© Herlinde Koelbl

Édouard Louis "Ich habe mich die meiste Zeit meines Lebens geschämt"

Édouard Louis stand als Jugendlicher immer abseits. Er fand einen Weg, diesem Leben zu entkommen. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 5/2019

ZEITmagazin: Monsieur Louis, mit dem Erscheinen Ihres ersten Buchs Das Ende von Eddy änderten Sie Ihren Namen von Eddy Bellegueule in Édouard Louis. Wenn jemand auf der Straße Eddy rufen würde, wie würden Sie reagieren?

Édouard Louis: Vor drei Jahren wäre ich noch traurig und sogar beleidigt gewesen. Der Name Eddy stand für meine verhasste Kindheit. Meine ganze Familie hatte einen ziemlich schlechten Ruf. Die Lehrer dachten: Ach, wieder so ein Bellegueule, aus dem wird nichts. Ich fühlte mich in dem Namen gefangen, er war ein Symbol dafür, dass ich wie mein Bruder werden würde – gewalttätig, Alkoholiker und ständig im Knast. Mit Édouard Louis fühlte ich mich frei, jedes Mal, wenn mich jemand so ansprach, hat alles in mir getanzt und gefeiert.

ZEITmagazin: Sie schreiben aber: Er, also Sie, hat sich nicht so sehr verändert, wie er uns glauben machen will.

Louis: Mein Körper beherbergt eine Geschichte, eine Sprache und eine Vergangenheit. Und von Zeit zu Zeit fühle ich, wie Eddy durch meinen Körper schreit: Ich will existieren! Manchmal träume ich davon, wieder mit den anderen Dorfkindern nachts an der Bushaltestelle zu trinken. Ich durfte dabei sein, gehörte aber nicht dazu. Es hieß immer: Steh nicht so nah bei uns, du bist anders als wir, Schwuchtel. Als schwules Kind wurde ich bespuckt, gejagt und verprügelt. Aber dass ich immer abseits stand, hat mich gerettet. Ich erkannte besser als die anderen, was für ein mieses Leben wir eigentlich hatten und dass ich dem Dorf entkommen musste. Für die meisten Menschen war das der Normalzustand. Meine Mutter würde sagen, es könnte doch schlimmer sein. Weil all diese Gewalt in ihrem Leben auch schon in dem ihrer Mutter und ihrer Großmutter war und auch in dem ihrer Töchter sein wird.

ZEITmagazin: Sie erhielten ein Stipendium für ein Theatergymnasium. Wie hat das Ihr Leben verändert?

Louis: Ich glaubte, endlich am Ziel meiner Reise angelangt zu sein, denn ich war nicht wie alle anderen in der Fabrik gelandet. Und dann erkannte ich, dass es noch so viel mehr Möglichkeiten gab. Ich beschloss, nach Paris zu ziehen und Schriftsteller zu werden. Meine Freunde am Gymnasium fanden das gar nicht gut: Wir haben dich willkommen geheißen, den Kerl vom Lumpenproletariat, und jetzt willst du es weiter bringen als wir? Sie hassten mich richtig. In Paris wurde mir dann als jungem Autor Zutritt zu der privilegierten Schicht gewährt, ich wurde zu Festen eingeladen. Ich war so stolz und hatte das Gefühl, zu etwas sehr Wichtigem zu gehören. Aber als ich in meinem ersten Buch Das Ende von Eddy über meine Kindheit schrieb, war das vorbei, und die Bourgeoisie verstieß mich ebenfalls.

ZEITmagazin: Reden wir über Scham. Ihre Mutter schämte sich, weil Sie gesagt haben, dass Sie arm waren. Wofür schämen Sie sich?

Louis: Ich habe mich die meiste Zeit meines Lebens geschämt. Als Kind schämte ich mich dafür, schwul zu sein. Und dann in Paris schämte ich mich für meine Herkunft. Aber durch das Schreiben bin ich dieses Gefühl losgeworden. Manchmal übernimmt Eddy meinen Körper, und die alte Scham kommt wieder hoch. Kürzlich war ich mit einer Freundin im Restaurant, sie ist aus der Bourgeoisie. Wir lachten, und plötzlich sagte sie: Pst, leiser, du bist zu laut. Und für mich klang es wie: Du schreist wie ein Bauer. Wahrscheinlich hat sie es gar nicht so gemeint.

ZEITmagazin: In Ihren Büchern schreiben Sie sehr oft über Gerüche. Den Geruch von Erde, Wärme oder Schweiß. Warum?

Louis: Schon als Kind war ich regelrecht besessen von Gerüchen. Sobald mein Vater die Sozialhilfe durchgebracht hatte, ging er am Dorfteich fischen, und es gab jeden Tag Fisch. Dieser Gestank, wenn meine Mutter den Fisch schuppte und ausnahm! Mir wird heute noch von dem Geruch übel. Manchmal kauften auch mehrere Familien ein Schwein und schlachteten es. Der Geruch des frischen Blutes war einfach widerlich. Mein Vater hat von dem noch warmen Blut immer einen großen Schluck genommen und es genossen, dass ich mich fast übergeben habe. Seitdem kann ich kein Schweinefleisch und keinen Fisch mehr essen.

ZEITmagazin: Wie würden Sie die Person Édouard Louis heute beschreiben?

Louis: Ich bin es schon wieder leid, Édouard Louis zu sein. Mir gefällt nicht, wie ich aussehe. Es ist eine Art Besessenheit, mich ständig ändern zu wollen. Ich plante sogar, mich tätowieren lassen, um nicht mehr die gleiche Haut zu haben. Ich habe diesen Traum: Ich fliege in eine kleine Stadt in Japan und beginne ein neues Leben. Niemand dort kennt meine Vergangenheit. Ein Leben, in dem ich nicht Eddy oder Édouard Louis bin, der schwule Schriftsteller aus der Arbeiterklasse.

Das Gespräch führte Herlinde Koelbl. Sie ist Fotografin und gehört neben dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger, Anna Kemper, Ijoma Mangold, Christine Meffert und Khuê Phạm zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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