Hanya Yanagihara: Die Stilistin

Tagsüber beschäftigt sie sich mit Design und Schönheit, nachts schreibt sie über menschliche Abgründe: Mit ihrem Roman "Ein wenig Leben" wurde Hanya Yanagihara aus dem Nichts heraus weltbekannt. Ein Hausbesuch in New York Von
ZEITmagazin Nr. 5/2019

Hanya Yanagihara, 44, höchstens 1,60 Meter groß, öffnet die Tür ihres Lofts im New Yorker Stadtteil Soho und bittet nach einer kurzen, herzlichen Begrüßung, die Schuhe auszuziehen. Hat man erst auf Strümpfen ein paar Schritte auf dem schwarz lackierten Holzboden eines schmalen Korridors zurückgelegt, begreift man schlagartig die Dringlichkeit, mit der Yanagihara den Dreck der Straße aus ihrer Wohnung fernhalten will: Der Korridor öffnet sich zu einem überwältigend großen, luftigen Raum voller Bücher, Kunstwerke und Objekte mit Wänden, die leuchtend blau und pink gestrichenen sind. Ein Märchenreich. Hier Staub wischen zu müssen ist mühsam.

Ein massives schwarzes Bücherregal teilt das Loft in zwei Bereiche: auf der einen Seite lesen und essen, auf der anderen schreiben und schlafen. Es stünden 12.000 Bücher im Regal, sagt Yanagihara, alphabetisch nach Autorennamen geordnet. Ab und zu miste sie aus, um Platz für Neues zu schaffen. "Aber das fällt mir schwer. Mir ist aufgefallen, dass ich manche Bücher nur behalte, weil ich das Cover schön finde."

Schönheit ist ein Wort, das im Gespräch mit Yanagihara oft fällt, es ist ein Schlüsselbegriff in ihrer Welt. Viele Artefakte, Stoffe und Möbel in ihrer Wohnung hat sie von Reisen mitgebracht, eine alte Messingglocke aus Bhutan zum Beispiel oder eine Ho-Chi-Minh-Büste aus Saigon, auch Lampenfüße und Stühle, einen Schildkrötenpanzer und den Ast einer Koralle. Was sie zusammengetragen hat, ist nicht notwendigerweise edel oder wertvoll, aber in irgendeiner Form reizvoll und schön. Hier lebt jemand, der sich selbst sehr gut kennt und gut für sich sorgt, das spürt man sofort. An der Decke dreht sich über Couchtisch und Lounge-Chair im Loft ein Ventilator, obwohl es draußen knapp ein Grad ist und die Luft kalt. Yanagihara deutet augenrollend an die Decke. Es sei die einzige Möglichkeit, von der Musik aus dem Chloé-Laden unten im Haus abzulenken.

Jahrelang war Yanagihara für das Luxusmagazin Condé Nast Traveller als Reisereporterin an den schönsten Orten der Welt (und hat nebenbei Romane geschrieben), dann wurde ihr Roman Ein wenig Leben ein Weltbestseller. Jetzt leitet sie das T-Magazin, die monatliche Stilbeilage der New York Times.

Ein wenig Leben, 2015 im Original erschienen und 2017 auf Deutsch, ist eins dieser Bücher, denen man an den unterschiedlichsten Stellen begegnet: im Reisegepäck einer Studentin und im Bücherregal eines Osteopathen, in Lesekreisen und Ferienhäusern. Yanagihara ist mit Anfang vierzig aus dem Nichts heraus eine umworbene Autorin geworden. Und sie führt zwei Leben parallel: tagsüber als Angestellte, abends und nachts als Romanautorin. Am Tag geht es um edles Design und herausragende Architektur, um Anmut und Stil, Licht und Glanz. Nachts um die dunklen Seiten menschlicher Existenz.

Kommende Woche erscheint ein zweites Buch von Yanagihara auf Deutsch, ihr literarisches Debüt Das Volk der Bäume, das in den USA bereits 2013 veröffentlicht wurde. Es erzählt die Geschichte eines amerikanischen Wissenschaftlers, Norton Perina, der während einer Expedition in den 1950er-Jahren tief im Dschungel der fiktiven Südsee-Insel Ivu’ivu ein Volk entdeckt, dessen Mitglieder zum Teil viele Hundert Jahre alt geworden sind. Das Geheimnis der Langlebigkeit ist auf eine besondere Spezies von Schildkröten zurückzuführen, die sogenannte Opa’ivu’eke. Wer von ihrem Fleisch isst, kann ewig leben, verliert allerdings allmählich den Verstand. Seine Entdeckung beschert Perina einen Nobelpreis und kolossalen Ruhm, der jäh in sich zusammenfällt, als ihn einer seiner Adoptivsöhne – Perina hat im Laufe der Zeit Dutzende Kinder von der Insel zu sich nach Hause geholt und erzogen – wegen sexuellen Missbrauchs verklagt. Er kommt ein Jahr ins Gefängnis, wo er auf Anregung eines ihm zutiefst ergebenen Assistenten seine Memoiren schreibt. Der Assistent, der bis zuletzt an die Unschuld seines Idols glauben will (und deshalb grandioserweise sogar die entscheidende Passage, in der Perina den Missbrauch einräumt, zunächst streicht), ergänzt Perinas Autobiografie mit teils ausufernden, sehr lustigen Fußnoten.

Yanagihara hat in Das Volk der Bäume eine wahre Geschichte fiktionalisiert, die ihr aus der Kindheit vertraut ist: die Geschichte des Wissenschaftlers Daniel Carleton Gajdusek, der auf Papua-Neuguinea die mysteriöse Krankheit eines Stammesvolks erforschte und nachwies, dass sie auf rituellen Kannibalismus zurückzuführen war. "Mein Vater war Arzt und Wissenschaftler, und Gajdusek war eine überragende Figur in seinem Dunstkreis. Er war ein Star", sagt Hanya Yanagihara. Sie hat ihre Ballerinas abgestreift und sitzt jetzt barfuß in einer Ecke ihres Sofas, umgeben von so vielen bunten Kissen unterschiedlicher Größen und Muster, dass sie selbst Teil des Arrangements zu sein scheint und fast darin verschwindet. Yanagihara hat eine volle Stimme, die sie durchgehend auf einem Niveau hält, es gibt kaum Ausschläge nach oben oder unten. Sie spricht sehr schnell und wirkt ungerührt, antwortet aber offenherzig auf alles, was man fragt.

Wegen seiner großen Verdienste für die Medizin wurde Gajdusek von den Yanagiharas bewundert, sein Name fiel ständig am Abendbrottisch der Familie. Er (und auch die komplizierten Namen tödlicher Viren) war der halbwüchsigen Hanya geläufiger als etwa die Namen von David Bowie oder Madonna. 1976 erhielt Gajdusek für die Entdeckung der Prionen (einer neuen Art von Krankheitserregern) den Nobelpreis für Medizin, 20 Jahre später ermittelte das FBI wegen sexuellen Missbrauchs gegen ihn. Nach einer einjährigen Haftstrafe zog er sich in den Norden Norwegens zurück, wo er 2008 starb.

Ihren Helden Perina beschreibt Yanagihara als jemanden, der grotesk naiv durchs Leben stolpert. Als hyperintelligenten Wissenschaftler, der keine Vorstellung davon hat, was Uneigennützigkeit oder gar Menschlichkeit bedeuten. Einer, der nicht nur die Versuchstiere in seinem Labor, sondern auch sich selbst interessiert beobachtet. Als Perina über das Verhältnis zu seinem Bruder nachdenkt, beschreibt er einen "hartnäckigen und festen, aber nicht schmerzhaften und nicht unangenehmen Druck in der Brust" und folgert, dass es sich "in Ermangelung eines besseren Begriffs um Liebe handelt".

Wenn man eine komplexe Figur wie ihn nicht mit einer gewissen Sympathie beschreibe, werde er das Abziehbild eines Monsters, sagt Yanagihara. Ursprünglich habe sie Gajduseks exzentrische Verschrobenheit fasziniert, die typisch für amerikanische Wissenschaftler der 1950er-Jahre gewesen sei: "Das waren überragende Persönlichkeiten mit ähnlich exzentrischen Eigenschaften wie Leute aus der Kunstszene." Später, als Gajdusek sich schuldig machte, kam die Frage dazu, wie man mit Menschen umgeht, die sowohl außerordentliche Leistungen als auch tiefste Niedertracht in sich vereinen – eine Frage, die mit der #MeToo-Bewegung neue Dringlichkeit bekommen hat: Wie steht man zur Arbeit eines Künstlers, der offenbar zu Missbrauch und Gewalt imstande ist? Yanagihara sagt, sie könne sich immer noch mit Vergnügen Filme von Woody Allen anschauen, der von seiner Adoptivtochter beschuldigt wird, sie als Kind sexuell missbraucht zu haben (und selbst den Vorwurf abstreitet). Aber sie könne Menschen verstehen, die das nicht tun, weil sie Abscheu gegenüber dem Regisseur empfinden. "Beides sollte für sich allein stehen: das Werk und die Person." Auf Gajdusek bezogen hieße das: Er hat Großes für die Wissenschaft geleistet, und er wurde wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt. Das eine dürfe das andere nicht relativieren.

Yanagihara hat schon als Teenager gewusst, dass sie einmal über Carleton Gajdusek schreiben werde – noch vor dessen unrühmlichem Ende, sagt sie. Ihr Onkel Ric, der mit Gajdusek an den National Institutes of Health – Forschungszentren, die der amerikanischen Gesundheitsbehörde unterstellt sind – gearbeitet hat und auch nach seiner Verurteilung mit ihm befreundet blieb, bewahrte eine Zeit lang Tagebücher von Gajdusek auf. Als sie während ihres Literaturstudiums an einem amerikanischen College, sie war damals Anfang zwanzig, die Arbeit an Das Volk der Bäume begann, habe sie sich zwingen müssen, diese Aufzeichnungen nicht zu lesen, sagt Yanagihara. Später hat sie sich zudem von Monografien, die über Gajdusek erschienen, ferngehalten und auch keine Interviews mit seinen Adoptivkindern geführt, um ihre Vorstellungskraft nicht zu korrumpieren: "Ich wollte keine ausgestopfte Version dieses Mannes schaffen."

Kommentare

17 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Ich habe noch nichts von Hanya Yanagihara gelesen, werde aber beim nächsten Gang in einen Buchladen in einem ihrer Bücher herumblättern. Wenn die ersten Seiten interessant zu lesen sind, dann kaufe ich es vielleicht.