicht beliebt.

Mahdavi: Lange Zeit ging es in der Innenarchitektur um den Look des großen französischen Architekten Christian Liaigre: dunkles Holz, Beige, Weiß. Das war eine einfache Kombination, die die Leute als beruhigend empfanden. Zwei und zwei ergibt vier. Mit Farben wird die Gleichung viel komplizierter. Es ist ja auch einfacher, ein schwarzes Kleid zu tragen als ein buntes. Bei einem bunten Kleid muss man darauf achten, dass der Schnitt gelungen ist, das Material gut fällt, es ist alles komplizierter. Ich habe auch mal für Christian Liaigre gearbeitet. Jedes Mal, wenn es etwas mit Farben zu tun gab, ließ er mich das erledigen. So habe ich gemerkt, dass mir der Umgang damit sehr leichtfällt. Ich denke in Farben.

ZEITmagazin: War das schon immer so?

Mahdavi: Als Kind war mir meine starke Reaktion auf Farben nicht so bewusst. Das begriff ich erst später, als ich mit meiner Familie nach Europa zog. Davor, in den Sechzigerjahren, lebten wir in den USA. Dort lief immer irgendwo ein Farbfernseher, die Autos waren bunt, die Brotdose, mit der ich in den Kindergarten ging, war bunt, das Essen, die Milchshakes. Amerika erlebte seine fröhliche Phase. Dann zogen wir nach Europa, und für mich färbte sich die Welt schwarz-weiß.

ZEITmagazin: Sie landeten schließlich in Heidelberg. War dort tatsächlich alles schwarz und weiß?

Mahdavi: Für mich schon. Es gab dort kein Farbfernsehen, keine farbigen Autos. Eigentlich hatten wir ja nach Frankreich gewollt. Aber als wir am Pariser Flughafen ankamen, sagte man uns, dass wir nicht in die Stadt fahren könnten, weil dort Unruhen tobten – es war der Mai 1968. Meine Eltern hatten in den USA alles aufgegeben. Sie lebten ein Nomadenleben. Also gingen wir nach Deutschland. Allerdings blieben wir nur ein Jahr dort. Dann zogen wir in den Süden Frankreichs und später nach Paris.

ZEITmagazin: Ist Ihnen auch etwas Schönes von Deutschland in Erinnerung geblieben?

Mahdavi: Kurz bevor wir nach Frankreich gingen, fuhren mein Vater und ich nach Mannheim, weil er dort einen Mercedes kaufen wollte. Unterwegs gingen wir auch in ein Schuhgeschäft, und dort entdeckte ich ein Paar orangefarbener, glänzender Schuhe. Die musste ich unbedingt haben. All die Farben meiner fröhlichen Kindheit schienen in diesen Schuhen zu stecken. Sie sind das einzig Farbige, was ich von Deutschland in Erinnerung behalten habe. Sogar der Mercedes war dunkelgrau.

ZEITmagazin: Wie haben Sie eigentlich Ihr künstlerisches Talent entdeckt?

Mahdavi: In Südfrankreich schickten mich meine Eltern auf eine besondere Grundschule, die École Freinet, die auf sehr kreatives und freigeistiges Lernen ausgerichtet ist. Die Zeit dort hat mein Denken und Sehen geprägt. Es gab weder Zensuren noch Anwesenheitspflicht. Morgens ging man individuellen Aktivitäten nach: Man konnte naturwissenschaftliche Forschung betreiben oder im Wald Gedichte schreiben. Jedes Semester veranstalteten wir eine Werkschau mit unseren besten Zeichnungen, Gedichten und einer Theateraufführung für die Eltern. Es ging gleichzeitig um Gemeinschaft und Individualität. Man musste selbst entscheiden, was man machen wollte und welche Ziele man hatte.

ZEITmagazin: Wie kamen Sie schließlich zum Design?

Mahdavi: Nachdem ich in Paris meinen Schulabschluss gemacht hatte, wollte ich unbedingt zum Film. Ich war besessen von Filmen – sie boten mir die Möglichkeit, dem Alltag zu entfliehen. Nach dem Vorbild von Fritz Lang beschloss ich, Architektur zu studieren, um im Anschluss Regisseurin zu werden, blieb dann aber bei der Architektur. Die vielen Filme, die ich damals sah, haben mein Auge geschärft. Ich lernte, was fotogen ist. Bis heute mache ich ein Foto von etwas, wenn ich sehen möchte, wie es aussieht, sogar von einer Zeichnung. Das schafft eine Distanz, die einem anzeigt, wo etwas falsch ist. Es ist ein bisschen so, wie wenn man in einen Spiegel schaut. 
(Claire Beermann)

"Meine Lieblingsblume ist die Gloriosa"

Carole Baijings findet Inspiration im Garten. Das sieht man ihren Entwürfen an

Designen Frauen anders? Ich glaube schon. Es gibt eine weibliche und eine männliche Seite im Design. Weiches zu gestalten ist für mich eine weibliche Stärke. Deswegen empfinde ich es als Vorteil, mit meinem Mann Stefan Scholten zusammenzuarbeiten, so werden unsere Produkte nicht zu feminin. Wir gleichen uns aus.

Ich liebe Stoffe, und ich liebe Mode, ich finde es zum Beispiel faszinierend, wie Menschen sich in verschiedenen Städten unterschiedlich kleiden – und dass man sich selbst daran anpasst, wenn man in diesen Städten lebt. Vielleicht kommt das noch aus meiner Kindheit. Mein Großvater handelte mit persischen Teppichen, sein ganzes Haus war voller Textilien.

Meine andere Leidenschaft sind Farben. Stefan und ich mischen alle Farben selbst und arbeiten auch gerne mit sehr auffälligen Tönen. Alles begann, als wir Stoffproben vorgelegt bekamen, die uns von der Farbigkeit her nicht gefielen. Die Stoffbahnen lagen bei uns herum, wir waren etwas frustriert. Als wir eine Party vorbereiteten, hatte ich eine Idee. Damals lebten wir noch in einem kleinen Appartement. Ich beschloss, alle Stoffe auf unser Bett zu legen, um eine zusätzliche Sitzgelegenheit zu gewinnen. Was dann passierte, veränderte meine Karriere: Viele Gäste waren begeistert von den Farben und wollten sofort so eine Decke von uns haben. Ich lernte, dass etwas, das in der einen Hinsicht eine Enttäuschung ist, aus einer anderen Perspektive ein Erfolg sein kann. Die Decke ist noch heute einer unserer Bestseller. Viele Farben finde ich in unserem Garten. Blüten beinhalten oft alle möglichen Töne, doch sie wirken immer ausbalanciert. Meine Lieblingsblume ist die Gloriosa. Die Blüte hat ein kräftiges Rot, aber auch zarte Farben, und die feinen Blütenblätter stehen sehr luftig zueinander. Sie ist wie unser Design.

Mein Zugang zum Design war schon immer ungewöhnlich. Bevor ich Designerin wurde, produzierte ich Werbefilme für eine Agentur. Ich hatte dort schon viel mit der Ästhetik von Objekten zu tun, mit Dingen, die am Set zusammenpassen mussten. Es war für mich also kein besonders großer Schritt zum Design, obwohl ich das Fach nie studiert habe. Stefan und ich begannen einfach zusammenzuarbeiten. In manchen Momenten war es für mich sogar ein Vorteil, keine akademische Ausbildung zu haben: Es fehlte mir das Bewusstsein dafür, wie kompliziert es sein kann, Ideen umzusetzen. Ich denke immer an Ziele und Möglichkeiten, nicht in Begrenzungen. So arbeiten wir heute noch. Bei neuen Projekten fangen wir immer mit allem gleichzeitig an, den Skizzen, den Farben, dem Material. Oft kommen erst im Laufe dieses Entwicklungsprozesses die richtigen Ideen. Wir gehen nicht immer von A nach B, sondern auch von A nach Z. 
(Tillmann Prüfer)

"Bevor ich Hässliches kaufe, besitze ich lieber nichts"

Ludovica Serafini aß jahrelang mit Plastikgabeln, weil sie kein Besteck fand, das ihr gefiel

An einem Morgen um halb zehn herrscht in den Mailänder Büroräumen von Ludovica Serafini geradezu Partystimmung. Es läuft Rockmusik. Unter der langen Tischreihe, an der Grafiker und Designer vor ihren Bildschirmen sitzen, spielen zwei kleine Windhunde Fangen. Mitten im Raum steht der Prototyp einer grauen Toilette. Ein meterhoher Strelitzienbaum ragt bis zur Glasdecke, durch die ein knallblauer Morgenhimmel funkelt. Daneben hängt ein riesiger transparenter Leuchter in Form einer Qualle. "Ich fühle mich hier wie unter Wasser", sagt Serafini und schaut in ihr betriebsames Aquarium.

Serafini, die mit ihrem Mann Roberto Palomba das gemeinsame Architekturbüro in Mailand führt, Häuser einrichtet und Möbel und Lampen für Firmen wie Giorgetti, Foscarini und Zanotta designt, wird oft als Minimalistin bezeichnet. Sie hat eine wassersparende Badewanne entworfen (die nur dort mit Wasser gefüllt ist, wo der Körper liegt), eine Chaiselongue, deren lederne Schale an die Silhouette einer ruhenden Person erinnert, und einen weißen Stuhl, der aussieht wie aus dünnen Kaugummifäden gesponnen. In ihrem wuseligen Atelier sucht man allerdings vergeblich nach demonstrativer Leere. Ludovica Serafinis Idee von Minimalismus ist eine andere. Jahrelang aß sie mit Plastikbesteck, weil sie keines aus Silber fand, das ihr gefiel. Schließlich entdeckte sie ein Besteck von Josef Hoffmann aus dem Jahr 1906, 2000 neu aufgelegt von Alessi. "Ich liebe Schönheit", erklärt sie, "deshalb besitze ich lieber gar nichts, bevor ich mir etwas Hässliches kaufe." Die Regale hinter ihrem Schreibtisch sind vollgestopft mit Modellen und einer großen Sammlung kleiner Objekte, deren einzige Gemeinsamkeit darin besteht, dass Ludovica Serafini sie schön findet: ein Radiergummi in Nashornform, ein alter Kricketball, ein gläserner Aschenbecher. Auf ihrem Computerbildschirm sitzt eine Äffchenfigur.

Ludovica Serafini ist eine Frau von eigenwilliger Eleganz: Mit ihrem perfekt geföhnten, aschblonden Bob, der champagnerfarbenen Seidenbluse, die sie an diesem Morgen trägt, der Art, wie sie ihrem PR-Chef wortlos eine Schere reicht, damit er ihr einen losen Faden vom Ärmel schneidet, und der leicht spöttischen Ironie, mit der sie etwa kommentiert, dass ihr Gegenüber etwas "interessant" findet ("Ja, interessant, was?"), wirkt sie auf faszinierende Weise herablassend. Gleichzeitig umgibt sie etwas Wildes, Spitzbübisches, wenn sie durch ihr Atelier tänzelt und erzählt, dass sie manchmal lieber im Wohnzimmer inmitten ihrer Pflanzen auf dem Fußboden schläft als im Schlafzimmer oder wie sie zu neuen Haustieren kommt: Ihren dritten Hund, eine schwarz gelockte Mischlingsdame, die hinter ihrem Rücken auf ihrem Stuhl hockt, habe sie beim Joggen vom Straßenrand weg adoptiert.

Aufgewachsen in vornehmen römischen Verhältnissen als Tochter einer Restaurateurin und eines Hausmannes, distanzierte sie sich früh vom überladenen Stil ihrer Heimatstadt. Sie erzählt, wie sie als Teenager einmal ihrer älteren Schwester beim Auspacken von deren Hochzeitsgeschenken half. Dabei wickelte sie, zwischen prunkvollen Geschenken aus Silber und Gold, ein merkwürdig spartanisch aussehendes Ding aus. "'Wie hässlich!', sagte meine Schwester. 'Wie schön!', sagte ich." Es war die "Parentesi"-Leuchte, die Achille Castiglioni 1971 entworfen hatte: ein in ein Stahlseil gespanntes, gebogenes Metallrohr, an dem ein schmuckloser Leuchtkopf steckt. Für die 16-jährige Ludovica war diese Lampe im wahrsten Sinne des Wortes eine Erleuchtung: "In diesem Moment habe ich erkannt, was ich im Leben machen will: Dinge vereinfachen."

Aber sosehr sie die Einfachheit schätzt: Der Prunk ihrer Jugend hat Spuren in Serafinis Stil hinterlassen. Wenn man in ihre Wohnung geht, die direkt über den Büroräumen liegt und die sie einen erkunden lässt, während sie unten weiterarbeitet, wird man Zeuge einer überraschenden Üppigkeit: Durch ins Dach eingelassene Fenster fällt ein magisches, leicht bläuliches und zugleich warmes Licht auf übereinandergelegte rote Teppiche, gerahmte Schwarz-Weiß-Porträts des Designerpaars und ihrer erwachsenen Tochter, auf afrikanischen Perlenschmuck, Steingut, ein mit Heiligenbildern geschmücktes Kreuz, eine weiße Hand unter einer Glashaube, einen silbernen Kerzenleuchter mit vielen Armen, die sich schlängeln wie Wasserpflanzen. "Ich mag leere Räume", sagt Ludovica Serafini, die Minimalistin, "weil man sie füllen kann."

Rom, erklärt sie, sei eine von zu viel Macht und Kultur verzogene Stadt. Das habe sie geprägt: "Die Römer kann man mit nichts schockieren." Es dauerte, bis sie der Stadt den Rücken kehrte. Erst studierte sie in Rom Literatur, dann Architektur. Die Wochenenden ihrer Zwanziger verbrachte sie mit einer Gruppe reicher und schöner Freunde auf rauschenden Festen. "Das war mein Milieu", sagt sie. "Aber mein Stil war immer ein anderer." Sie zeigt auf ihrem Handy ein abfotografiertes Bild von sich auf einer Party im Jahr 1991, bei der sie im Morgengrauen ihren Mann kennenlernte. Zu sehen ist eine junge Ludovica in einem bodenlangen, roten Bustierkleid. "Das war von Valentino, aber trotzdem sehr schlicht", erklärt sie. "Es gab auf diesem Fest Frauen in Kleidern von Capucci. Sehr kreativ, aber für mich viel zu viel auf einmal, viel zu viel Wirrwarr!" Mit 30 verließen sie und Roberto Palomba schließlich Rom und gründeten ihr erstes Studio im Veneto, um kurze Zeit später nach Mailand zu ziehen, wo sie seit 1994 arbeiten. "Ludovica und Roberto Palomba" werden die beiden meistens genannt, obwohl Serafini ihren Mädchennamen behalten hat. Stört sie das? "Gar nicht! Ludovica und Roberto Palomba ist mir schon zu lang. Ich wünschte, wir würden Hugo heißen!"

Kommentare

5 Kommentare Kommentieren
Himmelslaus
#1  —  vor 8 Monaten

+++Entwerfen Frauen anders?+++

Pardon, ich kann mir folgende Bemerkung nicht verkneifen:
Die Frage ist doch schon unzulässig, wenn es nach der PC geht.
Ob Menschen der einen Gruppe anders sind als Menschen anderer Gruppen.
Eine pauschale Unterstellung, jemand sei anders, weil er Frau ist.

Unerhört aber auch.
Und jetzt lese ich den Artikel.

;-)

Himmelslaus
#2  —  vor 8 Monaten

Als Architekt mit eigenem Büro, derzeit 11 Mitarbeitern und 30 Jahren Berufserfahrung lehne ich mich jetzt extrem weit aus dem Fenster:

In meiner Arbeitswelt gibt es einen ( nur einen! ) signifikanten Unterschied zwischen Mann und Frau:
Frauen sind ungeduldiger, fordern früher Ergebnisse ein, oder Ziele, sofern diese noch nicht ausreichend exakt definiert sind.
Sie stellen früher als Männer systemrelevante Fragen und geben hierauf auch früher Antworten als die Männer. ( was ihnen manchmal zum Nachteil gereicht - verflixte Ungeduld ).

Männer sind geduldsamer, stellen weniger Fragen, Systemrelevanz - insbesondere, wenn es geschäftsschädigend wird, hier sind Männer zurückhaltender als Frauen.
Führt schlussendlich zu:

Wenn ich wissen will, was in meinem Büro los ist, frage ich meine Frauen.
tendenziell....
Wesentlich ist hierbei:

Ich habe sowohl das "Chef-sein" als auch das "Mann- sein" seit vielen Jahren bewusst zurück gestellt.
In meinem Büro gibt es weder einen Chef ( in dem Sinne, dass ich als Chef auftrete, ich vermeide das ), noch spielt das Geschlecht eine Rolle.
Das geht soweit, dass wir damit jeden Tag koketieren, wer welche Rolle hat....Chef, Frau, Mann....

Warum ich das für mich und für mein Büro so gewählt habe?
Aus dem Bauch heraus.
Das System ist aber auch extrem erfolgreich, so nebenbei...........