Tanzen "Baby – shark – du – du – du – du – du!"

© Aline Zalko
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Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 4/2019

Lotta tanzt gerne. Ich eher nicht. Ich gehe nicht gerne in Clubs. Ich war auch noch nicht gerne in Clubs, als sie noch Diskotheken hießen. Und wenn ich doch mal in einer war, war ich eher einer von denen, die am Rand standen und sich an ihrer Flasche Bier festhielten. Was ich in jedem Fall vermieden habe, war zu tanzen. Jedenfalls bis zum dritten Bier. Tanzen war etwas, das mich überhaupt nicht innerlich aufbaute. Tanzen ist ja für Jungs ein Problem. Als Junge möchte man cool sein. Wenn man cool ist, bewegt man sich nicht. Damit man beim Tanzen aber gut aussieht, muss man sich stark bewegen. So wie John Travolta. Aber zwischen unbeweglich cool sein und superbeweglich hot sein erstreckt sich ein weites Feld, auf dem man alles Mögliche falsch machen kann. Ich habe stets alles Mögliche falsch gemacht. Entweder drückte ich mich am Rand der Tanzfläche herum und bewegte mich je einen Schritt nach vorn und einen Schritt zurück. Oder ich stand in der Mitte der Tanzfläche und warf meine langen Haare hin und her. Beides fand kein Mädchen anziehend. Doch es war die einzig mögliche geistige Haltung, mit der ich mich auf einer Tanzfläche bewegen konnte: Ich tanzte, um für mich zu sein, mit mir allein. Aber das ist nun mal das Allerschlimmste für einen Jugendlichen: mit sich selbst allein zu sein.

Der größte Vorteil am Erwachsenwerden war für mich also, mich nie mehr mit dem Thema Tanzen auseinandersetzen zu müssen. Wer erwachsen und fest liiert ist, muss höchstens noch bei Hochzeiten tanzen. Und dabei kann man sich lustig um die eigene Achse drehen und muss sich keine Sorgen machen, ob das gut aussieht oder nicht.

Warum ich das alles schreibe? Weil diese Zeit vorbei ist. Ich muss mich nun jeden verdammten Tag mit Tanzen auseinandersetzen. Lotta tanzt nämlich die ganze Zeit. Sie singt "Baby – shark – du – du – du – du – du!", schüttelt ihre Haare, ihre Hände, ihre Hüften. Sie steht vor dem Toaster, wartet darauf, dass ihr Weißbrot geröstet ist, und tanzt. Sie putzt sich die Zähne und tanzt. Sie macht Hausaufgaben und tanzt. Sie tanzt sogar, wenn sie beim Abendessen sitzt: "Baby – shark – du – du – du – du – du!" Es ist völlig unmöglich, selbst davon unberührt zu sein. Man kann nicht ruhig bleiben. Es gibt auch Tänze, die dem Videospiel Fortnite entliehen sind. Einer davon heißt "Hype". Dabei hüpft man auf einem Bein und tritt mit dem anderen in die Luft. Es gibt den "Loser"-Tanz. Dabei bewegt man sich wie ein Hampelmann und formt vor seinem Gesicht mit Daumen und Zeigefinger ein L. Und dann den "Floss"-Tanz, bei dem man sich von links nach rechts in den Hüften wiegt und dabei die Hände abwechselnd vor dem Körper und hinter dem Rücken schwenkt. Meine Kinder spielen nicht Fortnite, sie tanzen es. Das ist nicht ganz einfach, es sieht aber so aus. Ich übe es heimlich vor dem Spiegel. Manchmal mache ich es ihnen gedankenlos nach, was soll ich tun? Man kann nicht zwischen lauter sich wiegenden Wesen leben und sich dabei gar nicht rhythmisch bewegen. Manchmal finde ich, dass ich das mit diesem Zahnseide-Tanz schon ganz gut draufhabe. Dann packt es mich, ich stelle mich vor den Spiegel und schwenke die Hüften und die Hände. Und dann schaut mich Lotta an und sagt ernst: "Das solltest du vielleicht besser nicht tun, Papa." Und wendet sich ab. Und schon fühle ich mich wieder wie ein 16-Jähriger. Tanzen hält jung.

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