Hannes Ley "Politiker sollen endlich begreifen, wie das Netz funktioniert"

© Florian Raz
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 5/2019

An meinen letzten nächtlichen Albtraum kann ich mich kaum erinnern, mich beschäftigen reale Albträume. Seit der Gründung der Facebook-Gruppe #ichbinhier Ende 2016 haben mich einige der Hasskommentare, auf die ich dann mit diesem Hashtag reagiert habe, sehr erschüttert. Äußerungen zur Flüchtlingsroute über das Mittelmeer wie "Punktiert doch einfach die Schlauchboote, auf dem Meeresgrund ist genug Platz für alle" verfolgen mich über Stunden. Ich stehe fassungslos vor diesen menschlichen Abgründen. Einen Weg in meine nächtlichen Träume haben diese Hasskommentare glücklicherweise nicht gefunden.

Das liegt vielleicht daran, dass ich mich schon seit meiner Jugend intensiv mit dem Thema Rechtsradikalismus auseinandersetze. Nachdem ich als Achtjähriger mit einem Freund im Wald gewesen war und er mit einem Stock ein Hakenkreuz in den Waldboden gemalt hatte, habe ich zu Hause gefragt, was dieses Symbol bedeutet. Meine Mutter hat mir dann Das Tagebuch der Anne Frank und Als Hitler das rosa Kaninchen stahl auf mein Bett gelegt. Schon damals habe ich also angefangen, mich mit der dunklen Seite der Menschen zu beschäftigen – einer Seite, der die sozialen Medien die Tore geöffnet haben.

Als ich #ichbinhier gegründet habe, war meine Vision, für mehr Anstand im Netz zu kämpfen. Ich liebe das Internet, ich arbeite täglich damit und darin. Ich möchte es gern wieder mit positiver Bedeutung aufladen. Unser Motto lautet: "Aktiv gegen den Hass und für eine bessere Diskussionskultur". Im Moment sind wir allerdings ausschließlich damit beschäftigt, gegen den Hass zu agieren.

Und leider geht es dabei ja nicht nur um das Netz: Wer sich Talkshows oder Reden von Trump und Erdoğan anhört, kann schon mal seinen Optimismus verlieren. Zum Glück bekomme ich durch unsere Gruppe sehr viel positive Energie: Dass sich bei uns rund 46.000 Menschen zu einer Wertegemeinschaft zusammengeschlossen haben, zeigt, dass viele auf der richtigen Seite stehen. Die auf der anderen Seite sind nur lauter. Am Anfang haben wir noch gedacht, wir könnten mit den Menschen, die Hasskommentare posten, ins Gespräch kommen. Aber das ist kaum möglich.

Hinter diesen Hasskommentaren stecken oft geistige Brandstifter, die mit klaren politischen Zielen den Mob anheizen. Umso wichtiger ist es, denen, die mitlesen, zu zeigen, dass es auch eine andere Form von Kommunikation gibt. Inzwischen haben wir ein Konzept für Schulen entwickelt, mit dem wir Schülern eine bessere Diskussionskultur nahebringen wollen.

Zu meinem großen Traum gehört, dass Bildungseinrichtungen Schüler besser im Umgang mit der Netzkommunikation schulen; dass sich die Rechtsdurchsetzung im Netz verbessert; und dass Politiker endlich begreifen, wie das Netz funktioniert, damit sie sinnvolle Gesetze gegen Hassbotschaften auf den Weg bringen können. Ich wünsche mir außerdem ein stärkeres Engagement der Bürger im Netz: mehr digitale Zivilcourage.

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